ArchivDeutsches Ärzteblatt45/2009Medica 2009: Fortschritte bei mobilen Anwendungen

TECHNIK

Medica 2009: Fortschritte bei mobilen Anwendungen

Krüger-Brand, Heike E.

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Die Telemedizin und das Zusammenspiel von Medizintechnik und IT zählen zu zentralen Themenfeldern der Medizinmesse.

Ein Merkmal der Medica ist ihr hoher Internationalitätsgrad: Zum 41. Weltforum der Medizin in diesem Jahr werden mehr als 4 000 Aussteller aus fast 70 Nationen erwartet, die Lösungen unter anderem aus den Bereichen Medizin- und Labortechnik, Medizinprodukte, Informations- und Kommunikationstechnik, Facility Management und Gebäudetechnik präsentieren. Zudem kamen von den 137 000 Fachbesuchern der letztjährigen Medica rund 55 000 aus dem Ausland. Vor diesem Hintergrund soll das Seminarprogramm des Kongresses um internationale Vorträge erweitert werden, und erstmals gibt es auch einen englischsprachigen Fortbildungsteil (Kasten).

Wer sich aktuell über Firmen und Produkte sowie über das Kongressprogramm und die Sonderschauen informieren will, wird im Medica-Internetportal (www.medica.de) fündig. Seit Kurzem ist die Messe auch präsent im „Web 2.0“ in den Communities von Twitter, XING, Facebook, LinkedIn, in den Google-News sowie im Youtube-Channel.

Mit dem Einzug von Soft- und Hardware in Praxen und Kliniken hat sich in den letzten Jahren die medizinische IT als ein zentrales Thema herausgebildet. Thematische Schwerpunkte der Gesundheitstelematik sind vor allem mobile Anwendungen zum Beispiel in der Rettungsmedizin, die Integration von IT und Medizintechnik, elektronische Patientenakten, Patienteninformationssysteme, Ambient Assisted Living (Assistenzsysteme), Homecare und Pflege sowie Telemedizin (Telemonitoring) bei chronischen Krankheitsbildern etwa der Kardiologie, Neurologie und Pneumologie.

Zu den umstrittenen Themen zählt schon seit Jahren die Einführung der elektronischen Gesundheitskarte (eGK) und des elektronischen Arztausweises. Zwar ist der Basisrollout der Karten in der Startregion Nordrhein bereits angelaufen. Doch erst etwas mehr als die Hälfte der Praxen haben dafür die Förderpauschalen für die eGK-fähigen Kartenlesegeräte bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNo) beantragt. Wie in den vergangenen Jahren ist die für die eGK-Einführung zuständige Betriebsorganisation Gematik mit einem eigenem Stand vertreten, um die Integration der Karten in die Arztpraxis zu zeigen und die Perspektiven der künftigen Tele­ma­tik­infra­struk­tur zu demonstrieren (Halle 15/C4). In Augenschein zu nehmen sind dort beispielsweise die Online-Aktualisierung der Versichertenstammdaten, die Arzneimitteldokumentation und das elektronische Rezept.

Kartenlesegeräte
Auch die Hersteller von Kartenlesegeräten sind mit den von der Gematik zugelassenen „eHealth/BCS-Terminals“ und eGK-kompatiblen mobilen Kartenlesern dabei. Die meisten Geräte haben einen zusätzlichen Steckplatz für den elektronischen Heilberufsausweis (eHBA). Dieser ist erforderlich, wenn die Arztpraxen mit der eGK online gehen oder Funktionen wie die Speicherung von Notfalldaten nutzen wollen. Der Anbieter CCV Celectronic etwa zeigt mit dem „Card Star/memo3“ ein mobiles Gerät mit Display und Tastatur, das auf die stationären Terminals des Herstellers wie bei einer Dockingstation aufgesetzt werden kann (Halle 15/G5). Sagem Monétel stellt ein mobiles Terminal aus der Orga-Reihe vor, das mit einem vielzeiligen Grafikdisplay ausgestattet ist (Halle 15/A41).

Dennoch ist die Zukunft des Telematikprojekts derzeit ungewiss. Nach dem Koalitionsvertrag der neuen Regierung soll das Projekt vor der weiteren Umsetzung zunächst einer Bestandsaufnahme unterzogen werden, bei der die Organisationsstrukturen sowie die bisherigen Erfahrungen in den Testregionen überprüft und bewertet werden.

Weiter ist man hingegen beim Thema Online-Abrechnung: Auf dem Gemeinschaftsstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) und der KVNo (Halle 16/A21) werden die Online-Abrechnung mittels eHBA und qualifizierter Signatur sowie der elektronische Arztbrief gezeigt. Darüber hinaus kann man sich dort über den Arzneimittelinformationsservice und die Arztbibliothek der KBV informieren sowie über den sicheren Online-Zugang mit der KV-eigenen Lösung KV-Safenet.

Ein Beispiel für die Integration der Online-Abrechnung in eine Praxissoftware präsentiert die Duria e. G. (Halle 15/G4). Seit zwei Quartalen hat das Softwarehaus ein Modul im Feld, das mehrere Praxen bereits für die Echtabrechnung nutzen. Die qualifizierte digitale Signatur wird dabei unter Verwendung des eHBA erzeugt. Für den Versand der signierten Gesamtaufstellung einschließlich der Abrechnungsdatei wird ein modifizierter D2D-Client genutzt. Aufgrund des Anreizes der KVNo, einer Verringerung der Verwaltungskostenpauschale um 0,2 Prozent, werde das Modul rege nachgefragt, teilte das Unternehmen mit.

Die drahtlose Übertragung von Bilddaten bis an das Krankenbett findet zunehmend Verbreitung. Foto: Medica
Die drahtlose Übertragung von Bilddaten bis an das Krankenbett findet zunehmend Verbreitung. Foto: Medica
Mobiles Telemonitoring
Experten erwarten, dass sich der Markt für mobile Telemedizin in den nächsten Jahren rasant entwickeln wird, auch wenn die Übernahme telemedizinischer Leistungen in die Regelversorgung weiterhin nicht in Sicht ist, sondern diese Verfahren nur im Rahmen extrabudgetärer Verträge erstattet werden. Vor allem bei der Versorgung von herzkranken Patienten spielt die telemedizinische Überwachung von Vitalparametern eine große Rolle. Mittels Handy und fortschrittlicher Sensortechnik können Puls, EKG, Blutzucker und andere Werte inzwischen auch unterwegs überwacht werden. Doch auch bei der Versorgung von Diabetespatienten wird Telemedizin erprobt.

So startet in der Gesundheitsregion Carus-Consilium Sachsen unter Federführung des Universitätsklinikums Dresden die Carus-Studie zum Diabetesmanagement (www.carusconsilium.de). In dem Projekt können medizinische Einrichtungen in Ostsachsen sowie Ärzte und diabetische Spezialpraxen im übrigen Bundesgebiet ihren Diabetespatienten eine mobile Betreuung per Blutzucker-Handy anbieten. Angestrebt wird, bei rund 15 000 Probanden zu untersuchen, wie das mobile Blutzuckermonitoring im Alltag in Anspruch genommen wird und wie es sich auf Patientenzufriedenheit und Compliance auswirkt. Eingesetzt wird die Lösung „GlucoTel“ (Firma BodyTel, Halle 3/A89). Das System ist kompatibel mit vielen marktüblichen Handys, sodass die Teilnehmer meist kein neues Gerät benötigen. Für die Übertragung der Blutzuckermesswerte in ein Online-Tagebuch ist eine kostenfreie Handysoftware erforderlich, die die per Bluetooth vom Messgerät ans Handy gefunkten Messwerte empfängt und weiterleitet. Der Patient legt fest, wem er Zugriff auf die Daten geben möchte. Auch ein SMS-Alarm kann programmiert werden.

Das Unternehmen Aipermon stellt eine mobile Telemedizinanwendung für adipöse Menschen vor, bei der nicht nur das Körpergewicht mittels digitaler Waage überwacht wird, sondern über einen Beschleunigungssensor, der die Veränderungen der Geschwindigkeit im Raum registriert, zusätzlich die körperliche Bewegung des Sensorträgers kontrolliert werden kann (Halle 15/C39). Der Nutzer erhält eine wöchentliche Gesamtauswertung, die Gewichtsverlauf, Ernährung und körperliche Bewegung in Beziehung setzt. Außerdem kann er auf dem Display der Geräte den aktuellen Kalorienverbrauch ablesen.

Inzwischen gibt es auch technische Standards für die drahtlose Datenübertragung von Medizingeräten. Durch einheitliche Schnittstellen zwischen Geräten, Patientenakten und Handys wird es für die Industrie einfacher und preiswerter, mobile Anwendungen zu realisieren. Die Continua Health Alliance, der sich inzwischen mehr als 200 Unternehmen weltweit angeschlossen haben, hat 2008 ein „Bluetooth Medical Device Profile“ für Anbieter von medizinischer Sensortechnik vorgestellt, das die drahtlose Kommunikation mit Handys und anderen Kommunikationseinheiten vereinfacht.

Erste Produkte sind bereits zertifiziert, so etwa das Pulsoxymeter „Onyx II 9560“ von Nonin Medical (Halle 11/D42) sowie eine bluetoothfähige Blutdruckmanschette und eine Bluetooth-Waage des japanischen Herstellers A & D (Halle 11/D78). Über aktuelle Entwicklungen bei der Standardisierung mobiler Telemedizin informiert die Sonderschau Medica Media (Halle 15/A12).

Einen Überblick über zertifizierte Kartenlesegeräte und über künftige Anwendungen der Gesundheitskarte ermöglicht die Ausstellung. Foto: Medica
Einen Überblick über zertifizierte Kartenlesegeräte und über künftige Anwendungen der Gesundheitskarte ermöglicht die Ausstellung. Foto: Medica
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Fast Routine: Teleradiologie
Telemedizindienste sollen nach dem Willen der EU-Kommission zudem künftig stärker in die Gesundheitssysteme der Mitgliedstaaten integriert werden. Ein fortgeschrittenes Beispiel hierfür liefert die Teleradiologie: In Deutschland sind inzwischen rund 100 Krankenhäuser teleradiologisch vernetzt, davon die Hälfte mit der Zentrale im saarländischen Dillingen, weitere 50 sind in lokalen Netzverbünden organisiert. Damit ist schätzungsweise etwas mehr als ein Fünftel der 500 Krankenhäuser, die potenziell teleradiologisch versorgt werden könnten, derzeit am Fernbefundungsnetz.

Im Saarland hat man bereits vor zehn Jahren die erste Tele­ma­tik­infra­struk­tur zur standortübergreifenden Bildkommunikation und Bildverarbeitung auf Basis von CT-Bildern aufgebaut, die Krankenhäuser bundesweit betreut. Ging es zunächst darum, für kleine Krankenhäuser mit CT-Geräten die Bildbefundung teleradiologisch rund um die Uhr zu sichern, nutzen inzwischen vor allem Kliniken, die keinen radiologischen Bereitschaftsdienst stellen können, die Infrastruktur. Der Patient erhält eine zeitnahe, qualitativ hochwertige Befundung, und das Krankenhaus sichert den Nachtdienst zu finanziell tragbaren Konditionen. Im Vordergrund der teleradiologischen CT-Notfallbefundung steht der Schlaganfall.

Die Systeme und Lösungen für die Teleradiologie, die auf der Messe zu sehen sind, umfassen bildgebende Systeme, Hard- und Software sowie spezielle Dienste der Telekommunikationsanbieter.

Telemedizin im Notarztwagen
Die Telemedizin in der Rettungsmedizin ist ein weiteres Schwerpunktthema der Medica Media (Donnerstag, 19. November). So wird etwa im Projekt „Med-on@ix“ ein mobiles telemedizinisches System für den notärztlichen Einsatz erprobt. Von der Einsatzstelle und aus dem Notarztwagen heraus werden Daten, Messwerte, wie EKG und Sauerstoffsättigung, sowie Livebilder direkt an eine Telenotarztzentrale übertragen. Dort beurteilt ein erfahrener Notarzt die Situation, holt bei Bedarf zusätzliche Informationen ein und unterstützt das Rettungsteam vor Ort beim Einsatzablauf und bei der Behandlung des Patienten. Das Krankenhaus kann sich noch vor dem Eintreffen des Notfalls vorbereiten und die Therapie in kürzester Zeit einleiten. An dem vom Bundeswirtschaftsministerium geförderten Projekt beteiligt sich das Universitätsklinikum Aachen. Während einer einjährigen Evaluationsphase wird ein Notarztwagen 40 Stunden wöchentlich per Funktechnik an ein mit Telenotärzten besetztes Kompetenzzentrum des Klinikums angebunden. Für die Datenübermittlung werden unterschiedliche Funkstandards genutzt: im Rettungswagen vor allem Bluetooth und WLAN, für die Strecke zum Krankenhaus das Mobilfunknetz und der Behördenfunk Tetra. Die Daten werden für den Transport verschlüsselt. Zusätzlich werden aus Gründen des Datenschutzes außerdem die medizinischen Daten getrennt von administrativen Daten übertragen.

„Stroke Angels“ heißt ein weiteres Projekt aus der telemedizinisch gestützten Notfallmedizin, an dem sich die Stiftung Deutsche Schlaganfall-Hilfe, das Forschungszentrum Informatik in Karlsruhe, das Universitätsklinikum Düsseldorf und das Rhön-Klinikum Bad Neustadt beteiligen (Halle 15/A12). Dabei geht es darum, die Versorgung von Schlaganfallpatienten dadurch zu verbessern, dass deren Daten schon vor der stationären Aufnahme an die jeweilige Klinik gefunkt werden. Die Zeit bis zur ersten Bildgebung im Krankenhaus konnte dadurch um 30 Prozent verkürzt werden.

Die technische Basis ist ein Kleincomputer oder ein Handheld-PC mit Touchdisplay, auf dem mit der sogenannten 3-Item Stroke Scale eine einfache Checkliste zur Indikation des Schlaganfalls zur Verfügung steht. Außerdem ist auch das Rettungsdienstprotokoll nach dem Standard der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin elektronisch verfügbar.

Ein ähnliches Projekt („Cardio Angel“), ebenfalls am Rhön-Klinikum Bad Neustadt, versucht, bei Herzinfarktpatienten die Zeit zwischen Erstkontakt mit dem Patienten und Behandlung im Herzkatheterlabor zu verringern, da eine schnellere Versorgung sowohl beim Herzinfarkt als auch beim Schlaganfall hoch relevant ist.
Heike E. Krüger-Brand

Medica-Basisinfo
Zeit: 18. bis 21. November 2009
Ort: Düsseldorf, Messe
Eintritt: Eintrittskarten sind online preiswerter als an der Tageskasse. Sie gelten auch für die meisten Veranstaltungen des Kongresses.
Öffnungszeiten: 10 bis 18.30 Uhr, samstags 10 bis 17 Uhr.
Internetportal: www.medica.de

Sonderschauen
Medica Media: Forum für Gesundheitstelematik, Telemedizin und medizinische Informationstechnologie (Halle 15/A12). Zentrale Themen: Mobile Anwendungen, Integration von IT und Medizintechnik, Ambient Assisted Living, Personalisierte Medizin (Programm unter www.medicamedia.de)

Medica-Vision: Medizinische und medizintechnische Forschung (Halle 3/H92). Themen sind unter anderem innovative bildgebende Verfahren, molekulare Bildgebung, Mikrosysteme in der Medizin, intelligente Implantate.

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