ArchivDeutsches Ärzteblatt PP11/2009Die „Schokotasche“: Basteln gegen Sprachlosigkeit

KULTUR

Die „Schokotasche“: Basteln gegen Sprachlosigkeit

PP 8, Ausgabe November 2009, Seite 516

Krödel, Arndt

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Selbstgemacht und dekorativ: eine Schokotasche als Vorzeigeobjekt. Fotos: Arndt Krödel
Selbstgemacht und dekorativ: eine Schokotasche als Vorzeigeobjekt. Fotos: Arndt Krödel
Ein kommunikatives Projekt für Brustkrebsbetroffene und ihre Kinder

Wenn ein Elternteil an Krebs erkrankt, sind die Kinder Mitbetroffene. Aber oft können sie über das, was sie belastet und ängstigt, nicht reden. Viele Eltern blenden das Thema eher aus, um das Kind zu schonen. Die Heidelberger Künstlerin Kornelia Roth, selbst vor einigen Jahren an einem Brusttumor erkrankt, hatte eine Idee: Wie wäre es, wenn man beim Basteln miteinander ins Gespräch kommt? Ein Projekt war geboren. In einer Bastelrunde ist man nicht nur konzentriert schöpferisch tätig, sondern kommt auch dazu, über dies und jenes entspannt zu sprechen.

Roth fand es wichtig, das, was man in der Kindheit gelernt hat und was einem gutgetan hat, „weiterzupflegen“. Auch während ihrer Krebserkrankung hat sie immer etwas mit den Händen gefertigt. Ihre Idee, ein Bastelprojekt für Kinder krebskranker Eltern zu entwickeln, hat hier ihre Wurzeln. Und noch eine andere Erfahrung trug dazu bei, dass die Künstlerin zur Initiatorin des Projekts „Meine Schokotasche – Basteln gegen Sprachlosigkeit“ wurde: Etwa ein Jahr nach ihrer Brustkrebserkrankung und dem Abschluss der Behandlungen nahm sie Kontakt zu einem leukämiekranken Mädchen in einer Klinik auf, das jeglichen Kontakt zu ihrer Umwelt – außer zu ihrer Mutter – verweigerte. Sie schrieben sich Briefe, keine gewöhnlichen, sondern „gemalte“: Sie teilten einander durch kleine Bilder und Zeichnungen mit, wie es ihnen gerade ging und was ihnen so durch den Kopf ging.

Initiierte ein Projekt zur besseren Kommunikation zwischen Kindern und krebskranken Müttern: die Künstlerin Kornelia Roth
Initiierte ein Projekt zur besseren Kommunikation zwischen Kindern und krebskranken Müttern: die Künstlerin Kornelia Roth
Roth schickte der Achtjährigen auch gebastelte Sachen, mit denen sie spielen konnte, zum Beispiel eine Maske, hergestellt aus einer Postkarte, und eines Tages auch eine kleine hübsche Tasche: Dazu hatte sie ganz einfach eine Schokoladenpackung verwendet, diese bemalt und beklebt und mit einem Bändchen zum Umhängen versehen. Das Mädchen war so stolz auf dieses Objekt, das ihr eine Künstlerin geschenkt hatte, dass sie allen davon erzählte. Sie hatte wieder Kontakt zu ihrer Umwelt aufgenommen.

Vor diesem erlebten Hintergrund entwickelte Roth das Konzept für das „Schokotaschen“-Projekt, das Teil der Kampagne „Durch die Brust ins Herz – Herausforderung Brustkrebs“ wurde, die von der Firma Roche unterstützt und von der Deutschen Krebsgesellschaft und der Deutschen Gesellschaft für Senologie begleitet wird. Wichtig dabei war für sie, Menschen emotional enger zusammenzuführen. Die Krebserkrankung der Mutter kann zu Belastungen innerhalb der Familie führen, wenn nicht offen damit umgegangen wird. Kinder haben Ängste und Fragen – und das sollte thematisiert werden.

Dazu kann gemeinsames Basteln ein Weg sein. Die Beteiligten tun etwas mit ihren Händen, wie das Menschen seit jeher schon getan haben und auch gut können. Und indem sie dies spielerisch tun, tritt nicht sofort eine Erwartungshaltung ein, wenn eine Frage gestellt wird. Zum Beispiel die kindlich unbefangene Frage nach dem Tod. Es darf auch mal geschwiegen werden, und der Erwachsene kann sich in Ruhe eine passende Antwort überlegen.

Jede Mutter kann das Bastelset „Meine Schokotasche“ anfordern, das eine Tasche, eine Bastelanleitung, Glitzerkonfetti, Aufkleber und eine Tafel Schokolade enthält. Außerdem ist das für Kinder krebskranker Eltern einfühlsam geschriebene Buch „Mir sagt ja doch (k)einer was!“ von Anita Zimmermann und Gerhard Trabert beigefügt. Auf einer Antwortkarte kann jedes Kind beschreiben, was ihm die Schokotasche bedeutet. Es kann sich auch mit seiner gebastelten Tasche fotografieren lassen. Im Frühjahr 2010 werden die Aufnahmen sowie einige ausgewählte Exemplare der Taschen im Schokoladenmuseum in Köln als „Mutmacher“ präsentiert.
Arndt Krödel
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