ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2009Traumatisierte Kinder: „Ich weiß nicht mehr weiter“

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Traumatisierte Kinder: „Ich weiß nicht mehr weiter“

PP 8, Ausgabe November 2009, Seite 498

Warwitz, Bettina

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Foto: iStockphoto
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Der Verein Neuhland versucht in Berlin, Kindern und Jugendlichen zu helfen, die psychische Probleme haben oder in schwierigen Familienverhältnissen leben. Die Suizidprävention steht dabei an erster Stelle.

Die alte Villa liegt in einer ruhigen Wohngegend im Süden Berlins. Nichts deutet darauf hin, dass hinter der gepflegten Fassade junge Menschen leben, deren bisheriges Leben alles andere als ruhig verlaufen ist. Die 13-jährige Alina* gehört dazu. Vor sieben Wochen ist sie eingezogen. Ihre Mutter ist alkoholabhängig, der leibliche Vater nicht bekannt. Der Lebenspartner der Mutter hat Alina bereits mehrfach geschlagen, diese Vorkommnisse jedoch stets als harmlose Rangeleien abgetan. Vor einem Jahr wurde sie vergewaltigt und mit multiplen Verletzungen in die Notfallambulanz eingeliefert. Der Stiefvater wurde verdächtigt, der Täter wurde jedoch nicht ermittelt. Alina schweigt dazu – bis heute. Allem Anschein nach wird sie durch ihre Mutter beeinflusst, die den Vorfall heruntergespielt hat. Das Mädchen hat zwei Geschwister. Ihre fünf Jahre ältere Schwester hat die Familie bereits verlassen und den Kontakt abgebrochen. Der elfjährige Bruder leidet stark unter den Familienverhältnissen. Alina unterstützt ihn, so gut sie kann, ist aber kaum in der Lage, für sich selbst zu sorgen. Die Schule besucht sie nur noch sporadisch. Vor einigen Monaten hat sie dann damit begonnen, sich selbst zu verletzen. Sie ritzt die Haut ihrer Arme auf. Zweimal ist sie bereits von zu Hause verschwunden und wurde von der Polizei in Gesellschaft von Obdachlosen aufgegriffen. Vor zwei Monaten wurde sie nach einem Suizidversuch mit Tabletten erneut ins Krankenhaus eingeliefert.

Wohngruppe für Kinder
Der Verein Neuhland unterhält und betreibt eine Kinderwohngruppe für traumatisierte Mädchen und Jungen, die ein ähnlich schweres Schicksal wie Alina erlitten haben. Die Kinder der Wohngruppe haben bereits in den ersten Lebensjahren über längere Zeit traumatisierende Erfahrungen mit ihren emotional relevanten Bezugspersonen, häufig ihren Eltern, machen müssen. Diese Erlebnisse waren in der Regel keine abgrenzbaren Einzelfälle, sondern fanden in einem fortwährenden Traumatisierungskontext statt. Die Kinder wurden über lange Zeiträume vernachlässigt, misshandelt und missbraucht von Menschen, die sie liebten, zum Teil noch immer lieben, und denen sie vertrauten. Daraus resultieren in vielen Fällen massive Bindungsstörungen, die Auswirkungen auf das soziale Verhalten der Kinder zur Folge haben. Die traumatisierten Kinder entwickeln Verhaltens- und Überlebensstrategien, die emotionale Bindungen oft nur schwer erkennen lassen. Das Fehlschlagen dieser Verhaltens- und Überlebensstrategien mündet häufig im Suizidversuch.

Den betroffenen Kindern und Jugendlichen soll in der alten Villa geholfen werden. Die Kinder erfahren durch die Betreuer Wertschätzung und Respekt. Vielfach lernen sie zum ersten Mal in ihrem Leben, dass es auch andere Formen des Miteinanders gibt als Gewalt und Unterdrückung. Darauf aufbauend können die Kinder Schritt für Schritt ihre traumatischen Erfahrungen verarbeiten. Im Idealfall gewinnen sie Zuversicht für ihr Leben und erwerben soziale Kompetenzen, die ihnen den Umgang mit anderen Menschen deutlich erleichtern. Die Kinder leben gemeinsam in der Wohngruppe unter permanenter Betreuung durch Mitarbeiter des Vereins. In diesem geschützten Lebensraum werden die Kinder in den Auseinandersetzungen mit ihrer Herkunftsfamilie unterstützt und erhalten individuelle Hilfe in der Schule und Freizeit. Soweit möglich werden auch die Angehörigen in die Arbeit einbezogen.

Natürlich gehört auch eine psychotherapeutische Behandlung durch entsprechend qualifizierte Mitarbeiter zum Angebot. Zum multiprofessionellen Team der Einrichtung gehören elf Mitarbeiter aus den Bereichen Psychotherapie, Psychologie, Pädagogik und Hauswirtschaft. Die Mitarbeiter arbeiten eng mit Hausärzten, Fachärzten und im Bedarfsfall mit der Psychiatrie zusammen. Die Aufenthaltsdauer der jungen Klientel wird individuell abgestimmt. Ziel ist es, die Kinder wieder in die Familie zurückzuführen. Aus diesem Grund werden die Eltern frühzeitig in die Veränderungsprozesse einbezogen und im künftigen Umgang mit ihren Kindern unterstützt. Sollte die Reintegration nicht möglich sein, werden die Kinder nach Abschluss der Arbeit in der Kinderwohngruppe in andere Einrichtungen oder in eine Pflege- beziehungsweise Adoptivfamilie vermittelt.

Beratung in Krisensituationen
Neuhland stellt auch selbst Angebote zur Verfügung, die eine Anschlussbetreuung gewährleisten, zum Beispiel therapeutische Wohngemeinschaften für junge Erwachsene in Berlin. Darüber hinaus gibt es auch eine Beratungsstelle, die der Verein für Kinder, Jugendliche, junge Erwachsene und Familien in Krisensituationen aus allen Berliner Bezirken, insbesondere bei Suizidgefahr und selbstverletzendem Verhalten, zur Verfügung stellt.

Der Trägerverein wurde 1982 in Berlin gegründet und begann seine Arbeit mit einem Verbund von psychotherapeutisch orientierten Beratungsstellen und Krisenwohngruppen für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene. Damit war Neuhland das bundesweit erste Suizidpräventionsprojekt für Kinder und Jugendliche. Die Angebote des Vereins richten sich an Jugendämter in Berlin und im gesamten Bundesgebiet sowie an andere Institutionen, die mit jungen Menschen arbeiten, und natürlich an betroffene Familien. Sämtliche Einrichtungen des Trägers nehmen an zertifizierten Qualitätsentwicklungsprozessen teil. Darüber hinaus finden regelmäßig externe Supervisionen sowie eine fortlaufende Selbstevaluation statt.

Der Verein finanziert sich über Tagessätze der Jugend- und Sozialämter für die Betreuungsfälle beziehungsweise über Zuwendung des Landes Berlin für die Beratungseinrichtungen.

Alina hat ihren Suizidversuch überlebt. Das Jugendamt wurde über ihren Fall informiert und hat den Kontakt zu Neuhland hergestellt. Alina konnte unmittelbar nach der Entlassung aus dem Krankenhaus in die alte Villa einziehen und wird nun dort versorgt.

Dr. med. Bettina Warwitz

@Weitere Informationen unter www.neuhland.net
*Name von der Redaktion geändert

Fakten
Der Verein „Neuhland e.V.“ vereint unter seinem Dach eine Reihe von Einrichtungen, die Hilfen in schweren Krisensituationen anbieten. Schwerpunkt ist die Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und deren Familien in, vor oder nach suizidalen Krisen, bei schweren psychischen/psychiatrischen Störungen und im Zusammenhang mit Traumatisierungen. Ziel ist die Krisenbewältigung und die Suizidprävention bei jungen Menschen.

Diese Arbeit stellt eine Schnittstelle zwischen Jugendhilfe und Psychiatrie, zwischen Krisenintervention und psychotherapeutisch orientierter Betreuungsarbeit in Wohngruppen dar. Inzwischen sind auch Hilfen für alle Altersgruppen und unterschiedliche diagnostische Problemstellungen eingeschlossen.

Neuhland bietet zudem Fortbildungen an. Ärzte und Fachleute aller Professionen, Betroffene und Angehörige können sich wenden an:
Beratungsstelle Neuhland e.V.

in Berlin-Wilmersdorf:
Nikolsburger Platz 6
10717 Berlin

in Berlin-Friedrichshain:
Richard-Sorge-Straße 73
10249 Berlin

in Berlin-Buch:
Wiltbergstraße 27
13125 Berlin
Telefon: 0 30/8 73 01 11
(Mo–Fr 9 bis 18 Uhr)
Fax: 0 30/4 17 28 39 19
E-Mail: post@neuhland.de
Internet: www.neuhland.de

Hilfseinrichtungen in anderen Bundesländern können gefunden werden über die Deutsche Gesellschaft für Suizidprävention (DGS), Nikolsburger Platz 6, 10717 Berlin, www.suizidprophylaxe.de (unter „Hilfsangebote“).
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