ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2009Harninkontinenz: Häufig auch falsche Operationstechniken
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Die Verwendung alloplastischer Materialien in der Harninkontinenz- und Deszensuschirurgie profitiert von den großen Erfahrungen in der Hernienchirurgie, da der Deszensus schließlich auch nur eine Hernie darstellt. Materialqualität und Indikationen sind weitestgehend wissenschaftlich untersucht und durch die Fachgesellschaften definiert. Die Applikationstechniken erfahren zurzeit eine rasante Entwicklung, was die Bewertung unter Langzeitaspekten einerseits erschwert, aber andererseits die Operationstechniken zunehmend minimalinvasiver werden lässt (z. B. Ablösen der transobturatorischen und transischioanalen Zugangswege durch komplette vaginale Applikationstechniken). Berichtete Komplikationen können nicht immer dem Gewebeersatz angelastet werden, sondern werden am häufigsten durch falsche Operationstechniken verursacht oder stehen gar nicht erst im Zusammenhang mit dem Gewebeersatz (z. B. Darmverletzung bei hinterer Netzeinlage, die nicht durch die Netzapplikation, sondern im Rahmen der Rektozelenpräparation verursacht wurde). Die meisten Komplikationen sind ohne Restschäden korrigierbar (z. B. kann ein Polypropylene-Band auch nach zehn Jahren noch durchtrennt oder partiell abgetragen werden, wenn es eine Harnblasenentleerungsstörung verursacht. Eine Revision nach Kolposuspension oder direkten Muskelplastiken ist schon Wochen nach der Operation oft ohne Erfolg). Nicht korrigierbare Komplikationen traten bisher nur kasuistisch auf. Dies mag in Deutschland auch erklären, dass bisher nach alloplastischen Netzapplikationen im Rahmen von Deszensusoperationen nahezu keine Schlichtungsverfahren in Auftrag gegeben wurden.

Das TVT-Verfahren zur Korrektur der Belastungsharninkontinenz ist die größte Innovation der Urogynäkologie überhaupt. Wenn Faszienrekonstruktionstechniken zur Korrektur des primären Deszensus versagen, wird deren Wiederholung nicht erfolgreicher sein und meistens mit Vernarbungen, Dyspareunie und Schmerzen einhergehen. Zum Glück können wir in der Rezidivsituation nun auf alloplastischen Gewebeersatz zurückgreifen. Es bleibt zu hoffen, dass Deutschland vor „zivilrechtlichen Klagen dienenden Internetseiten“, wie im genannten Beitrag erwähnt, verschont bleibt, damit uns Ärzten weiterhin Zeit für die klinische und wissenschaftliche Arbeit bleibt.

Literatur bei den Verfassern
Prof. Dr. med. Thomas Dimpfl, Vorsitzender der AGUB in der DGGG, Direktor der Frauenklinik, Klinikum Kassel GmbH, Mönchebergstraße 41–43, 34125 Kassel
Prof. Dr. Ralf Tunn, Leiter des Deutschen Beckenbodenzentrums in Berlin, St. Hedwig-Krankenhaus, Große Hamburger Straße 5–11, 10115 Berlin
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