ArchivDeutsches Ärzteblatt45/20091989/2009 – 20 Jahre deutsche Einheit: „Annäherung auf günstigerem Niveau“

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1989/2009 – 20 Jahre deutsche Einheit: „Annäherung auf günstigerem Niveau“

Jachertz, Norbert

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Foto: Caro
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20 Jahre nach dem Mauerfall haben sich die gesundheitlichen Lebensverhältnisse der neuen und alten Bundesländer einander angeglichen. Auffallender wird nun die Differenzierung zwischen reichen und armen Regionen, egal ob in Ost oder West.

Rechtzeitig zum 9. November hat die epidemiologische Abteilung des Robert-Koch-Instituts (RKI) einen zahlengespickten Bericht präsentiert, in dem erschöpfend dargelegt wird, wie sehr die neuen Bundesländer in 20 Jahren gegenüber den alten aufgeholt haben.

Genau genommen, es sind 19 Jahre, beginnt der Aufholprozess doch erst 1990, als die DDR der BRD „beitrat“. Doch der Tag der Maueröffnung, jener 9. November 1989 scheint sich als allgemeiner Wiedervereinigungsgedenktag zu etablieren, an dem Bilanz gezogen und Rückschau gehalten wird. Ulla Schmidt ließ es sich nicht nehmen, den RKI-Bericht am 26. Oktober in Berlin zu präsentieren, einen Tag bevor sie als Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin verabschiedet wurde.

Die Bilanz, die das RKI zieht, ist zwar durchweg positiv, enthält aber auch einige auffallende Differenzen. Lebenserwartung und Morbidität, Strukturen des Gesundheitswesens und deren Inanspruchnahme durch die Bevölkerung hätten sich in Ost und West weitgehend einander angeglichen, so das RKI-Fazit. Zumeist handele es sich um eine „Annäherung auf günstigerem Niveau“. Damit meinen die Berliner Epidemiologen um Dr. Bärbel-Maria Kurth, dass sich die Gesundheitskennziffern allgemein verbessert haben und die Ostdeutschen auf höherer Ebene einsteigen, diese aber nicht immer schon erreichen.

Gewaltiger Umbruch
So steigt etwa die Lebenserwartung insgesamt in Deutschland, in Ostdeutschland aber nicht so stark, doch die Ostdeutschen sind auf gutem Weg (Tabelle). Es kann auch umgekehrt sein: Bei der Impffreudigkeit nähern sich die Deutschen auf niedrigerem Niveau an; die Ostdeutschen stehen dank früherer Einübung noch besser da als die Westdeutschen, werden aber auch zögerlicher.

Die Kapitel des Gesundheitsberichts über die ambulante und stationäre Versorgung zeugen von dem gewaltigen Umbruch, den die Ostdeutschen seit 1990 zu bewältigen hatten. Gewiss, auch mit westlicher Hilfe, aber doch aus eigener Kraft.

Zur ambulanten Versorgung einige Kennzahlen: 1989 arbeiteten rund 80 Prozent der 20 500 ambulant tätigen Ärztinnen und Ärzte der DDR in Polikliniken und Ambulanzen; davon gab es circa 1 600. Nur 340 Ärzte betrieben eine private, etwa 1 400 eine staatliche Praxis. Nachdem die gesetzliche Kran­ken­ver­siche­rung zum 1. Januar 1991 auf das „Beitrittsgebiet“ übertragen wurde, folgte der komplette Umschwung: Schon 1994 sind 97 Prozent der Ärztinnen und Ärzte niedergelassen. Über Motive und Hintergründe sagt der RKI-Report wenig. Sie wären freilich eine eigene Untersuchung wert, in der auch die strittige Frage zu erörtern wäre, weshalb die Polikliniken zumeist schneller aufgegeben wurden als die Übergangsfrist im Einigungsvertrag vorsah. Erst mit dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz von 2004 kehrte die Idee der Poliklinik wieder, und zwar in Gestalt des Medizinischen Versorgungszentrums (MVZ). 2008 gab es dem RKI zufolge davon 1 206 in ganz Deutschland. Tendenz steigend; die KBV-Statistik zählte im ersten Quartal 2009 bereits 1 257, darunter nur 259 in den neuen Ländern (ohne Berlin). Das deutet nicht, entgegen mancher Vermutung, auf eine erhöhte poliklinische Affinität in Ostdeutschland hin, Bayern zum Beispiel zählt ebenso viele MVZ wie Ostdeutschland (genau: 255). Auch die Neigung zu „normalen“ Gemeinschaftspraxen ist unter den Ärzten und Ärztinnen in den neuen Ländern deutlich weniger ausgeprägt als im Westen: Auf eine Gemeinschaftspraxis entfallen im Osten statistisch 7,3 Einzelpraxen, im Westen dagegen nur 3,4.

Die Vertragsarztdichte hat sich genauso wie die Fallzahl je Versicherten hingegen weitgehend angeglichen. Die Fallzahlen sind laut RKI in den alten wie den neuen Ländern, hier besonders stark, zurückgegangen und mit 6,7 (neue) und 6,6 (alte Länder) heute gleichauf.

Die Vertragsarztdichte liegt in den alten Ländern bei 1 : 600 Einwohnern (1993 noch 690), in den neuen bei 1 : 645 (1993: 772!). Relativ schlecht sieht es in alten wie neuen Ländern mit der hausärztlichen Versorgung aus. Betrug die Relation Hausarzt/Einwohner 1999 noch 1 : 1 373 in den neuen und 1 : 1 387 in den alten Ländern, so betrug sie 2008 nur mehr 1 : 1 430 (neue Länder) und 1 : 1 410 (alte Länder). Angesichts der Altersstruktur der Hausärzte sei, so das RKI, insbesondere in den neuen Ländern mit einer weiteren Verschlechterung der Versorgung zu rechnen.

Friedliche Revolution
Zur stationären Versorgung: Nach der Wende wurde mit großem finanziellem Aufwand die stationäre Versorgung in den neuen Bundesländern an den westdeutschen Standard angepasst. Kostenintensiv seien die Behebung der mangelhaften Bausubstanz, die Modernisierung der Medizintechnik und die Reorganisation der Verwaltungsstrukturen gewesen, fasst das Robert-Koch-Institut zusammen.

Ergebnis solcher Bemühungen ist die fast völlige Angleichung der Krankenhauslandschaft in Ost und West. Dazu einige Kennzahlen: In Deutschland gibt es 2 087 Krankenhäuser (davon 254 in den neuen Ländern) mit 507 000 Betten (davon 76 000 in den neuen Ländern, jeweils ohne Berlin). Stand 2007, Tendenz immer noch leicht sinkend. Gegenüber 1990 nahm die Zahl der Häuser um 360 oder 15 Prozent ab, allein im Osten aber um 35 Prozent, im Westen um nur neun Prozent. Die Bettenzahl ging gegenüber 1990 um 179 000 oder 26 Prozent zurück, allein im Osten aber um 43 Prozent, im Westen um 20 Prozent. Die Bettendichte liegt dank dieses Anpassungsprozesses bundesweit zwischen 500 und 700 Einwohnern, regional, aber nicht mehr ost-westlich unterschiedlich. Eine Angleichung gibt es auch bei den Behandlungsfällen: heute 17,2 Millionen p. a., ein Anstieg um 3,3 Millionen gegenüber dem Vergleichsjahr. Aber: in Ost +17 Prozent, in West +9 Prozent. Sinkende Betten- und steigende Fallzahlen – das „Wunder“ lässt sich mit der Verweildauer erklären. Tatsächlich, sie sank in Ostdeutschland dramatisch, von 14,6 auf 8,3 Tage und liegt damit jetzt im Bundesdurchschnitt.

Die friedliche Revolution in der DDR meint gewöhnlich die politischen Umwälzungen. Nach 1989 aber begann eine andere friedliche Revolution, die Umgestaltung der Lebensverhältnisse. Das Gesundheitswesen wartet hier mit hervorragenden Ergebnissen auf – so gut, dass das RKI zu einem erstaunlichen Fazit kommt: „Eine Fortführung der bislang gängigen Ost-West-Vergleiche erscheint nicht mehr erforderlich, darum wird es wohl auch keinen ähnlichen Bericht anlässlich des 30. Jahrestages des Mauerfalls im Jahr 2019 mehr geben. Dieses Kapitel scheint abgeschlossen, beginnen wir das Kapitel ,arme Bundesländer, reiche Bundesländer‘.“

Von den 82 Millionen Einwohnern Deutschlands leben 80 Prozent in den alten, 16 in den neuen Ländern und vier Prozent in Berlin. Zwischen 1990 und 2007 sind in Westdeutschland 1,9 Millionen Einwohner dazugekommen, in Ostdeutschland hingegen fehlen 2,9 Millionen. Das ist auch gesundheitspolitisch relevant, wie auch vom RKI angemerkt. Denn Junge und Gesunde wandern ab, Alte und Kranke bleiben zurück. Ein Problem aller strukturschwachen Regionen in Ost und West. Aber in Ostdeutschland gibt es davon noch einige. Es gibt schon jetzt viele Erfolgsgeschichten. Vor allem im Gesundheitswesen.
Norbert Jachertz
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Alles ist im Detail nachzulesen in „Zwanzig Jahre nach dem Fall der Mauer: Wie hat sich die Gesundheit in Deutschland entwickelt?“, 300 Seiten, zu beziehen beim Robert-Koch-Institut, Gesundheitsberichterstattung, General-Pape-Straße 62, 12101 Berlin; auch im internet abrufbar unter www.rki.de/gbe.

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