ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2009Roman: Das Leben aushalten
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Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten. Hanser, München 2009, 160 Seiten, gebunden, 17,90 Euro
Wilhelm Genazino: Das Glück in glücksfernen Zeiten. Hanser, München 2009, 160 Seiten, gebunden, 17,90 Euro
Genazino, vielfach ausgezeichneter Meister der subtilen Alltagsbeobachtung, beschreibt in seinem Roman einen einsamen Melancholiker auf der Suche nach dem kleinen Glück. Gerhard Warlich, Anfang 40, ist promovierter Philosoph und arbeitet seit 14 Jahren in einer Großwäscherei. Nebenbei ist er „Beinahe-Künstler“, der sich alle paar Wochen fragt, was wirklich in ihm steckt. Seit Jahren lebt er mit Traudel zusammen, die eine kleine Bankfiliale leitet. Eines Tages wünscht Traudel sich ein Kind. Zudem möchte sie Gerhard heiraten. Der ist skeptisch und befürchtet, dass Mann und Frau, die sich mit dem Glück zu zweit nicht zufriedengeben, dafür „mit einer sich kaum je aufhellenden Trauer“ bezahlen. Daher möchte Warlich seine Gefährtin auf ihrem „Glücksfeldzug“ lieber nicht begleiten. Scheinbar ausgesöhnt mit seiner eigenen Bedürfnislosigkeit, verbringt er die Tage damit, neue Kunden für die Wäscherei zu gewinnen und Fahrer zu observieren, die unerlaubter Pausen verdächtigt werden. Doch eines Tages findet er sich während der Arbeitszeit zufällig am Rand einer Demonstration wieder und erhält dafür die fristlose Kündigung. Als er einer ehemaligen Bekannten zum Abschied statt seiner Hand eine Brotscheibe entgegenstreckt, gerät sein Leben aus der Bahn.

Genazino schildert die Geschichte seines „bestürzten“ Helden lakonisch und warmherzig. Die meiste Zeit ist Warlich damit beschäftigt, das Leben auszuhalten – „Wer spricht von Siegen? Überstehn ist alles“, heißt es bei Rilke. Mit seinem „jederzeit losbeißenden Intellekt“ und einer „Überempfindlichkeit“, die er sich sogar als Todesursache vorstellen kann, ist Warlich gegen die kleinen Demütigungen des Daseins nur unzureichend gewappnet. Eine sprachlich sorgfältig durchgeführte Studie, die dafür Empfängliche nachdenklich zurücklässt. Christof Goddemeier
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