ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2009Führungswechsel im BMG: Mit Fingerspitzengefühl

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Führungswechsel im BMG: Mit Fingerspitzengefühl

Rieser, Sabine

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Sabine Rieser Leiterin der Berliner Redaktion
Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion
Wie tritt man am besten auf, wenn man sich als frischernannter Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter im Haus an der Berliner Friedrichstraße den versammelten Mitarbeitern sowie der Presse präsentieren muss? Wie behandelt man seine Vorgängerin, die viele Jahre die machtvolle Herrscherin des Hauses war, am Tag des Stabwechsels aber den Tränen nahe ist?

Dr. med. Philipp Rösler (FDP) zeigt Fingerspitzengefühl an diesem Tag, dem 29. Oktober. Er verzieht keine Miene, als Schmidt behauptet, bislang funktioniere der Sozialausgleich im System der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung „so hervorragend, wie er nie über Steuerzuschüsse funktionieren wird“. Er klatscht höflich mit, ebenso wie die neuen Staatssekretäre, als die vielen Mitarbeiter im Atrium des Hauses ihrer Ministerin für deren Dankesworte lange Beifall spenden. Nur eine ganz kleine Spitze platziert Rösler, als er Schmidt in seiner frei gehaltenen Antwortrede Respekt zollt für die lange Amtszeit und dafür, „dass Sie so erfolgreich aus Ihrer Sicht gewesen sind“.

Fingerspitzengefühl – das wird er weiter brauchen. Ebenso aber diejenigen, die etwas von ihm wollen: darunter die zahlreichen Vertreter ärztlicher Organisationen und Verbände. Viele haben ihre Freude darüber bekundet, dass nun ein Liberaler an der Spitze des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums steht, noch dazu ein Arzt. Er wird, so hofft man, von vornherein mehr Verständnis für die besonderen beruflichen Herausforderungen der Ärztinnen und Ärzte mitbringen und ihre Vorschläge positiver aufnehmen als zuvor Ulla Schmidt.

Doch wer auf Dauer etwas für die Ärzte erreichen will, sollte jetzt mit Bedacht vorgehen. Sicher ist die Versuchung für jeden einzelnen ärztlichen Interessenvertreter groß, rasch Gespräche mit Rösler zu fordern und schnelle Reformergebnisse zu verlangen. Der eine oder andere, so hört man, denkt auch schon einmal darüber nach, ob sich im persönlichen Umfeld des Ministers nicht etwas anstoßen ließe. Rösler ist schließlich mit einer Ärztin verheiratet und pflegt gewiss noch Kontakte zu Kollegen.

Egal, um welches ärztliche Thema es geht: Die eigenen Reformwünsche kann man sicher am erfolgreichsten torpedieren, indem man Rösler auf der privaten Ebene nervt oder ihn so schnell wie möglich in den Ruf eines Ärztelobbyisten bringt. Das wird unliebsame Gegenreaktionen anderer Interessenvertreter und ganz sicher eine Abgrenzungspolitik des Ministeriums auslösen – zum Schaden mancher guten Idee.

Langjährig erfahrene Vertreter der Ärzteschaft wissen zu berichten, wie schnell man Sympathien verspielen kann. Ulla Schmidt, so wird kolportiert, hat es manchem Ärztefunktionär nie verziehen, dass sie sich gleich zu Anfang für eine Aufhebung des damaligen globalen Arzneimittelbudgets einsetzte und dann zusehen musste, wie die Ausgaben entgegen den Versprechungen stark stiegen. Deshalb ist Fingerspitzengefühl angesagt – wenn es um Wünsche wie um Zusagen geht.

Sabine Rieser
Leiterin der Berliner Redaktion
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