ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2009Psychopharmaka: Kritische, kompetente Standortbestimmung

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Psychopharmaka: Kritische, kompetente Standortbestimmung

Lehmkuhl, Dieter

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Stefan Weimann: Erfolgsmythos Psychopharmaka. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2008, 264 Seiten, gebunden, 29,95 Euro
Stefan Weimann: Erfolgsmythos Psychopharmaka. Psychiatrie-Verlag, Bonn 2008, 264 Seiten, gebunden, 29,95 Euro
Das Buch „Erfolgsmythos Psychopharmaka“ kommt zur rechten Zeit, nachdem in den letzten Jahren die angeblich überlegene Wirksamkeit und das geringere Profil unerwünschter Nebenwirkungen der Atypika gegenüber herkömmlichen (preisgünstigeren) Antipsychotika ebenso wie die behauptete große Wirkstärke der Antidepressiva durch große unabhängige methodisch ausgefeilte Studien widerlegt beziehungsweise infrage gestellt wurden. Zum Mythos Wirksamkeit der Antidepressiva hat zudem die selektive Veröffentlichungspraxis, das heißt die Nichtveröffentlichung negativer beziehungsweise zweifelhafter Studienergebnisse erheblich beigetragen. Was das Buch über die im Mittelpunkt stehende Frage des Stellenwertes und der Neubewertung von Psychopharmaka hinaus jedoch auszeichnet, ist sein breiter interdisziplinärer Blick auf das Fachgebiet unter Einbeziehung sozialwissenschaftlicher, (kultur)anthropologischer und transkultureller Ansätze sowie einer Public-Health-Perspektive auf die Psychiatrie. Bücher mit einem so breiten Ansatz haben bei uns Seltenheitswert.

Das Buch ist eine kritische, kompetente und pointierte Standortbestimmung der derzeit dominierenden Psychiatrie: ihrer fragwürdigen Grundannahmen hinsichtlich ihrer diagnostischen Systeme, ihren biologischen Reduktionismus und die Einseitigkeit ihrer Behandlungsoptionen. Es stellt nicht die Bedeutung der Naturwissenschaften und die Notwendigkeit von Psychopharmaka in der Psychiatrie infrage, sondern deren einseitige Ausrichtung angesichts der Komplexität des Fachgebietes und seiner vielfältigen Determinanten. Gestützt auf breite und seriöse internationale Literatur erhebt es nicht den Anspruch einer umfassenden wissenschaftlichen Publikation, sondern nimmt einen Standpunkt ein. Der Autor will in der oft polarisierend geführten Debatte über die Ausrichtung der Psychiatrie zu einer Versachlichung beitragen. Er bezieht jedoch eindeutig einen Standpunkt, aber maßvoll, abwägend und differenziert in der Argumentation. Er plädiert für eine andere Gewichtung in der Psychiatrie, mehr Offenheit für andere Behandlungsoptionen, mehr kritisches Bewusstsein gegenüber der vielfältigen Einflussnahme der pharmazeutischen Industrie auf die Psychiatrie, die schon an Vereinnahmung grenzt. Ein Kapitel zur „Beeinflussung psychiatrisch Tätiger und Forscher“ beschreibt die vielfältigen Methoden, wie in Medikamentenstudien Einfluss auf die Ergebnisse genommen werden kann und wird, Mechanismen, die zum „Erfolgsmythos“ der Psychopharmaka beitragen. Die Lektüre dieses Kapitels ist ein wirksames Antidot gegen die allgegenwärtige Marketingstrategie. Die Behauptung einer spezifischen Wirkung vieler Psychopharmaka, so eine zentrale These des Buches, sei nicht zu halten. An ihr festzuhalten, gehöre jedoch zu den Ritualen moderner Psychiatrie und sei Teil der aktuellen Definition des Fachgebiets. Sich dieser zu entziehen, erscheine jedoch notwendig, um dem Fachgebiet eine Fortentwicklung zu ermöglichen.

Der Autor zeigt am Beispiel der Soteria-Studien und des „Need adapted treatment“ in Skandinavien Alternativen zur primär medikamentengestützten Behandlung auf, die trotz erwiesener Evidenz hier jedoch nur wenig zur Kenntnis genommen werden. Er behandelt auch die Frage „Wie heilt ein Psychiater?“ und die Frage des langfristigen Nutzens psychiatrischer Behandlung.

Das Buch ist ein Muss für jeden, der manche Voraussetzungen der aktuell dominierenden Psychiatrie kritisch reflektieren und sich über die Möglichkeiten jenseits deren einseitiger biologischer Verortung orientieren will. Dieter Lehmkuhl
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