ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2009Alzheimer: Das Versorgungsnetz muss dichter und vielfältiger geknüpft werden

POLITIK

Alzheimer: Das Versorgungsnetz muss dichter und vielfältiger geknüpft werden

PP 8, Ausgabe November 2009, Seite 490

Rieser, Sabine; Schmitt-Sausen, Nora

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LNSLNS Die Zahl der Dementen wird in den nächsten Jahren steigen. Nur wenn vorhandene gute Konzepte überall umgesetzt werden, kann man sie angemessen betreuen. Notwendig sind politische Entschlossenheit, Geld und ärztliches Engagement.

Demenz – das ist eine schlechte Diagnose. Ambulante Versorgung von Dementen – da fällt der Befund von Dr. med. Frank Bergmann nicht viel besser aus. „Rund 60 Prozent der Patienten werden nicht richtig therapiert“, stellte der Vorsitzende des Berufsverbands Deutscher Nervenärzte (BVDN) vor Kurzem fest. Viele erhalten keine Antidementiva. Es gibt Versorgungsprobleme an den Schnittstellen von Haus- und Fachärzten, aber auch zum Krankenhaus. „Der ganzheitliche Therapieansatz ist gut und richtig, nur wird er in der ambulanten Versorgung in keiner Weise vergütet“, ergänzte Bergmann.

Der BVDN-Vorsitzende war einer der Referenten bei der Tagung „Demenz – gemeinsam für eine bessere Versorgung“, veranstaltet von der Kassenärztlichen Vereinigung Berlin und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV). Mehr als 200 Teilnehmer diskutierten kurz nach dem Welt-Alzheimertag am 21. September mit den Referenten in Arbeitsgruppen über angemessene Diagnostik und Therapie, ethische und juristische Fragestellungen, die Perspektive der Angehörigen. Dabei wurde deutlich, dass es gute und vielfältige Ansätze zur Versorgung Dementer gibt, aber ein dicht geknüpftes, vielfältig aufgezogenes bundesweites Netz fehlt.

„Wir brauchen Therapien, nicht nur für einige wenige Patienten“, forderte Bergmann. Als Positivbeispiel für einen Ansatz, der auch anderswo greifen könnte, führte er ein Modellprojekt in seiner Heimatstadt Aachen an. Dort engagieren sich Haus-, Fach- und Krankenhausärzte sowie Psychologische Psychotherapeuten in Zusammenarbeit mit Pflegenden im Rahmen des Projekts -„Integrierte Versorgung seelische Gesundheit“ für eine verbesserte Versorgung. Bergmann verwies zudem auf ein neues Versorgungskonzept der KBV und verschiedener Berufsverbände für eine optimale neuropsychiatrische Versorgung, das demnächst vorgestellt wird.

Ärzte scheuen Umgang mit Demenzpatienten
Der BVDN-Vorsitzende ist jedoch der Auffassung, dass mangelnde Vernetzung, eine unzureichende Honorierung und die Furcht vor Arzneimittelregressen nicht die einzigen Gründe für eine unzulängliche ärztliche Versorgung von Dementen sind. Viele Ärzte hätten erhebliche Schwierigkeiten mit dieser Patientengruppe: „In der Rangfolge der Beliebtheit von ärztlichen Tätigkeiten rangiert der Umgang mit Demenzkranken am unteren Ende der Skala.“

Als Ursachen nannte Bergmann unter anderem Scheu und Unsicherheit, den Betroffenen mit der Diagnose Demenz zu konfrontieren, das Gefühl, die eigenen Diagnose- und Therapiekompetenzen seien unzureichend, aber auch Zweifel am Nutzen von Testverfahren und dem Einsatz von Dementiva. Häufig wüssten Kollegen zu wenig über nicht medikamentöse Behandlungsmöglichkeiten sowie regionale Beratungs- und Betreuungsangebote.

Sabine Jansen, Geschäftsführerin der Deutschen Alzheimer-Gesellschaft, bestätigte dies in ihrem Referat: „Man erlebt oft eine desolate fachärztliche und zahnärztliche Behandlung Dementer in Pflegeheimen.“ Auf die speziellen Ängste und Bedürfnisse dementer Heimbewohner seien nach den Eindrücken der Angehörigen viele Ärzte nicht vorbereitet. Die Alzheimer-Gesellschaft bemüht sich jedoch um neue Wege: So hat eine Arbeitsgruppe einen Fragebogen für Angehörige entwickelt, den man vor einem Kranken­haus­auf­enthalt der dementen Eltern oder des Partners ausfüllen kann. Damit lassen sich den Klinikmitarbeitern wichtige Hinweise übermitteln, die nicht bei einer Krankenschwester oder einem Arzt hängen bleiben. Derzeit wird abgefragt, ob Krankenhäuser die Bögen einsetzen und ob sie hilfreich sind.

Auch bei anderen Veranstaltungen rund um den Welt-Alzheimertag waren Versorgungsdefizite ein Thema. So kritisierte die noch amtierende Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt (SPD) auf dem Zukunftsforum Demenz, es gebe „zu viele Schnittstellenprobleme zwischen Hausärzten, Fachärzten und auch Kliniken“. Sie forderte, eine leitlinienbasierte Versorgung auf den Weg zu bringen. Für machbar hielt es Schmidt, die Behandlungskosten für Demenzkranke stärker im Finanzausgleich zwischen den Krankenkassen zu berücksichtigen.

Sie bemängelte insbesondere die Versorgung Dementer in Krankenhäusern (siehe auch DÄ, Heft 25/ 2009). Die Krankheit werde dort oft nur zufällig in Augenschein genommen, wenn alte Menschen mit anderen Beschwerden eingeliefert werden. Dies bekräftigte Prof. Dr. med. Ingo Füsgen, Geriatrische Klinik Wuppertal: „Die Krankheit wird in vielen Häusern gar nicht erfasst.“ Der Geriater monierte ein grundsätzliches Defizit: Demenz werde tabuisiert und selbst von Ärzten nicht genügend beachtet.

So einig sich die Referenten darin waren, dass bei der Demenzbehandlung Handlungsbedarf bestehe, so uneinig blieben sie bei der Frage, ob Disease-Management-Programme (DMP) der richtige Ansatz sind. Für ein DMP Demenz müsse der bisherige Ansatz deutlich erweitert werden, hieß es. Denn der Versorgungsbedarf gehe über sonst übliche medizinisch-therapeutische Elemente in Chronikerprogrammen hinaus. Unumgänglich sei es etwa, die Angehörigen eng in ein Behandlungskonzept einzubinden.

Der frühere AOK-Vorstandsvorsitzende, Hans Jürgen Ahrens, befürwortet solch ein Konzept. „Ich verspreche mir große Effekte von einem DMP“, sagte er auf dem Zukunftsforum Demenz. Erfahrungen der AOK mit Chronikerprogrammen auf anderen Gebieten hätten gezeigt, dass sie sich bewährten.

Patientenseminare zum Angstabbau
Kritisch beurteilte der Referent Dr. med. Michael Lang ein DMP Demenz. Der Facharzt für Neurologie und Psychiatrie in Ulm lehnt es ab, „noch ein weiteres Kontrollinstrument zu schaffen“. Engagierter ambulanter Versorgung durch Ärzte und Pflegekräfte sei der Vorzug vor „überteuerter Bürokratie und staatlichen Verordnungen“ zu geben.

Langs Einstellung kommt nicht von ungefähr: Vor zehn Jahren gründete er mit Kollegen eine Patientenakademie. In Seminaren lernen Patienten und Angehörige, Erkrankungen wie Demenz, Parkinson oder multiple Sklerose zu verstehen, Angst abzubauen und ein Gefühl der Kontrolle über die Erkrankung zu entwickeln. Ziel sei es, das Empfinden ausgeliefert zu zu sein zu mindern und die Aktivität von Kranken und Angehörigen zu steigern. Über ein bundesweites Neurologennetz versuchen Lang und seine Kollegen, in größerem Umfang Patientenedukation und Angehörigenschulung zu verwirklichen.
Sabine Rieser, Nora Schmitt-Sausen
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