ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2009Gewalt: Bedrückende Wirklichkeit

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Gewalt: Bedrückende Wirklichkeit

Breitenbach, Gaby

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Seit 2004 setzt sich das Interdisziplinäre Forum auf seinen Fachtagungen mit Fragestellungen der forensischen und kriminalistischen Praxis auseinander. Innerhalb der Fachtagungen kommen verschiedene Experten aus unterschiedlichen Bereichen zu Wort, deren Arbeit direkt oder indirekt eine Auswirkung auf die Tätigkeit von Richtern in Verfahren dieses Themenkreises hat. Es ist ein Verdienst des Buches, dass es deutlich aufzeigt, dass vor allem die gesellschaftlich auch akzeptierten Wirklichkeiten von Gewalt und die vorstellbare Dimension von Gewalt und damit verbundener psychischer Störung sich innerhalb der Praxis von Richtern und Gerichten, aber auch von Fallanalytikern und Gutachtern abbilden lässt. So beinhaltet der Band in den Beiträgen von Graichen, Erfurt und Schmidt sowie von Saimeh sehr bedrückende, zugleich aber sehr eindrückliche Beschreibungen dokumentierbarer Gewalt. Jedem im Kinderschutz oder in der Arbeit mit Kindern Tätigen wie Erziehern oder Kinderärzten seien diese Beiträge ausdrücklich ans Herz gelegt. Ebenso deutlich zeigt der Band auf, wie viele Defizite im Verständnis für extreme Gewalt und Dissoziation, insbesondere im Bereich organisierter Gewalt bestehen. Im Weiteren ist gut zu erkennen, zum Beispiel im Beitrag von Steller, dass eben hier die Einflüsse dafür zu suchen sind, wenn gerade in der Forensik letztlich die False-memory-Bewegung so punkten kann.

Es ist sicherlich, das macht der Beitrag von Petermann zur dissoziativen Identitätsstörung deutlich, nicht nur einfach ein Mangel an Wollen, sich mit der Thematik auseinanderzusetzen, sondern es fehlen gut und klar vermittelte Konzepte. Das bietet Platz für reichlich Irrtümer und Missverständnisse. Die Schuld hierfür ist aber nicht nur auf Seite der Forensiker zu suchen, sondern aufseiten der Therapeuten ebenso. So ist es sicher nicht hilfreich, wenn aus einer Fragebogenaktion zur rituellen Gewalt, die keinerlei wissenschaftliche Beweiskraft hat, eine Studie wird. Petermann beklagt zu Recht, man habe keine Kriterien, aufgrund derer die Therapeuten jeweils die Glaubhaftigkeit von Vorträgen zu erinnerter Gewalt als glaubhaft einstufen, und – aus Praktikersicht – dazu, wie diese Erkenntnisse vorgetragen und gewonnen wurden. Es gibt mittlerweile eine Fülle gut dokumentierter Studien zur Dissoziation, auch zur dissoziativen Identitätsstörung aus der Neurobiologie, aber diese sind eben den Forensikern nicht zur Verfügung gestellt worden.

Dieses Buch ist ein Muss für Therapeuten und forensische Praktiker. Es zeigt, welcher Weg zu gehen ist, wenn man noch einen besseren Opferschutz gewährleisten will. Zudem wird nüchtern und sachlich dargestellt, dass die jetzige juristische Praxis und die gegenwärtigen Bedingungen von Glaubhaftigkeitsverfahren nicht geeignet sind, um Opfern extremer Gewalt juristisch Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Beide Seiten (Justiz wie Therapeuten) müssen noch einen langen Weg zurücklegen, um hier andere Möglichkeiten zu schaffen. Der Band ist empfehlenswert, auch wenn er sicherlich eine bedrückende juristische Wirklichkeit abbildet. Gaby Breitenbach

Luise Greuel, Axel Petermann (Hrsg.): Macht – Familie – Gewalt (?). Pabst Science Publishers, Lengerich u. a. 2009, 212 Seiten, kartoniert, 20 Euro
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