ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2009MVZ: Seltsame Konstellationen
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Medizinische Versorgungszentren mögen erfolgreich sein. Nicht umsonst investieren die Krankenhausträger hohe Summen in die Gründung von MVZ. Hintergrund ist in vielen Fällen, dass die Chefärzte der Krankenhäuser nur eine eingeschränkte Ermächtigung haben und ambulant nur auf Überweisung eines niedergelassenen Facharztes behandeln dürfen. Durch ein vorgelagertes MVZ können Patienten unter Umgehung der niedergelassenen Kollegen uneingeschränkt behandelt werden. Diese Entwicklung wird zum Untergang vieler konventioneller Facharztpraxen führen.

Ich bin Mitbetreiber einer chirurgischen Gemeinschaftspraxis in einer Kreisstadt in der Eifel. Es finden sich in der näheren Umgebung recht seltsame Konstellationen von MVZ:

Ein kardiologisch/neurochirurgisches MVZ wurde einem Schwerpunktkrankenhaus in der nächstgelegenen Großstadt vorgeschaltet. Wo liegen die Berührungspunkte der beiden Fachrichtungen?

Ein anderes MVZ, in dem alle operativen Fächer vertreten sind, ist am örtlichen Krankenhaus in Planung. Obwohl drei chirurgische Fachärzte in der Kleinstadt niedergelassen sind, will man die chirurgischen Chefärzte (Unfall-, Viszeral- und Gefäßchirurgie) verpflichten, einen chirurgischen Sitz im MVZ zu je 13 Stunden gemeinsam zu besetzen. Die Kollegen haben weder die Zeit dazu, sich dort zu engagieren, noch das Personal, um einen anderen Facharzt abzustellen. Darüber hinaus soll der orthopädische Sitz derart aufgeteilt werden, dass ein Viertel der Stelle im Sinne einer Zweigpraxis an oben genanntes Schwerpunktkrankenhaus verlagert werden soll, sodass der dort ansässige Chefarzt der Orthopädie ebenfalls seine Patienten ambulant behandeln kann.

In einer 20 Kilometer entfernten Nachbarstadt wird der chirurgische Sitz im MVZ von einem über 70-jährigen ehemaligen Chefarzt, dem Vater des dort tätigen Orthopäden, besetzt, da sich trotz mehrfacher Ausschreibungen kein Bewerber für diese Stelle gefunden hat.

Die drei genannten Krankenhäuser sind über ein und denselben Krankenhausträger miteinander vernetzt. Die Verwaltung versichert uns niedergelassenen Fachärzten, dass man in jedem Fall Rücksicht auf uns nehmen werde. Wir bräuchten nichts zu befürchten.

Ein Lettes ist zu bemerken: Uns fällt auf, dass von den Krankenhäusern in der Umgebung immer mehr teure Leistungen (onkologische, radiologische, kardiologische Leistungen etc.) aus dem stationären Bereich in die vorgeschalteten MVZ verlagert werden. So bleibt von den Fallpauschalen im stationären Bereich ein erkleckliches Sümmchen für den Träger übrig. Die Kosten werden dadurch aber in den gemeinsamen Topf der niedergelassenen Ärzte verschoben und schmälern deren Budget. Ich kann nur sagen: Wehret den Anfängen.
Dr. med. Joachim Hölle-Gindorf, Chirurgische Gemeinschaftspraxis Dres. Praeder/Hölle-Gindorf, Unterer Sehlemet 13, 54516 Wittlich
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