ArchivDeutsches Ärzteblatt44/2009Lebensversicherungen: Der Schein trügt

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Lebensversicherungen: Der Schein trügt

Löwe, Armin

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LNSLNS Trotz der Finanzkrise erhielten die Inhaber von Kapitallebensversicherungen unveränderte Überschussbeteiligungen gutgeschrieben. Doch dafür wurde auch getrickst.

Wenn man bedenkt, dass das ehemals weltgrößte Assekuranzunternehmen, die AIG, nur durch die staatliche Stützung vor dem Kollaps gerettet werden konnte und zahlreiche Banken pleitegingen, sind die deutschen Lebensversicherungen bislang gut durch die Krise gekommen. In Deutschland musste die Protektor, der Feuerwehrfonds des Versicherungsgewerbes, nicht eingreifen. Die meisten Anbieter konnten ihr Rating aus dem Vorjahr sogar behaupten, wie eine Untersuchung des Branchendienstes MAP-Report zeigte.

Die Versicherten erhielten trotz Krise weitgehend unveränderte Überschussbeteiligungen gutgeschrieben. Allerdings trügt der erste Anschein. Die deutschen Lebensversicherer haben im vergangenen Jahr auf Abschreibungen von mehreren Milliarden Euro auf ihre Kapitalanlagen verzichtet, die aufgrund der Kursverluste an den Finanzmärkten eigentlich angefallen waren. Nur durch einen Bilanztrick kam die Branche scheinbar ungeschoren davon. Dies geschah mit Billigung des Bundesamts für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin), das eine großzügige Anwendung des § 341 b Handelsgesetzbuch erlaubte, der eigentlich das Niederstwertprinzip vorschreibt. Da nach müssen die Lebensversicherungen ihre Vermögensanlagen zum niedrigsten der beiden Werte aus Buchwert und Marktpreis in der Bilanz ansetzen. Die BaFin erlaubt es aber, beim höheren Buchwert zu bleiben, wenn der aktuelle Börsenkurs der Wertpapiere nicht um mehr als 20 Prozent den Buchwert unterschreitet.

Die Ratingagenturen Fitch und Assekurata meinen, dass auf diese Weise Abschreibungen in Höhe von rund sieben Milliarden Euro unterbleiben konnten. Nach Schätzung von Experten wäre die Nettoverzinsung im Branchendurchschnitt auf unter drei Prozent gefallen (aktuell: 3,51 Prozent), wenn alle Wertpapiere streng nach dem Niederstwertprinzip bilanziert worden wären. Gutgeschrieben hat die Branche aber ihren Kunden etwas mehr als vier Prozent – also mehr, als die Versicherungen (mit und ohne Bilanzierungshilfe) durch ihre Kapitalanlagen verdient haben.

„Aus dem Krisenjahr 2008 sind die Gesellschaften noch glimpflich herausgekommen“, sagte Manfred Poweleit, Chef des MAP-Reports, der Tageszeitung „Die Welt“. Die kommenden fünf Jahre würden zeigen, wie gut es wirklich um die Branche bestellt sei. Denn die jetzt unterlassenen Abschreibungen müssten in den nächsten Jahren nachgeholt werden; es sei denn, die Kurse würden sich so weit erholen, dass die Marktpreise wieder den Buchwerten entsprächen. Doch das ist eher unwahrscheinlich, auch wenn sich die Kurse insgesamt an den Anleihemärkten erholen sollten. Denn die Lebensversicherer haben in den vergangenen Jahren vor allem Schuldverschreibungen und Schuldscheine von Banken erworben. Auf diese müssen allein schon wegen der schlechteren Bonität der Kreditinstitute erhebliche Abschreibungen vorgenommen werden.

Probleme bereitet der Branche auch das historisch niedrige Zinsniveau. Zehnjährige Bundesanleihen werfen derzeit eine Rendite von 3,3 Prozent ab. Das ist weniger als der durchschnittliche Garantiezins auf alle Lebensversicherungsverträge, der bei 3,4 Prozent liegt. Bei neuen Verträgen muss der Versicherer nur 2,25 Prozent garantieren, bei zahlreichen Altverträgen sind es aber bis zu vier Prozent. Als nachteilig macht sich in diesem Zusammenhang bemerkbar, dass das Neugeschäft mit der niedrigeren Garantieverzinsung sehr schleppend ist. Die Altverträge schlagen damit weit stärker durch als bei boomendem Neugeschäft. Hinzu kommt, dass die Kosten steigen, wenn immer weniger neue Versicherungsverträge abgeschlossen werden. Und da ist kaum eine Besserung in Sicht. Mit langfristigen Engagements tun sich die Bundesbürger derzeit schwer, und das gilt auch für die sehr langfristig ausgelegten Lebensversicherungen. Und die Konkurrenz wird durch alternative Anlagen wie Fondssparpläne immer stärker, nachdem das Steuerprivileg der Lebensversicherung, das jahrzehntelang das Neugeschäft angekurbelt hat, weitgehend entfallen ist.

Auch in der öffentlichen und veröffentlichten Meinung bläst den Lebensversicherungen der Wind ins Gesicht. So warnte die Verbraucherzentrale Hamburg vor einigen Monaten davor, dass die Kapitallebens- und privaten Rentenversicherungen sowie Rürup-Basis-Renten als Rentenversicherungsverträge nicht für die Altersvorsorge geeignet seien. In der gerichtlichen Auseinandersetzung um eine einstweilige Verfügung hat sich das Gericht zwar gegen diese Behauptung gewandt, aber die einstweilige Verfügung, die eine Versicherungsgesellschaft gegen diese Behauptung erstritten hatte, wieder aufgehoben. Armin Löwe
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