ArchivDÄ-TitelSupplement: PRAXiSSUPPLEMENT: PRAXiS 4/2009Kurzinterview mit Dr. med. Thilo Hölscher, Abteilung für Radiologie an der University of California, San Diego: Die Revolution muss noch erforscht werden

SUPPLEMENT: PRAXiS

Kurzinterview mit Dr. med. Thilo Hölscher, Abteilung für Radiologie an der University of California, San Diego: Die Revolution muss noch erforscht werden

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Der Neurowissenschaftler Dr. med. Thilo Hölscher erforscht sowohl in den USA als auch in Deutschland die Möglichkeiten des therapeutischen Ultraschalls.

Wo kann die Ultraschalltherapie in der Neurologie eingesetzt werden?
Hölscher: Die primäre Zielsetzung der Ultraschalltherapie in der Neurologie ist ganz klar: erstens die Schlaganfallbehandlung, zweitens die Tumortherapie. Grundsätzlich könnte fast jede Erkrankung von der Ultraschalltherapie profitieren: Von Alzheimer über Parkinson, Lewy-Body-Demenz, Multisystem- Erkrankungen und multiple Sklerose bis hin zu chronischen Schmerzsyndromen. Insbesondere die Möglichkeiten des hochintensiven fokussierten Ultraschalls sind revolutionär. So ist es uns in San Diego erstmals gelungen, Gefäßthromben innerhalb von wenigen Sekunden mittels transkraniellem HIFU, ohne Zugabe von Medikamenten, aufzulösen.

Doch bei aller Euphorie ist zu bedenken, dass sich die Forschung zurzeit noch im experimentellen Stadium befindet. Es geht jetzt erst einmal darum, Grundlagenforschung nachzuholen, um die Sicherheit und Effektivität der Anwendung zu erhöhen, damit die weitere Erforschung am Patienten vertretbar wird. Am weitesten fortgeschritten sind die Wissenschaftler am Züricher Universitätsspital, wo mittels transkraniellem HIFU schon erfolgreich Phantomschmerzen behandelt werden.

Wann werden deutsche Ärzte und Patienten von den neuen Therapiemöglichkeiten profitieren?
Zum HIFU gibt es zwar zahlreiche Erfolg versprechende experimentelle Studien, wie lange es jedoch dauert, bis alle Vorstudien abgeschlossen, die optimale Therapie für verschiedene Erkrankungen definiert ist und die Risiken so minimiert sind, dass man das Verfahren im großen Stil anwenden kann, ist jedoch nicht abzusehen. Eine erste Pilotstudie zur Schlaganfallbehandlung mittels HIFU ist allerdings für Ende 2010 geplant.

Es muss vor allem erforscht werden, welche Erkrankungen mit welcher Ultraschallintensität und -parameterkombination behandelt werden müssen und welche Biomechanismen durch den Ultraschall getriggert werden können, um ein optimales Nutzen-Risiko-Verhältnis zu erreichen.

In der Neurologie sehe ich derzeit das größte Potenzial der Ultraschallttherapie, mit oder ohne HIFU, in der Auflösung von Gefäßverschlüssen. Dabei kämpfen wir insbesondere in der Schlaganfalltherapie immer gegen die Zeit. Die Zeit zwischen dem Auftreten erster Symptome und Behandlungsbeginn im Krankenhaus bleibt bislang völlig ungenutzt. Da die mobile Therapie mit HIFU aus praktischen Gründen nicht umsetzbar ist, konzentrieren wir uns hier auf den Einsatz von portablen, primär diagnostischen Ultraschallgeräten in Kombination mit Ultraschallkontrastmitteln, sogenannten Mikrobläschen.

Welches Zukunftspotenzial sehen Sie im Bereich Ultraschalltherapie mit HIFU?
Eine wichtige Strategie wird sein, den Ultraschall als eine Art Bioaktivator zu nutzen. Die mechanische Welle löst biophysikalische Mechanismen aus, die kein anderes Verfahren leisten kann. Dazu gehören unter anderem die Sonothrombolyse, die Transfektion vitaler Zellen mit DNA (Sonoporation), die Induktion zelleigener Abwehrmechanismen sowie die mögliche Stammzellproliferation und -differenzierung. Wieso und in welchem Umfang diese Mechanismen sich durch Ultraschall induzieren lassen, entzieht sich bis heute noch zum überwiegenden Teil unserer Kenntnis.

Beispielsweise können wir mithilfe des Ultraschalls die Blut-Hirn-Schranke öffnen, um Medikamente oder genetisches Material direkt an einen bestimmten Ort, etwa zu einem Tumor, zu bringen. Dieser Effekt ist reversibel, die Blut-Hirn-Schranke schließt sich wieder. Sowohl die Steuerung der Transportvehikel, sogenannter Drug Carrier, als auch die Freisetzung des Wirkstoffes vor Ort können durch HIFU gesteuert werden. Hier sehe ich eines der größten Anwendungsgebiete des HIFU. Schließlich ist die systemische Belastung durch wirksame Medikamente in hoher Dosis oft das eigentliche Problem in der Therapie schwerer Erkrankungen.

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass HIFU in naher Zukunft den Bereich der lokalen Wirkstoffabgabe revolutionieren wird. Das Interview führte Lisa Kempe.

Kontakt: Thilo Hölscher, M. D., University of California, San Diego, Ass. Professor of Radiology and Neurosciences, Director Brain Ultrasound Research Laboratory, 200 West Arbor Drive, San Diego, CA 92103-8756, E-Mail: Thoelscher@ucsd.edu
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