ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2009Sanitätsdienst der Marine: Spitzenmedizin auf hoher See

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Sanitätsdienst der Marine: Spitzenmedizin auf hoher See

Hibbeler, Birgit

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Zufrieden bei der Marine: Oberstabsarzt Marko Seelig, Sanitätsoffiziersanwärterin Carina Awater, Stabsarzt Ingo Buchholz und Flottenarzt Volker Hartmann (von links) vor der „Berlin“ Foto: Torsten von Reeken
Zufrieden bei der Marine: Oberstabsarzt Marko Seelig, Sanitätsoffiziersanwärterin Carina Awater, Stabsarzt Ingo Buchholz und Flottenarzt Volker Hartmann (von links) vor der „Berlin“ Foto: Torsten von Reeken
Eigentlich beliefert der „Einsatzgruppenversorger Berlin“ Kampfschiffe mit Treibstoff, Proviant und Munition. Doch bei Bedarf entsteht auf dem Schiff ein modernes Rettungszentrum mit drei OP-Sälen.

Aufregende Wochen liegen hinter ihm. Immerhin führte ihn sein letzter Einsatz in das zurzeit wohl gefährlichste Seegebiet der Welt – vor die Küste Somalias. Seine Aufgabe: Teilnahme an der Antipiraten-Mission der Europäischen Union. Doch nun ist für ihn die Zeit in der „Operation ATALANTA“ vorbei und von Aufregung ist absolut nichts mehr zu spüren. Ganz ruhig liegt der „Einsatzgruppenversorger Berlin“ am Marinestützpunkt in Wilhelmshaven vor Anker. Farblich scheint er sich seiner Umgebung angepasst zu haben, denn sowohl der Himmel als auch die Nordsee sind heute ebenso grau wie die stählerne Außenhaut des mächtigen Schiffs.

Der Einsatzgruppenversorger (EGV) Berlin lässt die anderen Fregatten an der Kaimauer des Marinestützpunkts wie Spielzeugboote aussehen. Es handelt sich um eines der größten Schiffe der deutschen Marine: 174 Meter lang und 24 Meter breit. Sticht der EGV in See, befinden sich bis zu 240 Besatzungsmitglieder an Bord.

Antipiraten-Mission am Horn von Afrika
Der EGV beliefert Kampfschiffe der Marine mit Material aller Art. Dabei sind die Mengen, die das Versorgungsschiff transportiert, enorm. So hat es Platz für 230 Tonnen Proviant und 9 000 Kubikmeter Treibstoff. Aber es spielt auch eine besondere Rolle bei der medizinischen Versorgung der Soldaten. Denn bei Bedarf kann an Bord ein Marineeinsatzrettungszentrum (MERZ) entstehen. Dort kann ein Team aus bis zu 54 Sanitätssoldaten bis zu 43 Verletzte behandeln. Es gibt drei OP-Säle, sodass eine chirurgische und intensivmedizinische Erstversorgung stattfinden kann. Bis zu zwölf Ärzte arbeiten in einem MERZ. Diese kommen aus Bundeswehrkrankenhäusern, zum Teil handelt es sich aber auch um Reservisten aus zivilen Kliniken.

Kurz vor Ostern dieses Jahres kam der Befehl: Vor der Küste Somalias soll ein aktiviertes MERZ vorgehalten werden. „Das war für uns eine ganz besondere Herausforderung“, erinnert sich Dr. med. Volker Hartmann (49), Leiter des Sanitätsdienstes der Einsatzflottille 2. „Wir hatten nur wenige Tage Zeit.“ Der EGV Berlin lag zu dem Zeitpunkt im Mittelmeer vor Zypern und nahm dann Kurs auf Dschibuti, wo das klinische Personal an Bord kam. Bis Juli war das Schiff am Horn von Afrika stationiert. Eine große Anzahl von Verletzten musste das MERZ aber nicht versorgen, denn zu entsprechenden Auseinandersetzungen mit Piraten kam es nicht. Auch eine geplante Geiselbefreiungsoperation der Grenzschutzgruppe (GSG) 9, die ein gekapertes deutsches Schiff stürmen sollte, wurde abgeblasen. Wohl aber musste beispielsweise ein Soldat mit akutem Abdomen aufgrund eines Bridenileus an Bord der Berlin operiert werden. Außerdem wurden Piraten von Schiffen des deutschen Verbands in Gewahrsam genommen. „Die werden natürlich auch medizinisch versorgt und erhalten eine Eingangs- und Abschlussuntersuchung, bevor sie den kenianischen Behörden übergeben werden“, berichtet Hartmann.

Die Räumlichkeiten und die Ausstattung für ein MERZ ist zwar an Bord der Berlin immer vorhanden, aktiviert wird es aber nur bei Spezialeinsätzen. Doch dann ist es Gold wert – wie auch bei der „Operation ATALANTA“ vor Somalia. Denn in einem Seegebiet, das nahezu zehnmal so groß ist wie Deutschland, kann man Verletzte nicht ohne Weiteres ausschiffen oder -fliegen. Eine MedEvac-Maschine vom Typ Airbus A 310 – eine fliegende Intensivstation – kann beispielsweise nicht auf jedem Rollfeld und schon gar nicht in unsicheren Gegenden landen. Entsprechende Flughäfen gibt es in der Region nur in Dschibuti und im kenianischen Mombasa. Dort befinden sich ebenfalls Krankenhäuser, in denen Bundeswehrsoldaten behandelt werden können. Doch es gibt ein Problem: Je nachdem, wo sich ein Schiff mit einem Verletzten befindet, können es bis dorthin schon einmal 1 000 Seemeilen (1 852 Kilometer) sein. Das sind aber Entfernungen, die ein Hubschrauber nicht an einem Stück zurücklegen kann. Das MERZ ist deshalb in bestimmten Situationen ein ganz entscheidender Bestandteil der Versorgungskette auf See.

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr hat die Aufgabe, eine medizinische Versorgung zu leisten, die im Ergebnis dem Standard im Heimatland entspricht. „Das ist ein hoher Anspruch, den wir haben“, erläutert Flottenarzt Hartmann. „Die deutsche Marine und der zentrale Sanitätsdienst gewährleisten aber sicherlich den höchsten Standard unter allen Marinen auf hoher See.“ Tatsächlich ist die Ausstattung des MERZ beeindruckend. Es besteht aus 26 Containern, die in zwei Stockwerken übereinander aufgestellt und miteinander verbunden sind. Mit dem Schiff sind sie durch dicke Versorgungsleitungen etwa für Strom und Wasser verbunden. Neben den OP-Sälen gibt es ein Labor, ein Blutdepot, eine Röntgen- und eine Sterilisationsabteilung sowie eine Apotheke und einen Zahnarztcontainer.

Rettungszentrum mit drei Intensivplätzen
Die Bettenstation liegt nicht in den Containern, sondern im Schiffsinneren. Hier befinden sich 24 Krankenhausbetten. Bei Bedarf können drei Intensivplätze eingerichtet werden. Sauerstoff-, Druckluft- und Stromanschlüsse sind an allen Bettenstellplätzen vorhanden. Darüber hinaus gibt es zehn Kojen für Leichtverletzte. Hinzu kommen weitere neun Plätze im eigentlichen Schiffslazarett, die auch verfügbar sind, wenn das MERZ nicht in Aktion ist. Die technischen Geräte entsprechen alle dem üblichen Krankenhausstandard. Aber der EGV Berlin hat auch Hightech zu bieten: Mitten auf hoher See produziert das Schiff autark Sauerstoff und Druckluft. Auf dem EGV können bis zu zwei Großraumhubschrauber stationiert sein, die je sechs Verwundete liegend transportieren können – bis hin zu Intensivpatienten.

Medizinische Versorgung auf der Berlin: Schiffsarzt Achim Hönninger im Lazarett des Versorgungschiffes und das Marineeinsatzrettungszentrum (MERZ) ohne Patienten sowie in Aktion Fotos: Torsten von Reeken, Bundeswehr/Dr. Hartmann
Medizinische Versorgung auf der Berlin: Schiffsarzt Achim Hönninger im Lazarett des Versorgungschiffes und das Marineeinsatzrettungszentrum (MERZ) ohne Patienten sowie in Aktion Fotos: Torsten von Reeken, Bundeswehr/Dr. Hartmann
Die Marine verfügt über zwei Einsatzgruppenversorger, auf denen ein MERZ eingerichtet werden kann. Nach einer Testphase hat die Marine seit 2002 in acht Fällen ein solches schwimmendes Rettungszentrum aktiviert – unter anderem im Rahmen der UNIFIL-Mission vor der Küste des Libanon. Die Aufgabe der Marine bestand darin, Waffenlieferungen an die Hisbollah zu unterbinden. An einen besonderen Einsatz erinnert sich Hartmann gern: Als an Weihnachten 2004 der Tsunami die Küsten Südostasiens verwüstete, entsandte die Bundesregierung zur humanitären Hilfe die Berlin mit aktiviertem Rettungszentrum. Mitte Januar – am Tag 18 nach der Katastrophe – traf das Schiff in Banda Aceh ein. „Es war beeindruckend zu sehen, wie wir dort helfen konnten“, sagt er. Die Berlin konnte damals nicht anlegen, weil alle Hafenanlagen zerstört waren. Mit Hubschraubern wurden die Patienten an Bord gebracht und Hilfsgüter verteilt. Außerdem habe das Schiff das Rettungszentrum der Bundeswehr an Land unterstützt, ergänzt Achim Hönninger (44), Schiffsarzt der Berlin. Beispielsweise seien an Bord chirurgische Instrumente sterilisiert und dann wieder abgeholt worden. „Unsere Steri-Abteilung war zum Teil rund um die Uhr in Betrieb“, berichtet Hönninger.

Im Normalbetrieb befindet sich auf den EGV ein Schiffslazarett. An Bord ist dann ein Schiffsarzt mit einem Team von vier Mitarbeitern. So ist eine allgemein- und notfallmedizinische Grundversorgung gewährleistet. Auch auf den Kampfschiffen der deutschen Marine, den sogenannten Fregatten, gibt es ein solches Lazarett. Das Personal wird aber aufgestockt, wenn ein Schiff zum Beispiel nicht in der Ostsee unterwegs ist, sondern im Indischen Ozean oder im Südatlantik. Dort herrschen andere Raum- und Zeitfaktoren. Deshalb ist dann zusätzlich ein Facharztteam aus Bundeswehrkrankenhäusern dabei, das eine chirurgische Erst- und weitergehende Notfallversorgung rund um die Uhr gewährleistet. Das trifft auch auf die deutschen Fregatten zu, die zurzeit noch im Rahmen von ATALANTA vor der Küste Somalias eingesetzt sind. Im Schiffslazarett kann der Behandlungsraum in einen Operationssaal umgewandelt werden. Es gibt ein Intensivbett und ein Röntgengerät (C-Bogen).

Ärztemangel ist bisher kein Problem
Mit der schiffsärztlichen Tätigkeit ist Hönninger sehr zufrieden. Die Arbeit sei sehr vielfältig, und man müsse mit allen Situationen klarkommen. „Man braucht ein breites Wissen und manchmal auch ein breites Kreuz“, meint er. So konservativ wie möglich, so operativ wie nötig – das sei ein hilfreiches Motto auf See. Die Arbeit bei der Marine gefällt ihm gut. „Ich bin gern auf See und unterwegs“, sagt Hönninger. Auch aus Sicht von Flottenarzt Hartmann ist das Arbeitsumfeld sehr attraktiv. Vom Ärztemangel sei der Bordsanitätsdienst bisher nicht stark betroffen.

Ein Beweis dafür ist Ingo Buchholz (39). Er ist der Schiffsarzt der Fregatte Hessen, die zurzeit ebenfalls in Wilhelmshaven liegt. Der Stabsarzt hat seinen Job als Internist im Krankenhaus an den Nagel gehängt und kam als Quereinsteiger zur Marine. „Für mich war das genau die richtige Entscheidung“, erklärt er. Mit seiner Arbeit in der Klinik war er zum Schluss sehr unzufrieden. Zwei wichtige Gründe: das DRG-System und die Bürokratie. „Dafür habe ich nicht Medizin studiert“, betont er. Den Schritt zur Bundeswehr habe er keine Sekunde bereut, denn im zivilen Bereich habe man als Arzt überhaupt keine Zeit mehr für die eigentliche Arbeit am Patienten. Sicherlich sei man bei der Marine oft von zu Hause weg. „Wir sind im Schnitt 200 Tage im Jahr auf See“, gibt er zu bedenken. Aber die Tätigkeit entschädige für die Entbehrungen. Ein bisschen Abenteuerlust sei allerdings wohl auch dabei. Buchholz hatte seinen Grundwehrdienst bei der Marine absolviert. Die Arbeit als Schiffsarzt habe ihm nun seine Berufszufriedenheit zurückgegeben, sagt er. Auf seinen nächsten Einsatz in Übersee freue er sich schon.

Bis dahin dauert es noch. Für die Berlin brechen erst einmal ruhige Zeiten an, denn zunächst geht sie in die Werft. Dort wird das Schiff auf Vordermann gebracht und dann neu ausgerüstet – damit an Bord weiterhin Spitzenmedizin auf hoher See stattfinden kann.
Dr. med. Birgit Hibbeler

Foto: PIZ Marine
Foto: PIZ Marine
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Marine im Überblick
Der „Einsatzgruppenversorger Berlin“ gehört zur Einsatzflottille 2 – einem von zwei Großverbänden der deutschen Marine mit Standort Wilhelmshaven. Die Einsatzflottille 2 besteht unter anderem aus 15 Kampfschiffen (Fregatten) und zwei Einsatzgruppenversorgern (EGV). Auf beiden EGV steht ein Marineeinsatzrettungzentrum (MERZ) zur Verfügung und kann bei Bedarf aktiviert werden. Circa 4 500 Soldaten und zivile Mitarbeiter gehören zur Einsatzflottille 2, 105 sind im Sanitätsdienst tätig – davon 13 Ärzte und sechs Ärztinnen.
Die Einsatzflottille 1 hat ihren Hauptsitz in Kiel. Zu ihr gehören unter anderem U-Boote, Minenstreitkräfte und spezialisierte Einsatzkräfte wie Kampfschwimmer.
Rund 365 Soldaten und zivile Mitarbeiter sind beim Marinesanitätsdienst beschäftigt. Davon entfallen 69 Planstellen auf Ärzte.

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