ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2009Serie: Psychotherapie mit Älteren – Besonderheiten im Umgang mit älteren Patienten

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Serie: Psychotherapie mit Älteren – Besonderheiten im Umgang mit älteren Patienten

Sonnenmoser, Marion

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Unter anderem müssen die persönliche Einstellung, körperliche Beschwerden und beeinträchtigte Sinnesorgane berücksichtigt werden – für viele Psychotherapeuten ist die Behandlung von älteren Menschen eine Herausforderung.

Foto: iStockphoto
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Für Psychotherapeuten und Psychologen, die bisher noch keine oder nur wenige Erfahrungen mit älteren Patienten sammeln konnten – und das dürfte die Mehrzahl sein – stellen sich im Fall einer Therapie viele Herausforderungen und Fragen wie: Kann man diese Patientengruppe mit herkömmlichen Verfahren behandeln oder müssen erst neue Verfahren entwickelt werden? „Im Wesentlichen werden für ältere Patienten keine neuen oder andere Psychotherapieverfahren oder Behandlungstechniken benötigt“, meinen die Psychologen Dr. Simon Forstmeier und Prof. Dr. Dr. Andreas Maercker vom Psychologischen Institut der Universität Zürich. Einige Punkte sollten im Umgang mit älteren Patienten aber dennoch beachtet werden. Dazu zählen zum Beispiel deren Haltungen und Einstellungen zu psychischen Erkrankungen und Psychotherapie. So führen ältere Menschen Krankheiten eher auf körperliche als auf psychische Ursachen zurück und empfinden es als unpassend oder unwirksam, Probleme durch Gespräche zu bearbeiten. Unter anderem wurden ältere Männer dazu erzogen, Schwäche nicht einzugestehen. Frauen sind es hingegen gewohnt, sich und ihre Probleme und Bedürfnisse zurückzustellen. Die Kriegsgenerationen neigen dazu, Probleme zu negieren oder kleinzureden oder Hilfe zu verweigern, um Probleme selbst zu meistern, wie sie es eventuell von früher kannten. Ältere Menschen können zudem Scham und Versagens- und Schuldgefühle empfinden, wenn sie erkranken. Sie wollen gegenüber sich und anderen nicht zugeben, dass bei ihnen „im Kopf etwas nicht stimmt“, und sie haben Angst, anderen zur Last zu fallen. Hinzu kommen Informationsdefizite, Vorurteile und Ängste gegenüber einer Psychotherapie und psychischen Erkrankungen. Aufgrund dieser Haltungen und Einstellungen ist es oft schwierig, ältere Menschen zu einer Psychotherapie zu bewegen; sie benötigen daher eine besonders leicht verständliche, ausführliche und um Vertrauen werbende Psychoedukation.

Die Sinnesorgane sind im höheren Alter oft beeinträchtigt, Lernvorgänge gehen langsamer vonstatten und Gedächtnisprozesse verändern sich oder lassen nach. Das heißt nicht, dass Ältere nichts mehr lernen, sich kaum noch etwas merken oder sich nicht mehr verändern können. Manche Prozesse dauern lediglich etwas länger, und auf altersbedingte Veränderungen muss Rücksicht genommen werden. Bewährt hat sich zum Beispiel ein langsameres und sinnesleistungsgerechtes Vorgehen (zum Beispiel häufiges Wiederholen, langsames und deutliches Sprechen, Informationen im Großdruck zur Verfügung stellen) und der Einsatz von Gedächtnisstützen (zum Beispiel Handzettel austeilen, Patienten Notizen anfertigen lassen). Wichtige Inhalte sollten in kleineren Sinneinheiten und in verschiedenen sensorischen Modalitäten präsentiert werden. Die Tendenz, abzuschweifen und „ins Erzählen zu kommen“ sollte durch Fokussieren auf bedeutsame Punkte und durch klare Strukturierung des therapeutischen Gesprächs begrenzt werden.

Therapieziele sollten möglichst begrenzt werden
Ganz allgemein sollte individuell und ressourcenorientiert vorgegangen werden, wobei besonders die Fähigkeiten und Kompetenzen der Patienten zu berücksichtigen sind; zu den Ressourcen älterer Menschen zählen unter anderem Erfahrungsschatz, Reife, Gelassenheit, Weisheit und Fähigkeit zur Emotionsregulation. Um älteren Patienten gerecht zu werden, sollten nicht nur ihre Entwicklungsgeschichte und ihre Lebensleistungen bekannt sein und gewürdigt werden, sondern es sollte auch ihre Gesamtsituation berücksichtigt werden. Da oft mehrere Erkrankungen und Probleme gleichzeitig vorliegen, gilt es, die Therapieziele zu begrenzen und Prioritäten zu setzen.

Die Lebensumstände älterer Patienten erfordern von Therapeuten gegebenenfalls ein größeres Ausmaß an Flexibilität und Einsatzbereitschaft. Beispielsweise muss das Setting in Wohnungen, Krankenzimmer, Senioren- und Pflegeheime oder in Krankenhäuser verlegt werden. Auch die Terminvergabe muss so gestaltet werden, dass den Patienten kurzfristig vereinbarte und leicht verschiebbare Termine eingeräumt werden können. Die Praxis sollte leicht erreichbar sein, über Parkmöglichkeiten verfügen, und der Zugang zu den Praxisräumen sollte behindertengerecht gestaltet sein (zum Beispiel durch Aufzüge, Rampen). Das soziale Umfeld und die Psychodynamik der Familie, in der die Patienten leben, müssen ebenso ins Therapiekonzept eingebunden werden wie medizinische Behandlungen. Da ältere Patienten unter Umständen auf Pflege und Hilfe angewiesen sind, müssen auch Kontakte zu Ärzten, Krankenschwestern, Pflegern, Haushaltshilfen und Angehörigen hergestellt werden; es sollte zudem nicht vergessen werden, dass pflegende Angehörige mit der Pflege oft überfordert sind und daher selbst psychologische Unterstützung benötigen.

Neben zeitlicher Flexibilität, interdisziplinärer Zusammenarbeit und räumlicher Anpassung sollten Psychologen und Psychotherapeuten auch über bestimmte Kenntnisse und Einstellungen verfügen. So ist beispielsweise medizinisches Wissen über allgemeine Veränderungen und körperliche Erkrankungen im Alter und deren Behandlungsstandards hilfreich. Ebenso lohnt es sich, Kenntnisse über lebensgeschichtliche Zusammenhänge, Bildung, Erziehung und Werte verschiedener Alterskohorten zu erwerben. „Psychotherapeuten sollten sich außerdem bewusst sein, dass ihr Handeln geleitet wird von ihren Einstellungen gegenüber dem Älterwerden und älteren Patienten“, sagt der Jurist und Psychologe Prof. Dr. Donald Bersoff von der Drexel University in Philadelphia/USA. Er fordert Psychologen und Psychotherapeuten auf, sich mit ihren eigenen Erfahrungen, Ängsten und Hoffnungen im Hinblick auf Alter, Tod und Sterben, auf ältere Angehörige und auf die begrenzte Lebenszeit der Patienten auseinanderzusetzen. Und er ermutigt dazu, sich Irrtümer, Fehlwahrnehmungen oder Vorurteile offen einzugestehen, damit Prozesse des Lernens und Umdenkens einsetzen können.

Auch positive Stereotype sind unangemessen
Typische, negative Vorurteile gegenüber älteren Menschen lauten zum Beispiel: Älterwerden bringt nur Abbau und Nachteile mit sich. Ältere sind kaum noch behandelbar und profitieren wenig von Psychotherapie. Ältere sind senil, depressiv, multimorbid, ständig krank, wenig leistungsfähig, hinfällig, sozial isoliert, unflexibel und stur. Solche Vorurteile, ob sie nun bewusst oder unbewusst sind, beeinflussen das Denken, Wahrnehmen und Handeln von Psychologen und Psychotherapeuten und haben entsprechende Folgen, wie etwa Diskriminierung älterer Patienten, verächtlicher und nachlässiger Umgang, Fehleinschätzungen oder unangemessener Pessimismus hinsichtlich des Therapieerfolgs. Darüber hinaus können sie dazu führen, dass Präventions- oder Behandlungsmaßnahmen unterlassen werden oder Symptome wie Müdigkeit, Angst oder Verwirrung nicht auf psychische Erkrankungen, sondern fälschlicherweise auf das Alter zurückgeführt werden.

Positive Stereotype sind allerdings mindestens ebenso unangemessen und schädlich. Die Meinung, dass ältere Menschen generell „hilfsbedürftig“, „reizend“ oder „wie Kinder“ seien, „Gemütlichkeit“ ausstrahlten oder einen „an die eigene Großmutter“ erinnerten, kann dazu führen, dass Probleme des Alterns übersehen, Krankheiten unterschätzt und Fähigkeiten älterer Menschen überschätzt werden. Eine weitere unerwünschte Folge besteht in der Rollenkonfusion: Der ältere Patient wird entweder als „väterlich“ empfunden, oder der Psychotherapeut nimmt eine Eltern- oder Beschützerrolle gegenüber dem Patienten ein. Beides wirkt sich ungünstig auf die therapeutische Beziehung aus, verstärkt die Abhängigkeit des Patienten, schwächt die Position des Therapeuten und kann zu Behandlungsfehlern führen.

Um solche Schwierigkeiten zu vermeiden, empfiehlt Bersoff Psychologen und Psychotherapeuten, sich speziell fortzubilden, um möglichst eine realistische Sicht der Möglichkeiten und Grenzen älterer Patienten zu entwickeln. Er rät außerdem dazu, Supervision wahrzunehmen und sich Rat oder Hilfe zu suchen, am besten bei Kollegen, die Erfahrung im Umgang mit Älteren haben.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Literatur
Bäurle P, Radebold H, Hirsch R, Studer K, Schmid-Furstoss U, Struwe B: Klinische Psychotherapie mit älteren Menschen. Grundlagen und Praxis. Bern: Huber 2000.
Bersoff D: Guidelines for psychological practice with older adults. American Psychologist 2004; 59(4): 236–60. (www.apa.org/practice/adult.pdf)
Forstmeier S, Maercker A: Probleme des Alterns. Göttingen: Hogrefe 2008.
Heuft G, Kruse A, Radebold H: Lehrbuch der Gerontopsychosomatik und Alterspsychotherapie. Stuttgart: UBT 2006.
Peters M: Psychosoziale Beratung und Psychotherapie Älterer. Zur Entwicklungsförderung älterer Menschen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2006.
Peters M: Alter und Psychotherapie – Von der Annäherung zweier Fremder. Ein klinisches Feld gewinnt Konturen. Psychotherapie im Dialog 2008; 9: 5–12.
Rabaioli-Fischer B: Ambulante Psychotherapie mit Älteren. Lengerich: Papst 2008.
Schwiebert V, Myers J, Dice C: Ethical guidelines for counselors working with older adults. Journal of Counseling & Development 2000; 78(2): 123–9.
Secker D, Kazantzis N, Pachana N: Cognitive behavior therapy for older adults: Practical guidelines for adapting therapy structure. Journal of Rational-Emotive & Cognitive Behavior Therapy 2004; 22(2): 93–109.


Kontakt:
Dr. Simon Forstmeier, Universität Zürich, Psychopathologie und Klinische Intervention, Binzmühlestraße 14/17, CH-8050 Zürich, E-Mail: s.forstmeier@psychologie.uzh.ch
Prof. Dr. Donald N. Bersoff, Drexel University, Earle Mack School of Law, 3320 Market Street, PA 19104 (USA), E-Mail: Donald.Bersoff@drexel.edu
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