ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2009Nationale Forschungsplattform für Zoonosen: Schweinegrippe, Vogelgrippe – oder was auch immer kommen mag

MEDIZINREPORT

Nationale Forschungsplattform für Zoonosen: Schweinegrippe, Vogelgrippe – oder was auch immer kommen mag

Richter-Kuhlmann, Eva

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LNSLNS Human- und Veterinärmediziner forschen gemeinsam, um gegen neue Erregervarianten gewappnet zu sein.

Die aktuelle Bedrohung durch die Neue Grippe A/H1N1/ 2009 zeige, dass Impfungen allein als Gegenmaßnahme nicht ausreichen. Schließlich könne die Impfstoffentwicklung immer nur zeitversetzt auf neue Erreger reagieren, meint Prof. Dr. med. Stephan Ludwig (Westfälische Wilhelms-Universität Münster). Der Virologe ist einer der drei Koordinatoren der Anfang 2009 gegründeten Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen, deren erstes Nationales Symposium für Zoonoseforschung Anfang Oktober in Berlin stattfand.

Während derzeit viele Experten um den richtigen Einsatz der Schutzimpfung gegen die Neue Influenza streiten und die „größte Impfaktion in der Geschichte der Bundesrepublik“ in ein Impfchaos abzugleiten droht, wirkten die Teilnehmer des Symposiums und des sich anschließenden Internationalen Workshops zu respiratorischen Viruserkrankungen am 12. und 13. Oktober gelassen. Sie diskutieren als einen Fokus des Symposiums neue, andere Möglichkeiten im Kampf gegen die Influenza.

Die großen Seuchen waren Zoonosen
Dabei war die Diskussion um die Influenza auf dem Symposium nur eine von vielen. Denn das Thema Zoonosen ist breit gefächert, hochaktuell und ein Dauerbrenner zugleich. Ob Schweinegrippe (H1N1), Vogelgrippe (H5N1) oder SARS – bei fast allen neuen Erregern der vergangenen Jahre handelt es sich um Zoonosen. Das ist keineswegs ungewöhnlich. „Die großen Seuchen der Menschheit waren oft Zoonosen“, erklärt Prof. Dr. Martin Groschup vom Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit (Friedrich-Loeffler-Institut) auf der Insel Riems. Obwohl sich die Lebensgewohnheiten der Menschen in den letzten Jahrhunderten deutlich geändert hätten, blieben Seuchen und ihre Entstehungsmechanismen doch immer ähnlich – und gleichzeitig ähnlich unberechenbar. Vorhersagen, welche Zoonosen demnächst für Europäer besonders gefährlich werden könnten, möchte Groschup daher nicht wagen. Seine Devise: „Expect the unexpected – Wir müssen immer mit dem Unerwarteten rechnen.“

Dies trifft auch auf die Influenza zu. Während sich die Welt auf die Bedrohung der Menschen durch die Vogelgrippe aus östlicher Richtung (Asien) konzentrierte, brach in diesem Jahr die Schweinegrippe in westlicher Richtung, in Mexiko, aus. „Das Erbgut des neuen H1N1-Virus ist ein wildes Sammelsurium aus Gensegmenten von porcinen, aviären und humanen Influenzaviren, bei denen bislang nicht klar ist, welche Eigenheiten des Virus die Gefährlichkeit für den Menschen ausmachen“, erklärt Ludwig. Vorhersagen, wie sehr es die Menschen tatsächlich bedroht oder welches andere Influenzavirus stark humanpathogen werden werde, seien daher nicht möglich.

Abbildung: FluResearchNet
Abbildung: FluResearchNet
Nur eines ist dem Virologen zufolge gewiss: „Ausgerottet werden wird die Influenza nie.“ Dazu sei das genetische Reservoir, das vor allem in wildlebenden Wasservögeln zu finden sei, zu riesig. „Auch die Vogelgrippe (H5N1) ist als Influenza, die eine Pandemie auslösen kann, noch nicht vom Tisch“, sagt Ludwig. In diesem Jahr seien wieder mehr als 40 Menschen an der Erkrankung gestorben.

Die größte Herausforderung für die Virologen ist zurzeit, das Überspringen der Influenzaviren vom Tier auf den Menschen zu erforschen. „Dazu sind interdisziplinäre Ansätze erforderlich, und das bundesweite FluResearchNet verbindet glücklicherweise erstmals alle Grippeforscher in einem Netzwerk“, erläutert Ludwig. Das FluResearchNet ist jetzt ein Teil der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen und bereits seit 20 Monaten aktiv. Besonders erfolgreich war es während dieser Zeit in der Suche nach antiviralen Therapien.

So hat es bereits eine neue Strategie entwickeln können, um die Resistenzbildung von Grippeerregern gegenüber Neuraminidasehemmern zu vermeiden, die auf der nördlichen Hemisphäre bereits weitverbreitet ist. „Die neuen Wirkstoffe zielen dabei nicht auf das Virus selbst, sondern auf Faktoren in der infizierten Zelle“, so Ludwig. Auf diese Weise werde die Vermehrung der Viren und eine überschießende Immunantwort, die häufig die Pathogenität der Influenzaviren bestimmt, verhindert. Angriffsstelle ist der NF-kappa-B-Signalweg, von dessen Aktivität die Grippeviren abhängig sind. Präklinische Daten im Tiermodell seien so Erfolg versprechend gewesen, dass sich die Substanz jetzt bereits im Entwicklungsprogramm eines pharmazeutischen Unternehmens befinde, berichtet Ludwig. Der Virologe erhofft sich von dem Wirkstoff vor allem auch eine Eindämmung der Resistenzentwicklung, da das Virus die ausgeschaltete zelluläre Funktion nicht ersetzen kann.

Dr. Eva Pauli von der Virologik GmbH in Erlangen stellte einen weiteren Therapieansatz vor, bei dem ebenfalls nicht die viralen Komponenten als Ziel fungieren, sondern die Wirtszellkomponenten, auf die das Influenzavirus während seines Replikationszyklus angewiesen ist. Fokus der Forschung von Paulis Arbeitsgruppe ist das 26S-Proteasom, die Hauptkomponente des Ubiquitin-Proteasom-Systems, das in der Zelle für den Abbau von ubiquitin-markierten Substraten verantwortlich ist und dessen Fehlen das Virus auch nicht durch Mutationen ersetzen kann. „Im Tierversuch konnte durch die Applikation von Proteasominhibitoren die Replikation der Influenzaviren deutlich gehemmt werden“, erläuterte Pauli. Unspezifische toxische Effekte seien dabei nicht aufgetreten. Zudem hätten die Proteasominhibitoren eine erhöhte Expression von Interferon und antiviral wirkenden Proteinen induziert.

Auf dem Symposium diskutierten die Wissenschaftler ferner den Einsatz von Interferon alpha als Medikament im Pandemiefall. Prof. Dr. med. Otto Haller vom Universitätsklinikum Freiburg berichtete von intranasalen Gaben von Interferon alpha an Mäuse, Meerschweinchen und Frettchen, die die Symptome einer durch H1N1 und H5N1 verursachten Influenza sehr effektiv mindern konnten. „Beim Menschen kann die Gabe von Interferon alpha die Influenza-Erkrankung sicher nicht völlig verhindern, als Notfallmedikament sollte es im Pandemiefall jedoch bereitstehen“, meint der Virologe.

Pflanzenextrakt Zistrose wird untersucht
Als weitere Behandlungsalternative diskutieren die Experten auch die Verwendung von Naturprodukten. So wird derzeit in randomisierten placebokontrollierten Studien die Wirksamkeit eines pflanzlichen Extrakts aus der Zistrose bei Infektionserkrankungen der Atemwege überprüft. Das antivirale Potenzial dieses Wirkstoffs soll mit einem sehr geringen Nebenwirkungsrisiko einhergehen.

Unterstützt werden die vielfältigen Ansätze und die innerhalb der Nationalen Forschungsplattform für Zoonosen interdisziplinär zusammenarbeitenden Human- und Veterinärmediziner seit Anfang des Jahres vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF). „Um auf neue Erreger schnell zu reagieren, bedarf es einer fundierten Grundlage“, begründet Dr. Gabriele Hausdorf, Referatsleiterin Gesundheitsforschung im BMBF, die Förderung. Ein besseres Verständnis des Übergangs des Erregers vom Tier auf den Menschen und der Anpassungsvorgänge im neuen Wirt sei unerlässlich.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann


Forschungsplattform Zoonosen
Die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen ist eine wissenschaftsgetriebene Dachorganisation, an der Human- und Veterinärmediziner von 22 Universitäten sowie von außeruniversitären Einrichtungen beteiligt sind. Eingebunden sind auch alle für das Thema relevanten Bundesinstitute aus dem Bereich des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums und des Bundesministeriums für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, unter anderm das Bundesinstitut für Risikobewertung, das sich im Bereich der Zoonosen insbesondere mit Fragen der Lebensmittelsicherheit beschäftigt.

Die Nationale Forschungsplattform für Zoonosen wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung seit Anfang 2009 zunächst für drei Jahre gefördert, um die Vernetzung der Zoonosenforschung und der Maßnahmen der Bundesregierung zur Bekämpfung und Vermeidung von zoonotischen Infektionskrankheiten zu intensivieren.

Ziel ist die enge Kooperation zwischen biomedizinischer Grundlagenforschung, Human- und Veterinärmedizin einerseits sowie universitärer und außeruniversitärer Forschung andererseits. Inzwischen hat die Zoonoseplattform bereits drei Geschäftsstellenstandorte aufgebaut: Berlin, Münster und Greifswald/Insel Riems. In ihrem Verbund steuern die Wissenschaftler selbst die gemeinsame Arbeit, den Inhalt und die Ausrichtung der Forschungsplattform.

Siehe auch: www.zoonosen.net

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