ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2009Von Geistern und Gutachten
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LNSLNS Schon in fünf Monaten wird Vancouver das Zentrum der olympischen Winterspiele sein. Im vergangenen September war die malerisch gelegene Stadt an Kanadas Westküste auch die Hauptstadt der medizinischen Publizistik. Mehr als 400 Teilnehmer aus 35 Ländern waren zum 6. Kongress über das Begutachtungsverfahren und die Medizinpublizistik gekommen, dem größten Treffen dieser Art, obgleich nur ein Bruchteil der weltweit über 15 000 medizinischen Zeitschriften repräsentiert war.

Die Schriftleiter und Wissenschaftler diskutierten alle Aspekte medizinischen Publizierens, von Autorenhinweisen bis hin zu Registern für kontrollierte Studien. Im Folgenden sollen einige Studien referiert werden, die von besonderer Bedeutung für die Leser von Fachzeitschriften sind. Sie betreffen die Rollen von Autoren, Gutachtern und Schriftleitern.

Autoren
Ungerechtfertigte und verschwiegene Autorenschaften sind seit langem ein Problem wissenschaftlicher Periodika (1). Bereits vor mehr als zehn Jahren hatten Annette Flanagin und ihre Koautoren in einer Autorenbefragung bei rund einem Fünftel aller in sechs amerikanischen Zeitschriften veröffentlichten Artikel ungerechtfertigte Autorenschaften gefunden. Darüber hinaus hatte an einer von zehn Publikationen ein Autor mitgearbeitet, der nicht benannt worden war („Ghost author“) (2).

Joseph Wislar und Mitarbeiter vom Journal of the American Medical Association, JAMA, wiederholten diese klassische Studie nun, indem sie Autoren der sechs führenden allgemeinen medizinischen Journale online anonym befragten. Für das Jahr 2008 ergab sich bei 26 Prozent aller Artikel ein Hinweis auf eine unberechtigte Nennung als Verfasser, während der Anteil verschwiegener Autoren bei knapp acht Prozent lag; in Originalarbeiten betrug er allerdings 12 Prozent. Im New England Journal of Medicine zum Beispiel war bei jedem zehnten Artikel ein nicht genannter Autor („Ghost author“) beteiligt, und in 15 Prozent fanden sich Wissenschaftler in der Verfasserzeile, die nicht die Kriterien einer Autorenschaft erfüllten.

Da die Studie auf Selbstauskünften beruht und 30 % der Angeschriebenen nicht geantwortet haben, erscheint es denkbar, dass die Zahl ungerechtfertigter oder verschwiegener Autorenschaften tatsächlich noch höher liegt.

Die Bedeutung des „Ghostwriting“ etwa für die pharmazeutische Industrie zeigten Lisa Bero und Jenny White von der University of California San Francisco anhand einer Fallstudie: Sie hatten retrospektiv mehr als 1 000 interne Dokumente (3) untersucht, die im Zusammenhang mit einem Gerichtsverfahren gegen den Arzneimittelhersteller Parke-Davis an die Öffentlichkeit gekommen waren. Das Unternehmen hatte 1996 und 1997 eine Publikationskampagne zur Erweiterung der Indikation des Antikonvulsivums Gabapentin über die offizielle Zulassung hinaus geplant. Dabei fungierten etablierte Wissenschaftler als „Gastautoren“ von Texten, die Parke-Davis hatte schreiben lassen. Nach Angaben von Bero und White waren elf der ursprünglich geplanten 24 Arbeiten in den anvisierten Fachzeitschriften erschienen, ohne dass ihnen ein Hinweis auf die Rolle der Pharmafirma bei der Abfassung des Manuskriptes zu entnehmen gewesen wäre; in nur zwei Fällen sei die Unterstützung durch Parke-Davis in allgemeiner Form erwähnt worden.

Gutachter
Peer Review bleibt ein fehleranfälliges Verfahren. Dies stellten auch Gwendolyn Emerson aus Seattle und ihre Mitarbeiter fest, nachdem sie über 200 Gutachtern zweier orthopädischer Zeitschriften eine erfundene Studie in zwei Versionen vorgelegt hatten: Beide Manuskripte waren identisch bis auf ein positives Hauptergebnis in der einen Version und ein negatives Resultat in der zweiten Fassung. Fast alle Gutachter (98 %) sprachen sich für die Veröffentlichung der positiven, aber deutlich weniger für die Publikation der negativen Studie aus – bei einem der Journale nur 71 %, obwohl das negative Ergebnis wissenschaftlich gleichwertig war. Außerdem fanden die Gutachter in der Darstellung der negativen Studie mehr jener Fehler, die die Autoren absichtlich eingearbeitet hatten.

Dennoch scheint es derzeit keine Alternative zur Begutachtung zu geben, nicht nur für Fachzeitschriften wie das Deutsche Ärzteblatt, sondern auch für Geldgeber wie die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG). Auch für diese Institutionen ist es den Angaben einer Studie von Sara Schroter und Kolleginnen zufolge zunehmend schwierig, Gutachter zu finden. Bei den 28 Organisationen aus 19 Ländern, die in der Online-Befragung Auskunft gaben, kamen oft noch Probleme mit der Pünktlichkeit und der Qualität der Gutachten hinzu. Verschiedene Teilnehmer des Kongresses forderten daher, dass mit einer Begutachtung mehr akademische Meriten für die Reviewer verbunden sein müssten, um das Review-Verfahren zu verbessern.

Schriftleiter
Auch die Schriftleiter kamen in Vancouver nicht ungeschoren davon: In einer Umfrage von Victoria Wong und Michael Callaham aus Kalifornien hielten sich 86 Prozent der Herausgeber verschiedener Zeitschriften für bewandert in Fragen der Publikationsethik. Sie scheiterten jedoch mehrheitlich daran, exemplarische Problemfälle den Leitlinien entsprechend zu bewältigen: Nur 18 % fanden den richtigen Umgang mit Plagiaten, 30 % mit strittigen Autorenschaften und nur 15 % konnten Probleme mit Interessenkonflikten angemessen lösen.

Insgesamt hat sich auch in Vancouver der Eindruck bestätigt, dass man einem wissenschaftlichen Artikel nicht bereits deshalb Glauben schenken sollte, weil er in einer begutachteten Zeitschrift erschienen ist. Zwar sollte man Journalen ohne Peer Review noch weit skeptischer entgegentreten, aber auch begutachtete Journale sollte man kritisch lesen. Alle Beteiligten – die Gruppen der Autoren, der Gutachter und der Schriftleiter – können sich noch verbessern. Trotz aller Mängel bleiben Fachzeitschriften aber das erfolgreichste und wichtige Medium für Ärzte. Die Medizin ist eine Zeitschriftenkultur, und ohne Fachzeitschriften sind Fortbildung und Wissenschaft undenkbar.

Interessenkonflikt
Der Autor leitet die Medizinisch-Wissenschaftliche Redaktion des Deutschen Ärzteblattes.


Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Christopher Baethge
Leiter der Medizinisch-Wissenschaftlichen Redaktion
E-Mail: baethge@aerzteblatt.de

On Ghost Authorship and Reviews—The 6th International
Congress on Peer Review and Biomedical Publication


Zitierweise: Dtsch Arztebl Int 2009; 106(45): 731–2
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0731

@The English version of this article is available online:
www.aerzteblatt-international.de


Sechs Gründe für Autorinnen und Autoren, wissenschaftliche Übersichts- und Originalarbeiten im Deutschen Ärzteblatt zu publizieren

1. Die Reichweite des Deutschen Ärzteblattes
Das Deutsche Ärzteblatt ist mit einer Auflage von rund 400 000 Exemplaren nicht nur die mit Abstand größte medizinische Zeitschrift in Deutschland, sondern auch eine der größten Fachzeitschriften der Welt.

Einen cme-Artikel im Deutschen Ärzteblatt bearbeiten im Durchschnitt mehr als 19 000 Teilnehmer.

Der wissenschaftliche Teil des Deutschen Ärzteblattes wird mit steigender Tendenz auch in der meinungsführenden Publikumspresse als wichtige Quelle wahrgenommen.

2. Die englische Ausgabe: Deutsches Ärzteblatt International
Alle wissenschaftlichen Artikel des Deutschen Ärzteblattes werden vollständig und kostenfrei übersetzt und in unserer englischen Online-Zeitschrift Deutsches Ärzteblatt International publiziert. Damit sind Artikel im Deutschen Ärzteblatt international zitierfähig.

3. Die Präsenz in allen wichtigen Datenbanken
Alle wissenschaftlichen Artikel im Deutschen Ärzteblatt sind durch ihre Publikation in der englischen Ausgabe Deutsches Ärzteblatt International in Medline gelistet und darüber hinaus in fünfzehn weiteren Datenbanken vertreten.

4. Der Impact-Faktor
Bereits seit 2008 wird Deutsches Ärzteblatt International in der Datenbank Science Citation Index geführt. Dies bedeutet, dass die Zeitschrift in Kürze erstmals einen Impact-Faktor erhalten wird.

5. Das Autorenhonorar
Das Deutsche Ärzteblatt zahlt allen korrespondenzführenden Autoren ein Honorar von 1 000 Euro nach Publikation.

6. Der freie Zugang zu allen Artikeln
Alle Beiträge im Deutschen Ärzteblatt sind im Internet frei zugänglich (open access). Dies gilt für die deutsche und für die englische Fassung.

Die Redaktion freut sich auch über unverlangt eingereichte Übersichts- und Originalarbeiten.

Für interessierte Autoren sind wir jederzeit ansprechbar.
1.
Baethge C: Publish together or perish [Gemeinsam veröffentlichen oder untergehen] Dtsch Arztebl Int 2008; 105(20): 380–3. MEDLINE
2.
Flanagin A, Carey LA, Fonatanarosa PB, et al.: Prevalence of articles with honorary authors and ghost authors in peer-reviewed medical journals. JAMA 1998;280 (3): 222–4. MEDLINE
3.
University of California, San Francisco: Drug Industry Document Archive. http://dida.library.ucsf.edu
1. Baethge C: Publish together or perish [Gemeinsam veröffentlichen oder untergehen] Dtsch Arztebl Int 2008; 105(20): 380–3. MEDLINE
2. Flanagin A, Carey LA, Fonatanarosa PB, et al.: Prevalence of articles with honorary authors and ghost authors in peer-reviewed medical journals. JAMA 1998;280 (3): 222–4. MEDLINE
3. University of California, San Francisco: Drug Industry Document Archive. http://dida.library.ucsf.edu

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