ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2009Gruppenpsychotherapie: Anregend und spannend

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Gruppenpsychotherapie: Anregend und spannend

Kattermann, Vera

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Die Theorie der Mentalisierung hat in den vergangenen Jahren aufgrund ihrer Implikationen für die psychoanalytischen Therapieverfahren viel Aufsehen erregt. Zudem hat die Forschergruppe um den britischen Analytiker Peter Fonagy vielfach Anerkennung gefunden. Unter Bezugnahme auf die psychoanalytische Bindungstheorie und ausgehend von neuesten Erkenntnissen aus der Säuglingsforschung ist es den Forschern gelungen, aufzuzeigen, wie die Fähigkeit, sich selbst und andere in Gefühlszuständen, Motivationen und Einstellungen zu verstehen und damit letztlich auch das eigene Handeln zu steuern, sich wesentlich über eine passgenaue und differenzierte Spiegelung durch die primären Bezugspersonen entwickelt. Diese Fähigkeit zur sogenannten Mentalisierung und später auch Symbolisierung ist also immer das Resultat gelungener intersubjektiver Rückspiegelung der inneren Zustände eines Säuglings. Was läge vor diesem Hintergrund näher, als auch die Implikationen dieser Erkenntnisse für psychotherapeutische Gruppenverfahren eingehender zu diskutieren?

Die Gruppentherapie ist a priori und ihrem Wesen nach eine Art intersubjektive Baustelle, innerhalb derer zahlreiche, parallel ablaufende und sich häufig auch unbewusst ereignende Prozesse zu einer Differenzierung des Selbstverständnisses ebenso wie der sozialen Fertigkeiten führen. Affekte werden im Kontext der Gruppe aufgenommen, gespiegelt, angereichert oder infrage gestellt und ermöglichen dadurch eine eingehende Auseinandersetzung mit der Selbst- und Objektwahrnehmung.

Mathias Hirsch, Psychoanalytiker und Gruppenanalytiker aus Düsseldorf, legt als Herausgeber mit seinem Buch eine anregende und spannende Zusammenschau wissenschaftlicher Reflexionen und praktischer Fallbeispiele aus dem gruppentherapeutischen Setting vor, das nicht nur Gruppentherapeuten Lust darauf machen dürfte, sich mit der Mentalisierungstheorie auseinanderzusetzen. In seinen eigenen Beiträgen legt Hirsch überzeugend dar, wie sich gruppentherapeutische Zugänge gerade für die Behandlung von traumatisierten und Borderline-Patienten eignen, da sie ausgebliebene oder inadäquate Spiegelungserfahrungen der frühen Kindheit korrigieren oder nachträglich ergänzen können und damit die meist besonders geringen Fähigkeiten zur Mentalisierung und zur Selbst-Objekt-Differenzierung von Borderline-Patienten stärken. Besonders eindrucksvoll zu lesen sind die Verbatim-Protokolle eines einjährigen Gruppenprozesses, anhand dessen Hirsch seine Überlegungen eingehend illustrieren und nachvollziehbar machen kann und damit das Verständnis der Behandlung von Borderline-Patienten vertieft. Aber auch die übrigen Aufsätze des Sammelbands geben einen überzeugenden und gut fundierten Einblick in das gruppentherapeutische Arbeiten mit der Mentalisierungstheorie. Bereichernd sind hier insbesondere die Darlegungen auch unkonventionellerer Behandlungsformen wie die Erfahrungen aus einer Gruppentherapie mit Müttern und ihren Säuglingen oder einer Therapie mit bewegungszentriertem Arbeiten.

Den verschiedenen Autoren des Buches gelingt es, den Leser neugierig zu machen auf eigene Anwendungsmöglichkeiten dieser Theorie im Praxisalltag. Zwar wirken die sich in jedem Aufsatz wiederholenden Ausführungen zur Mentalisierungstheorie zunächst etwas redundant, doch vermögen diese Wiederholungen letztlich, ein besonders plastisches Verständnis dieser Theorie zu vermitteln. Vera Kattermann

Mathias Hirsch (Hrsg.):Die Gruppe als Container. Mentalisierung und Symbolisierung in der analytischen Gruppenpsychotherapie. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, 267 Seiten, kartoniert, 29,90 Euro
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