ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2009Tagebuchedition: Die Last der Vergangenheit

KULTUR

Tagebuchedition: Die Last der Vergangenheit

Gerst, Thomas

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LNSLNS Porträt Prof. Dr. med. Christian Holland

Nach dem Tod des Vaters fand Christian Holland dessen Tagebücher aus den Jahren 1915 bis 1972. Er machte daraus ein Buch, das möglichst viele lesen sollten.

Nein, als eine persönliche Abrechnung mit seinem Vater könne man die Veröffentlichung von dessen Tagebüchern nicht ansehen. Christian Holland, 77 Jahre alt, ehemals Chefarzt der Orthopädie am Sankt-Willibrord-Spital in Emmerich-Rees, weist ein solches Motiv von sich. Wie sein Vater E. H. (1901–1972), der auch Arzt war, zum Nationalsozialismus stand, sei in den Jahren nach 1945 nie Gesprächsthema zwischen ihnen gewesen – ein typischer Fall von Schweigen zwischen den Generationen im Nachkriegsdeutschland. „NS-Gedankengut hätte ich bei ihm nicht vermutet“, sagt Holland. „Für mich war er stets der Sanitätsoffizier gewesen, der in dieser Funktion in den Jahren von 1935 bis 1945 seine Pflicht getan hat.“ Erst mit der Lektüre der Tagebücher nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1972 wurde ihm klar, dass dieser seit 1933 ein begeisterter Anhänger Adolf Hitlers war.

Dass sein Vater ein Tagebuch führte, daran kann sich Christian Holland noch gut aus seiner Jugendzeit erinnern. „Jede freie Minute nutzte er neben der ärztlichen Tätigkeit zum Schreiben. An seinem Schreibtisch erhielt er sich einen kleinen Freiraum – das war sein Reich.“ Aber dass diese Tagebuchaufzeichnungen bis ins Jahr 1915 zurückreichten und bis 1972 fortgesetzt wurden, war ihm zu Lebzeiten des Vaters nicht bewusst.

Auch die steinernen Zeugnisse der Vergangenheit haben es Christian Holland angetan. Hier steht er bei seinem „Lieblingsgranit“ im Vorgarten. Foto: Thomas Gerst
Auch die steinernen Zeugnisse der Vergangenheit haben es Christian Holland angetan. Hier steht er bei seinem „Lieblingsgranit“ im Vorgarten. Foto: Thomas Gerst
Holland machte mit den Tagebüchern nicht das, was vermutlich viele andere mit einer solchen Hinterlassenschaft gemacht hätten – und zwar alles wieder fein säuberlich in einer Kiste im Keller verstecken. Er erkannte den Wert der Aufzeichnungen als eine historische Quelle, machte sich an die Abschrift der handschriftlichen Texte und sorgte auf eigene Kosten für die Buchpublikation: „E.H. 1901– 1972. Ein deutsches Leben“.

Rätselhaft bleibt auch nach Lektüre der Tagebücher das plötzliche Aufscheinen des Antisemitismus bei E. H. schon in jungen Jahren. Bereits 1920 schrieb er: „Auch ich habe mich zum Antisemitismus bekannt.“ Er liest entsprechende Literatur, wie etwa „Die Sünde wider das Blut“, bricht schließlich sogar mit einer guten Freundin, weil sie Jüdin ist. „So verhasst mir die Juden sind, für sie kann ich mich doch interessieren, und ich necke mich gerne auch ein wenig mit ihr“, hatte er noch kurz zuvor bemerkt.

Sehr ausgeprägt schon in jungen Jahren ist auch die Verachtung für die demokratischen Parteien, die E. H. für den „schmählichen Frieden von 1918“ verantwortlich macht. Sie haben keine Chance auf Bewährung nach dem Ersten Weltkrieg. Bereitwillig folgt er später dem neuen Heilsbringer Adolf Hitler. Irritierend für den Leser heute: E. H. erscheint in den Tagebüchern gleichwohl nicht als ein tumber Tor, sondern als jemand, der sich nachdenklich mit vielen Zeiterscheinungen und insbesondere auch mit Glaubensfragen auseinandersetzt. Er studiert Medizin in Greifswald, übernimmt relativ rasch und unvorbereitet eine Landarztpraxis auf Rügen, mit der er die Familie ernähren kann und die ihn arbeitsmäßig sehr belastet, innerlich aber nicht ausfüllt. So ergreift er 1935 gerne die Chance und wechselt als Arzt in den Sanitätsdienst der Wehrmacht. Er zieht mit Hitler in den Krieg, erfährt 1942 in der Ukraine gerüchteweise von den Massenerschießungen der Juden in Rowno. E. H. habe nun – so glaubt sein Sohn – die Judenvernichtung als ein Faktum begriffen und dass er einem verbrecherischen Regime verfallen sei. Seiner Schuld durch Duldung sei er sich später – das zeigten Tagebuchaufzeichnungen – durchaus bewusst gewesen. Allerdings sei dieser Konflikt nie nach außen getragen worden.

Christian Holland: E.H. 1901–1972. Ein deutsches Leben. Skulpturen-Achse, Emmerich 2009, 368 Seiten, kartoniert, 25 Euro, Bestellung nur über den Verlag Skulpturen-Achse, Amselweg 11, 46446 Emmerich
Christian Holland: E.H. 1901–1972. Ein deutsches Leben. Skulpturen-Achse, Emmerich 2009, 368 Seiten, kartoniert, 25 Euro, Bestellung nur über den Verlag Skulpturen-Achse, Amselweg 11, 46446 Emmerich
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Der Werdegang seines Vaters erscheint Christian Holland beispielhaft für viele Hunderttausende Intellektuelle in dieser Zeit. „Aber man vermisst Äußerungen in den Tagebucheinträgen nach 1945, dass er sich dieser Gesinnung in der Vergangenheit geschämt hat“, sagt Holland. Er dagegen trage die Last dieser Vergangenheit mit sich, und es komme auch heute durchaus noch vor, dass er bei Gesprächen über die deutsche NS-Vergangenheit die Fassung verliere.

„Mein Vater war ja kein bedeutender Mann“, bemerkt Holland noch. „Aber dadurch, dass er über diesen ganzen Zeitraum seine Gedanken zu Papier gebracht hat, gewinnt er eine exemplarische zeitgeschichtliche Bedeutung. Ich möchte, dass gerade junge Menschen erfahren, wie ernste und nachdenkliche Menschen einer Ideologie verfallen können.“

Christian Holland, noch in der Gutachterkommission für ärztliche Behandlungsfehler bei der Ärztekammer Nordrhein und als Gutachter vor Gericht ärztlich tätig, hat nach Abschluss der Tagebuchedition mehr Zeit für ein anderes Projekt. Mit anderen Kunstliebhabern will er die frühere Sichtachse über den Niederrhein vom Barockgarten in Kleve auf die Sankt-Vitus-Kirche in Hochelten mit zwölf Skulpturen international bekannter Künstler besetzen. Die beiden ersten Skulpturen können bald realisiert werden. „Das ganze Projekt ist auf 30 bis 40 Jahre angelegt – das kann mich ruhig überdauern.“
Thomas Gerst

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