ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2009Bildtexte/Textbilder: Annette Messager – Buchstabenspiel

KUNST + PSYCHE

Bildtexte/Textbilder: Annette Messager – Buchstabenspiel

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Als eine der Vorzugsausgaben zu ihrem Buch „Mot pour Mot“ hat die französische Künstlerin Annette Messager einen roten Briefumschlag herausgegeben, der mit fünf Buchstaben gefüllt ist. Auf einzelnen, sehr dünnen, fragil wirkenden Blättchen ist jeweils ein Buchstabe aufgedruckt. Zusammen ergeben sie das international verständliche Wort AMOUR.

Die einzelnen Buchstaben entstammen einem von der Künstlerin entworfenen Alphabet, das auf den Seiten 246–247 im Buch von A bis Z abgebildet ist. Diese Buchstaben haben es nun in sich: Jeder einzelne lohnt eine nähere Betrachtung. Das A enthält eine eigentümliche Figur, die sich erst durch die beigefügten Buchstaben N und E als Ane = Esel zu erkennen gibt. Einfacher stellt sich das M mit seinem ungenierten Blick auf das weibliche Genitale als Macho dar. O für Ours = Bär erklärt sich durch die aufgerissene Bärenschnauze von selbst. Das U entwickelt sich zu Ultracon, was am ehesten als ultrakonservativ zu verstehen sein dürfte und zu dem blasiert wirkenden Gesicht, weniger aber zu der herausgestreckten Zunge passt. Das abschließende R entpuppt sich als Kopffüßler – und zugleich als Raté = Versager. Was also ist das für eine Liebe, oder was ist das bloß für ein Liebhaber, der sich aus diesen Buchstaben zusammensetzt? Besonders schmeichelhafte Assoziationen stellen sich nicht ein. Allenfalls das O = Bär verweist auf einen der am häufigsten verwendeten Kosenamen für einen Geliebten.

So mag es nun hilfreich sein, wenn wir uns daran erinnern, dass wir es hier mit einem vorgefertigten Alphabet zu tun haben, mit dessen Hilfe die Künstlerin beliebige neue Wörter zur Diskussion stellen kann. Im Buch ist CHERI als eine weitere Möglichkeit abgebildet. Man stößt hier auf ein zentrales Arbeitsprinzip im Werk von Annette Messager: Es geht um die Vernetzung von Dingen und Gedanken, die primär nicht zusammengehören. Aus der Zusammenstellung des Disparaten können Funken schlagen. Der neugierige Betrachter wird zum Mitarbeiter am Werk der Künstlerin, indem er mit seinen Assoziationen nach den Zusammenhängen im Bild sucht. Dabei wird jeder etwas zumindest partiell anderes finden – nämlich sich selbst mit seinen ganz und gar eigenen Assoziationen. Hartmut Kraft

Biografie Annette Messager
Geboren 1943 in Berck-sur-Mer (Frankreich). A. M. arbeitet mit unterschiedlichen Materialien wie Stoffen, Stickereien, Fundstücken, Fotos, Zeichnungen et cetera, die sie zu Bildern, Objekten oder ganzen Rauminstallationen zusammenstellt. Sie spielt mit den Klischees von Weiblichkeit, greift Vorurteile auf, wobei ihre Werke manchmal listig-fröhlich daherkommen, oft aber eine beklemmende Atmosphäre entsteht. Bedeutende internationale Einzelausstellungen. Im Jahre 2005 gestaltete die Künstlerin den französischen Pavillon auf der Biennale Venedig, wofür sie mit dem „Goldenen Löwen“ ausgezeichnet wurde.

LITERATUR
Messager A: Mot pour Mot. Les presses du réel, Dijon und Violette Edi-tions, London 2006.
Messager A: The Messangers. Prestel, München 2007.
Kittner A-E: Visuelle Autobiographien. Sammeln als Selbstentwurf bei Hannah Höch, Sophie Calle und Annette Messager. Transcript, Bielefeld 2009.
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