ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2009Neue Influenza A/H1N1: „Es wird Impfstoff fehlen“

MEDIZINREPORT

Neue Influenza A/H1N1: „Es wird Impfstoff fehlen“

Dtsch Arztebl 2009; 106(46): A-2298 / B-1968 / C-1918

Siegmund-Schultze, Nicola

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LNSLNS Schwere und Dauer der zweiten Welle der Neuen Grippe lassen sich noch nicht abschätzen. Es könnte aber vergleichbar viele Todesfälle wie bei der saisonalen Grippe geben, so das Europäische Center for Disease Prevention and Control.

Es war erst Mitte Oktober, als Prof. Dr. med. Angus Nicoll beim Weltgesundheitsgipfel in Berlin an die Weihnachtszeit und den Jahreswechsel erinnerte. „Europa muss für die zweite Welle der Influenza A/H1N1 Vorsorge treffen, zumal viele niedergelassene Ärzte in dieser Zeit normalerweise nicht erreichbar sind“, erklärte der Leiter des Referats für wissenschaftliche Beratung zur Influenza vom European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC). Vergangene Woche wiederholte Nicoll seine Mahnung beim Treffen des ECDC-Management Boards in Stockholm. Auch die Zahl der benötigten Intensivbetten werde aller Voraussicht nach in den kommenden Wochen steigen.

Foto: GSK
Foto: GSK
„Infektionen mit A/H1N1 führen vermehrt zum akuten respiratorischen Distress-Syndrom, der Anteil an beatmungspflichtigen Patienten ist im Vergleich zu Infektionen mit der saisonalen Grippe erhöht“, sagte Nicoll. Die Mehrzahl der Infektionen verlaufe zwar noch immer mild, gleichwohl habe sich durch deren rasche Zunahme die Zahl der wöchentlich von den Ländern der Europäischen Union (EU) gemeldeten Todesfälle ab der 43. Kalenderwoche im Vergleich zu den vorangegangenen zwei Monaten verdoppelt. Die Zahl der tatsächlich durch A/H1N1 verursachten Todesfälle dürfte deutlich über den bislang 389 in Europa registrierten liegen, so das ECDC. „Wie schwer die derzeitige zweite Welle durch A/H1N1 verlaufen wird, wie lange sie anhält und ob das neue Grippevirus die saisonalen Influenzaviren verdrängen wird, wissen wir noch nicht“, erläuterte Nicoll.

Manche EU-Länder vermerken Daten als „vertraulich“
Das ECDC ist 2004 vom Europäischen Parlament und der Europäischen Kommission als unabhängiges Zentrum gegründet worden, das die 27 EU-Länder in Fragen der Prävention und des Umgangs mit übertragbaren Krankheiten beraten soll. Die Neue Grippe, Infektionen mit antibiotikaresistenten Bakterien und die wachsenden Gefahren der Ausbreitung von Infektionen durch die Klimaerwärmung seien die aktuellen Schwerpunkte, sagte Zsuzsanna Jakab, die ungarische Direktorin des ECDC.

„Aufgabe des ECDC ist es, die Daten aus den europäischen Ländern zur Verbreitung von übertragbaren Krankheiten zu komprimieren, zu veröffentlichen und den Mitgliedstaaten und der EU-Kommission wissenschaftliche Informationen zu geben“, erläuterte Ministerialdirigent Franz J. Bindert vom Bundesministerium für Gesundheit. Bindert vertritt Deutschland im Management Board. Das ECDC dürfe aber keine verbindlichen Empfehlungen geben, sondern könne nur unverbindlich fachlichen Rat erteilen. Dennoch hält Bindert die Einrichtung schon jetzt für eine „Erfolgsstory“. Eine Einschätzung, die Priv.-Doz. Dr. Andrea Ammon, Leiterin des Referats Surveillance, teilt. So sei es zum Beispiel gelungen, für die 49 erfassten Infektionskrankheiten einheitliche Falldefinitionen zu erarbeiten.

Fallzahlen zur pandemischen Grippe H1N1 werden allerdings weder vom ECDC noch von der Welt­gesund­heits­organi­sation mehr genannt. Denn Labortests, die Voraussetzung für einen sicheren Nachweis, sind angesichts der hohen Infektionszahlen inzwischen die Ausnahme. Die EU-Mitgliedsländer und drei Länder der europäischen Freihandelszone (Island, Liechtenstein, Norwegen) gäben nur noch Hospitalisierungen und tödliche Verläufe bekannt (www.europa.ecdc.eu) – allerdings nicht immer in der gewünschten Qualität, sagte Jakab. „Uns fehlen von einigen Ländern detaillierte Angaben über H1N1-infizierte Patienten mit schweren Krankheitsverläufen.“ Zum Teil würden solche Informationen aufgrund nationaler Interessen auch mit dem Vermerk „vertraulich“ versehen und könnten daher nicht offengelegt werden. „Wir hoffen, dieses Problem in naher Zukunft zu lösen.“ Deutschland mache seine Daten transparent, betonte Bindert gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt.

Dem aktualisierten ECDC-Bericht zufolge waren 20 Prozent der Patienten, die an der Neuen Influenza gestorben sind, von keiner weiteren Erkrankung betroffen, zehn Prozent hatten eine leichte und 24 Prozent eine moderate Begleiterkrankung. „In lediglich 46 Prozent der Todesfälle fand sich eine schwere Grunderkrankung wie Asthma bronchiale“, sagte Nicoll.

Das ECDC hat erstmals Schätzungen der relativen Risikoerhöhung für schwere Verläufe der Neuen Influenza veröffentlicht: Demnach erhöht sich das Risiko für eine stationäre Therapie bei respiratorischen Erkrankungen wie Asthma um das Dreifache, bei Adipositas um das Sechsfache, bei Schwangerschaft um das Zehnfache. Unter den Kindern hätten jene mit neurologischen Erkrankungen oder Entwicklungsstörungen das höchste Risiko.

Die Zahl der tödlichen Verläufe könnte möglicherweise so hoch werden wie bei der saisonalen Influenza, ein entscheidender Unterschied aber sei die Altersverteilung mit einem deutlich höheren Anteil von Kindern und jungen Erwachsenen, die stationär behandelt werden müssten. Der Altersmedian der wegen A/H1N1 hospitalisierten Patienten liegt bei unter 40 Jahren. Dem ECDC-Bericht zufolge infizieren sich ältere Menschen zwar deutlich seltener an der Neuen Grippe als jüngere, wenn sie aber erkranken, dann häufiger schwer und tödlich.

Klarer als von manch nationaler Regierung werden vom ECDC ungelöste Probleme zur Neuen Grippe formuliert: Zu spät habe die Vakzine zur Verfügung gestanden, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen, langsamer als erwartet werde jetzt geliefert, sagte Nicoll. Das US-amerikanische Center for Disease Control teilte auf Anfrage mit, die Firmen seien mit der Lieferung in der 43. Kalenderwoche mit mehreren Millionen Impfstoffdosen im Verzug. Die USA haben insgesamt 250 Millionen Dosen Vakzine bestellt, um die gesamte Bevölkerung impfen zu können – anders als die deutschen Bundesländer. „Es wird einen Mangel an Impfstoffen geben“, meint Nicoll. Wie groß dieser in Europa sein wird und ob einzelne Länder Impfstoffe abzugeben bereit sein werden, hängt auch von der Frage ab, ob bei Erwachsenen eine einzige Impfung mit Pandemrix einen ausreichenden Langzeitschutz gewährt oder ob zwei Impfungen notwendig sind. Daten aus Kohortenstudien werde es erst im Februar oder März nächsten Jahres geben.
Dr. rer. nat. Nicola Siegmund-Schultze

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