ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 4/2009Informationen für Geldanleger: Möglichkeiten und Manipulationen

SUPPLEMENT: PRAXiS

Informationen für Geldanleger: Möglichkeiten und Manipulationen

Jobst, Peter

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Schnelligkeit steht an der Börse an erster Stelle: Dauerte es beim Börsenkrach 1929 noch drei Tage, bis die Nachricht Europa erreichte, setzen Börsianer heute auf den Sekundentakt.

Das Bild des Börsianers hat sich grundlegend gewandelt. Noch bis weit in die 80er-Jahre hinein spielte die Zeit keine große Rolle. Neue Nachrichten erhielten Anleger aus dem Fernsehen, Hörfunk oder der Tageszeitung, die aktuellen Kurse der Standardaktien wurden am frühen Nachmittag im Rundfunk verlesen oder konnten per Telefon abgefragt werden. Weiterführende Informationen, wie etwa Kurscharts, wurden in Form von (teuren) Chartheften gekauft, die per Post oder am Zeitungskiosk im Wochen- oder Monatsturnus erhältlich waren. Und selbst der Computer war alles andere als auf Schnelligkeit getrimmt: Die ersten Computerprogramme zur Aktienanalyse basierten auf einem wöchentlichen Diskettenservice, bei dem die neuesten Kurse von ein paar Hundert Standardwerten per Post ins Haus geschickt wurden. Hatte man gar Exoten, wie etwa Nebenwerte, Auslandstitel oder auch Anleihen, im Depot, war man auf die manuelle Kurseingabe aus der Tageszeitung angewiesen.

Die ersten Veränderungen brachte das Bildschirmtextsystem der Telekom, mit dem auch Börsenkurse zeitnah abgefragt werden konnten. Stolze 70 Pfennige kostete es im Durchschnitt, wenn man sich die Notierungen von zehn bis 15 Aktien anzeigen lassen wollte. Engagierte Börsianer konnten sich erstmals auch in externe Datenbanken einwählen und hier eine größere Vielfalt von Börsenkursen abrufen – zu Preisen zwischen 70 und mehr als 1 000 DM im Monat. Anfang der 90er-Jahre kam dann mit dem Internet der Durchbruch: Die Börse war nicht mehr die Domäne einzelner monopolistischer Datenhändler, sondern wurde für jedermann zugänglich.

Heute ist das Internet aus dem Börsengeschehen nicht mehr wegzudenken: Ob Unternehmensinformation, aktuelle Kurse oder Kennzahlen von Aktien, konkrete Analysen, Marktprognosen oder wilde Spekulationen – im Internet findet man alles, was das Börsianerherz begehrt. Aber auch andere Medien sehen bei Anlegern eine eigene Zielgruppe: Kaum ein Rundfunksender verzichtet auf die regelmäßige Kurzberichterstattung vom Parkett. Im Fernsehen finden Sendungen, wie etwa die „n-tv Telebörse“ oder „Börse im Ersten“, ein großes Interesse bei den Zuschauern.

Informationsflut
Die Informationsflut ist zum Problem geworden. Es ist kaum noch möglich, aus der Vielzahl von Daten die entscheidenden herauszufiltern. Beispiel Börsengeschehen: In den frühen Morgenstunden liest man über den Trend in Japan, kurz darauf folgen die ersten Kommentare zur vorbörslichen Entwicklung und Prognosen über die voraussichtliche Eröffnungstendenz. Nach Börsenstart werden die Eröffnungskurse publiziert, dann kommen Unternehmensmeldungen, die Politik mischt mit, und nicht zuletzt sorgen Analystenhäuser immer wieder für Aufregung unter den Anlegern.

Die Folgen dieser Informationsflut lassen sich an den Börsenumsätzen ablesen. Anleger kaufen und verkaufen im Sekundentakt, viele Engagements werden bereits innerhalb eines Tages wieder glattgestellt. Eine mittel- oder längerfristige Strategie oder gar eine Optimierung des Aktienengagements in Hinblick auf die verschiedenen Anlagenbausteine sucht man vergebens. „Hin und her macht Taschen leer“ lautet jedoch eine alte Börsenregel, die gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gilt. Anleger sollten sich – so fordert etwa auch das Deutsche Aktieninstitut – wieder auf eine konkrete Strategie besinnen. Denn Statistiken zeigen, dass mittel- bis langfristig mit Aktien stets Gewinne winken, unabhängig vom Zeitpunkt des Einstiegs.

Doch welche Informationen sollten Anleger beachten, die in Aktien investieren wollen? Nach wie vor sehr wichtig ist die gesamtwirtschaftliche Entwicklung. Gerade hier ist es nicht so leicht, sich ein Bild zu machen. So dominiert in den Medien derzeit die Wirtschaftskrise, dabei gehen die durchaus auch vorhandenen positiven Entwicklungen unter. Gute Dienste leisten hier oft Zeitungen und Zeitschriften, die sich – zumindest in einzelnen Beiträgen – vom Tagesgeschehen abkoppeln und auch auf gesamtwirtschaftliche Tendenzen eingehen. Wer hingegen mehr zur optimalen Anlagestrategie wissen möchte, findet im Internet eine Vielzahl von Kommentaren erfahrener Börsianer, die man über Stichworte wie „Börsenkommentar“ problemlos googeln kann. In einer ruhigen Stunde sollte man sich hier etwa umsehen und dann die Seiten vormerken, die man regelmäßig abrufen will.

Gerade bei Aktienanlagen ist daneben auch eine Information über die ins Auge gefassten Unternehmen von Bedeutung. Erste Anlaufstelle ist hier die Homepage des Unternehmens und dabei speziell die Rubrik „Investor Relations“. Hier kann man meist sehr schnell erkennen, ob es einem Unternehmen gut geht oder ob es mit Problemen zu kämpfen hat, wie sich die Ertragslage entwickelt und mit welcher Energie das Unternehmen an seiner Zukunft arbeitet. Ein gesundes Maß an Skepsis ist dabei durchaus angebracht. So fallen die Prognosen oftmals sehr unterschiedlich aus – ganz nach den Intentionen des Unternehmens. Sind etwa Entlassungen geplant, wird man kaum etwas über höhere Gewinnerwartungen lesen. Manche Unternehmen geben sich aber auch bewusst konservativ, stets in der Hoffnung, die eigenen Prognosen übertreffen zu können. Als Ergänzung sollten Anleger daher auch Analysteneinschätzungen heranziehen, die etwa von Börsendiensten wie Onvista, aber auch auf den Bank-Homepages präsentiert werden.

Allerdings ist die Grenze zwischen Information und Werbung oft fließend. Selbst manche Börsenbetreiber scheuen nicht davor zurück, den einen oder anderen Finanzdienstleister bei sich werben zu lassen. In verstärktem Maß gilt dies für Anbieter, die vom Informationsvertrieb leben. So ist das Angebot von Diensten wie Onvista zwar sehr umfangreich und – soweit es sich auf Kurse bezieht – ausgesprochen zuverlässig. Jedoch sind die Seiten mit vielen Werbeelementen „geschmückt“, die den Anleger schnell zu Finanzvermittlern führen können.

Mit noch größerer Zurückhaltung sollten Anleger alle Seiten betrachten, die entweder direkt von Finanzvermittlern betrieben werden oder auf die von Internetsuchmaschinen nach Eingabe einschlägiger Begriffe gerne „verlinkt“ wird. Oft wird zwar auch hier eine gewisse Neutralität suggeriert, tatsächlich geht es jedoch meist einzig um den Verkauf von Finanzdienstleistungen.

Versteckte Abonnements
Und schließlich sind auch in diesem Markt schwarze Schafe unterwegs: Sie bieten angeblich umfassende Börseninformationen, für die man sich lediglich mit Namen und Anschrift registrieren müsse. Im Kleingedruckten findet man dann Hinweise auf ein kostenpflichtiges Abonnement. Vor der Eingabe eigener Daten sollten sich Anleger deshalb sehr genau dar-über informieren, wer hinter dem jeweiligen Angebot steht, ob Kosten anfallen und was wirklich erwartet werden kann.

Aktienanleger sollten sich darüber im Klaren sein, dass Börsentipps durchaus eine große Öffentlichkeitswirkung haben können. Entsprechend groß ist die Gefahr von Manipulationen. Nur allzu gerne werden daher die Aktien kleinerer Unternehmen hochgelobt, deren Kurse letztendlich nach oben gepusht werden sollen.

Ist die Anlageentscheidung dann gefallen, sollten die Titel auch beobachtet werden. Hierzu bieten sich die Musterdepots an, die sich auf den Homepages vieler Banken und Sparkassen, aber auch Börsenbetreiber kostenfrei anlegen lassen. „Gefüttert“ mit den Daten der eigenen Transaktionen sieht der Anleger hier schnell, wie sich die Positionen entwickeln. Doch Vorsicht: Ein allzu häufiger Blick auf die Tagesperformance verleitet zu unüberlegten Transaktionen. Sinnvoller ist es hingegen, bereits bei der Eingabe im Musterdepot Ziel- und Stoppkurse festzulegen, um so Verluste zu begrenzen und Gewinne gegebenenfalls rechtzeitig zu realisieren. Peter Jobst
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