ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2009Ärzteschach: Der Kinderarzt von Katernberg

SCHLUSSPUNKT

Ärzteschach: Der Kinderarzt von Katernberg

Dtsch Arztebl 2009; 106(45): [88]

Pfleger, Helmut

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Als Essen deutsche Kulturhauptstadt wurde, verstand ich die Welt nicht mehr – wie konnte man nur an Bamberg vorbeigehen?! Doch langsam dämmerten mir die unverkennbaren Vorzüge Essens; schließlich gibt es nicht nur die Schönheit mittelalterlicher Bauten, sondern auch eine Industriekultur, exemplarisch hierfür die Zeche „Zollverein“. Dabei mag man heutzutage die vor gar nicht so langer Zeit damit verbundene schwere Arbeit, das „Malochen“, leicht vergessen, doch spätestens in einem sozialen Brennpunkt wie Essen-Katernberg wird es wieder bewusst.

Nun ist Katernberg schachlich eine feine Adresse, spielt Dr. med. Thomas Wessendorf, einer der Stärksten beim Ärzteturnier, im dortigen Bundesligaverein. Doch über ihn mehr das nächste Mal, hier und heute gilt mein Augenmerk Dr. med. Reinhard Kennemann. Vor einiger Zeit gab es über ihn eine eindrückliche Dokumentation im WDR: „Der Kinderarzt von Katernberg“. Sehr bewusst hatte sich Dr. Kennemann diese schwierige Gegend ausgewählt, in der keine Reichtümer zu verdienen sind und der Anteil der Privatpatienten bei nur 0,5 Prozent liegt. In dem Film wird auch gezeigt, wie er in seiner Freizeit am Gymnasium seines Sohnes Henrik Schachgruppen leitet, treu seinem Motto: „Das schönste Hobby der Welt“. Welches, wie etliche, nicht zuletzt universitäre Untersuchungen bezeugen, sowohl das soziale Verhalten und Gefüge verbessert als auch die individuellen Lernleistungen.

Doch manchmal will auch der „sozialste“ Mensch sein „eigenes Ding tun“, und sei es, den Gegner am Schachbrett mattzusetzen; schließlich ist Aggression nicht nur dem Menschen überhaupt, sondern auch dem ursprünglichen Kriegsspiel Schach inhärent.

Dafür bieten sich die „Schachfreunde Überruhr“ an, beispielsweise wenn sie gegen den Verein „Listiger Bauer“ antreten. Kennemann: „Das hat natürlich den Ehrgeiz angestachelt, gerade gegen diesen Verein selber einen Listigen Bauern attackieren zu lassen.“

Dr. Kennemann hatte Weiß gegen Herrn von der Lippen (was mich unwillkürlich an die berühmte Essener „Ente Lippens“ denken lässt – Nichtfußballer, zumal mit orthopädisch einwandfreiem, sprich nicht watschelndem Laufstil, mögen mir die Abschweifung verzeihen). Letzterer hatte gerade Dr. Kennemanns bestes Stück, die Dame, angegriffen. Doch was machte dieser?!

Lösung:
Weiß ignorierte die Bedrohung seiner Dame und schlug stattdessen mit 1. exf6! den schwarzen Springer, um nach 1. . . . Txd3 seinen „listigen“ und obendrein hungrigen Bauern sich mit 2. fxe7 weiter den Bauch vollschlagen und nebenbei der ersehnten Umwandlung in eine neue Dame annähern zu lassen. Dummerweise kann ihn der damenfressende, aber selbst angegriffene Turm d3 nicht aufhalten, sodass nach 2. . . . Sd7 3. Lxd3 Dr. Kennemann mit Turm, Läufer und Springer sowie einem Riesenfreibauern auf e7 für die Dame materiell prächtig gefahren war – wohl um einiges besser als in seiner Praxis. Dass allerdings der Verein „Listiger Bauer“ ihm ob dieser Tat ein hoch dotiertes Angebot gemacht hat, kann ich nicht hundertprozentig belegen.
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