ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2009Rauschtrinken: Vielversprechende Informations- und Präventionsangebote

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Rauschtrinken: Vielversprechende Informations- und Präventionsangebote

Sonnenmoser, Marion

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Rauschtrinken bei Jugendlichen wird zunehmend ernst genommen. Zahlreiche Programme sollen den Jugendlichen präventiv helfen. Foto: Fotolia
Rauschtrinken bei Jugendlichen wird zunehmend ernst genommen. Zahlreiche Programme sollen den Jugendlichen präventiv helfen. Foto: Fotolia
Der problematische Umgang mit Alkohol bei Jugendlichen ist zu einem gefährlichen Trend geworden. Doch wo setzt man an, um den Teenagern zu helfen?

Mädchen mit drei Promille ins Krankenhaus eingeliefert“, „Immer mehr Alkoholvergiftung bei Jugendlichen“ – solche und ähnliche Schlagzeilen sind seit einigen Jahren häufig zu lesen. Sie weisen auf einen problematischen Umgang mit Alkohol hin, der sich immer mehr zum Trend entwickelt und als „Rauschtrinken“ (auch: Binge drinking, Komasaufen, Flatrate-Saufen) bezeichnet wird. Diese besonders riskante Form des Alkoholmissbrauchs ist durch den Konsum von fünf oder mehr Gläsern Alkohol nacheinander zu einer Trinkgelegenheit definiert. Wissenschaftler der Universität Leipzig werteten die Daten von 102 Jungen und 71 Mädchen aus, die zwischen 1998 und 2004 wegen Alkoholvergiftung an der Leipziger Universitätsklinik aufgenommen wurden. Sie erstellten folgendes Profil des „durchschnittlichen Rauschtrinkers“: Er ist eher männlich als weiblich (die Mädchen holen allerdings auf), besucht die Mittelschule, eher aber die Berufs- oder Sonderschule, und stammt aus allen sozialen Schichten. Er konsumiert vor allem an Wochenenden und Feiertagen Alkohol und kommt im Schnitt auf einen Alkoholpegel von 1,77 Promille. Er trinkt hauptsächlich Spirituosen, aber auch Wein, Sekt und Bier und selbstgemischte Getränke. Meistens betrinkt er sich im Freundeskreis.

Programme gehen Risikofaktoren gezielt an
Die Gefahr, dem Rauschtrinken zu verfallen, erhöht sich deutlich durch bestimmte Risikofaktoren. Zu diesem Ergebnis kamen die Psychologen Dorothea Blomeyer und Dr. Manfred Laucht vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Dazu wurden 311 Rauschtrinker im Alter von 15 Jahren untersucht. Zu den ermittelten Risikofaktoren zählen familiäre und schulische Probleme, alkoholkranke Eltern, mangelnde elterliche Aufsicht und Wohnort in der Großstadt. „Auch externale Verhaltensstörungen, früher Pubertätsbeginn, Neugierverhalten, Delinquenz und ein delinquenter Freundeskreis sind Risikofaktoren“, so die Wissenschaftler. Weitere Studien fanden zudem heraus, dass Rauschtrinken mit Persönlichkeitsmerkmalen wie beispielsweise „sensation seeking“, geringem Gesundheitsbewusstsein, psychischen Belastungen, Hedonismus, Risikobereitschaft, Depressionen und alkoholbefürwortenden Einstellungen einhergeht.

Zahlreiche Präventions- und Interventionsprogramme im In- und Ausland stützen sich mittlerweile auf solche Erkenntnisse und gehen die genannten Risikofaktoren gezielt an. Im Rahmen familientherapeutischer Interventionen werden beispielsweise Eltern betroffener Kinder und Jugendlicher ermuntert, die Beziehung zu ihren Kindern zu verbessern, gleichzeitig aber ihre Aufsichtspflicht ernst zu nehmen und angemessene Ausgehzeiten vorzugeben. Die Eltern werden außerdem angeregt, sich für Pläne und Probleme des Nachwuchses mehr zu interessieren, sich über die außerhäuslichen Freizeitaktivitäten der Kinder zu informieren und deren Freunde kennenzulernen. Bei einer ambulanten Frühintervention, die am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf angeboten wird („Eppendorfer Modell“, www.uke.de/kliniken/psychiatrie), werden familientherapeutische Ansätze und Elemente der systemischen und lösungsorientierten Therapie mit speziellen Erfordernissen der Suchtbehandlung kombiniert. Der Substanzkonsum wird im Kontext interpersoneller, familiärer Konfliktebenen thematisiert, um schwere Suchtverläufe frühzeitig zu verhindern oder zu beenden.

Erlebnispädagogisch orientierte Programme versuchen, die „Suche nach dem Kick“ in kalkulierbare Risiken umzulenken, was besonders bei ausgeprägtem Neugierverhalten relevant ist (zum Beispiel www.out-side.net).

Lebenskompetenz- beziehungsweise Life-Skills-Ansätze konzentrieren sich auf individuelle Ursachen, indem sie versuchen, Schutzfaktoren zu stärken sowie allgemeine Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Bewältigung von Problemsituationen und Entwicklungsaufgaben zu vermitteln. In der Regel werden sie an Schulen durchgeführt und beinhalten außerdem Informationen und Diskussionen über Alkohol und Drogen.

Persönlichkeitsorientierte Ansätze befassen sich mit riskanten Persönlichkeitseigenschaften und Verhaltensstörungen, die teilweise im Rahmen spezifischer Psychotherapien behandelt werden; Symptome wie Rauschtrinken werden nicht gesondert behandelt, sondern gehen im Laufe der Psychotherapie von selbst zurück.

Das Schweizer Präventionsprojekt „Smartconnections“ (www.smart connection.ch) setzt gezielt auf den Einfluss, den Jugendlichen aufeinander ausüben. Es arbeitet mit einem sogenannten Peer-Education-Ansatz: Bei Veranstaltungen, in Diskotheken, auf Partys und Festen werden junge Besucher von gezielt geschulten Gleichaltrigen angesprochen und für den moderaten Konsum alkoholhaltiger Getränke beziehungsweise für den Konsum alkoholfreier Getränke gewonnen. Dies geschieht in Abstimmung mit dem Veranstalter, der alkoholfreie Getränke an einer Extra-Bar anbietet. Die Jugendlichen, die ihre Peers zu einem genussvollen Konsum anregen, mixen und verkaufen auch attraktive alkoholfreie Getränke an der alkoholfreien Bar. Außerdem werben sie dafür, sich ebenfalls an dem Projekt zu beteiligen. Sie erhalten dafür Punkte, die sie sammeln und gegen verschiedene Preise eintauschen können. In Österreich wartet unter anderem die Kampagne „B’rauschend“ (www.akzente.net/b-rauschend) mit einem ähnlichem Konzept auf. Auch in Deutschland gibt es eine Peer-Education-Kampagne. Sie wird von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) angeboten und setzt unter dem Namen „Na toll!“ (www.bzga.de) auf Aufklärung von gefährdeten Jugendlichen durch speziell geschulte Peers. Die Einsätze finden unter anderem in Ferienregionen an der deutschen Nord- und Ostseeküste, an niederländischen und spanischen Stränden sowie bundesweit in Jugendherbergen, bei Musikfestivals, Sport-Events und Jugendveranstaltungen statt. Diskussionen unter Gleichaltrigen sollen über die gesundheitlichen Risiken des Alkoholkonsums zum Nachdenken anregen. Dabei steht nicht der völlige Verzicht von Alkohol im Sinne einer Anti-Al-kohol-Kampagne im Vordergrund, sondern die Entwicklung einer kritischen Einstellung und ein verantwortungsvoller Umgang mit dem Suchtmittel. Jugendliche finden darüber hinaus Informationen im Internetportal „Bist du stärker als der Alkohol?“ (www.bist-du-staerker-als-alkohol.de). Ein weiteres Präventionsprojekt der BZgA in Zusammenarbeit mit der privaten Kran­ken­ver­siche­rung (PKV) heißt „Kenn dein Limit“ (www.kenn-dein-limit.info, www.pkv.de).

Lernen, sozialen Druck auszuhalten
Der Einfluss von Peers und soziale Normen spielen auch bei einem Präventionsprogramm, das an der University of North Florida entwickelt wurde, eine wichtige Rolle. Im Rahmen des Programms werden Studienanfänger für soziale Normen im Zusammenhang mit Alkohol und Rauschtrinken sensibilisiert. Anschließend sollen sie besser in der Lage sein, sozialen Druck zu erkennen, auszuhalten und der Aufforderung zum Rauschtrinken zu widerstehen.

Verstärkt auf Information und Psychoedukation setzen die österreichische Kampagne „Mehr Spaß mit Maß“ (www.spassmitmass.at) und die Schweizer Kampagne „Alles im Griff?“ (www.bag.admin.ch). Mit ihnen werden Jugendliche auf die negativen Auswirkungen des Alkoholkonsums angesprochen.

Auch ein Projekt, das ein US-amerikanisches Wissenschaftlerteam entwickelt hat, zielt darauf ab, Risikogruppen anzusprechen und zu informieren. Dies geschieht mindestens einmal wöchentlich in Form von Newslettern oder postalisch.

Ebenfalls auf Information setzt die Kampagne „Na klar – unabhängig von Alkohol!“ (www.praevention-na-klar.de) der Fachstelle für Suchtprävention des Landes Berlin und die Kampagne „Don’t drink too much – Stay Gold“ (www.staygold.eu von Polizei und Bundesregierung).

Eine Vernetzung von Patienten, Behandlern, Familien, Hilfs- und Beratungsangeboten sowie Kommunen bietet das Alkoholpräventionsprogramm „Hart am Limit“ (HaLT), das es in verschiedenen Bundesländern gibt (regionale Angebote zum Beispiel www.jugend-hilft-jugend.de, www.bas-muenchen.de). Das Projekt sensibilisiert Jugendliche und deren Familien nach behandlungsbedürftiger Alkoholintoxikation im Krankenhaus mit Beratungs- und Präventionsangeboten und regt kommunale Verantwortliche an, geeignete Maßnahmen zur Alkoholprävention zu ergreifen und auf die Einhaltung des Jugendschutzes zu achten.

Niedrigschwellige Angebote, wie etwa Info-Telefone, Hotlines, Online-Beratungen und Chats, bieten unter anderem die BZgA (www.bzga.de) und das Schweizer Blaue Kreuz (www.blaueskreuz.ch) an.

Über die Wirksamkeit vieler Programme kann noch nicht viel gesagt werden, da sie erst initiiert und noch nicht evaluiert wurden. Nach Angaben der BZgA konnten aber bereits mehrere Zehntausend Jugendliche angesprochen werden. Erfreulich ist, dass Rauschtrinken zunehmend ernst genommen wird, obwohl es nur eine Minderheit der Jugendlichen betrifft, und dass viele Anbieter und Verantwortliche an einem Strang ziehen und mit vielversprechenden, innovativen Ansätzen und einem breiten Informations- und Präventionsangebot aufwarten.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
Blomeyer D, Laucht M: Riskanter Alkoholkonsum im Jugendalter. Psychotherapeut 2009; 54(3): 179–86.
Schöberl S, Nickel P, Schmutzer G et al.: Alkoholintoxikation bei Kindern und Jugendlichen. Klin Padiatr 2008; 220: 253–8.
Thomasius R, Schulte-Markwort M, Küstner U, Riedesser P: Suchtstörungen im Kindes- und Jugendalter. Stuttgart: Schattauer 2009.
Rauschtrinken bei Jugendlichen wird zunehmend ernst genommen. Zahlreiche Programme sollen den Jugendlichen präventiv helfen.
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