ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2009Schlaganfallprävention: Marketing meets Medicine

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Schlaganfallprävention: Marketing meets Medicine

Leifeld, Thomas; Rau, Rüdiger

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Quizfragen beim Friseur und ein Gedächtnisspiel für Senioren – das Gesundheitsamt des Kreises Wesel beschritt neue Wege der Gesundheitsinformation. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Aktionen erfolgreich waren.

Durchschlagend und dennoch kostengünstig sollte sie sein: die neue Informationskampagne des Jahres 2006 zum Thema Schlaganfall im Kreis Wesel. Um dies zu erreichen, wollte sich der Fachbereich Gesundheitswesen des Kreises (Gesundheitsamt) nicht allein auf die üblichen Informationskanäle – als da wären Broschüren in den Apotheken, bei niedergelassenen Ärzten, in den Krankenhäusern, bei den Gesundheitsämtern und den Krankenkassen – verlassen. Erklärtes Ziel war es, neue Wege der Informationsverbreitung über Präventionsmaßnahmen abseits der ausgetretenen Pfade zu beschreiten.

Wir frisieren Ihr Wissen
Bereits innerhalb der Kreisverwaltung ließen sich neue Möglichkeiten für die notwendige Informationsvermittlung ausmachen. Die Kfz-Zulassungsstellen mit ihren vielfältigen Kontakten zwischen Bürgern und Verwaltung fügten in einer auf zwei Monate begrenzten Aktion jedem auszuhändigenden Dokument (Kfz-Briefe, An- und Ummeldebestätigungen etc.) das Faltblatt „Schlaganfall . . . ein Notfall“ bei. Die sich selbst erklärenden Flyer minimierten die zusätzliche Belastung der Beschäftigten in den Dienstleistungszentren. Als unnötig erwies sich die anfängliche Sorge, dass die Faltblätter unmittelbar nach dem Verlassen des Verwaltungsgebäudes achtlos entsorgt werden könnten. Stichprobenhafte Kontrollen zeigten, dass kein einziges der Faltblätter in den Papierkörben auf den Parkplätzen der Dienstleistungszentren landete.

In Kooperation mit dem Landesinstitut für den öffentlichen Gesundheitsdienst (lögd) entwickelte der Fachbereich eine Quizkarte im Postkartenformat, die zu knapp und einfach formulierten Fragestellungen zum Themenfeld Schlaganfall, Risiko-, Symptom- und Handlungswissen ausschließlich richtige Antwortmöglichkeiten enthielt. Als persönliche Kommunikatoren für die Aktion sollte der Berufsstand der Friseurinnen und Friseure gewonnen werden. Denn nach wie vor ist der Friseursalon ein zentraler Ort für Gespräche und Diskussionen. Kaum eine Berufsgruppe hat ähnlich gute Möglichkeiten, mit so vielen Menschen unmittelbar ins Gespräch zu kommen.

Spielerische Aufklärung: Das Gedächtnisspiel „1 + 1 = 2“ benennt die Alarmsignale für einen Schlaganfall.
Spielerische Aufklärung: Das Gedächtnisspiel „1 + 1 = 2“ benennt die Alarmsignale für einen Schlaganfall.
Vor diesem Hintergrund forderte der Fachbereich Gesundheitswesen 380 Friseurbetriebe des Kreises schriftlich dazu auf, als Multiplikatoren an diesem wohl einmaligen Projekt teilzunehmen. Als Dankeschön für die Teilnahme winkten sowohl den Friseuren als auch ihren Kunden attraktive Preise: CandleLight-Dinner, Wellnesstage sowie Wellnesswochenenden, jeweils für zwei Personen. Neben 100 ersten Quizkarten pro Friseursalon fügte der Fachbereich den Einladungen zur Teilnahme sowohl Flyer mit wichtigen Informationen rund um das Thema Schlaganfall (in deutscher und türkischer Sprache) als auch ein großflächiges Plakat zum Aushang in den Geschäftsräumen bei. Für alle Preise fand sich ein geeigneter Sponsor, was der Low-Budget-Intention der Aktion zusätzlich entgegenkam. Als Benefit für die teilnehmenden Friseursalons ergab sich darüber hinaus, dass diese auf Basis der ausgefüllten Quizkarten (nach erfolgtem Einverständnis der teilnehmenden Kunden) ihre Kundenkarteien aktualisieren konnten.

Infos mit der Lohnabrechnung
Erfreulicherweise beteiligten sich sehr viele Friseure an der Aufklärungskampagne. Sie stellten ihren Kunden die Quizfragen und kreuzten für sie die entsprechenden Antworten auf den Postkarten an – wenn sie denn fielen. Antworten auf den Postkarten, die von den Kunden nicht gegeben wurden, sollten die Friseure anschließend vorlesen und so buchstäblich das Wissen ihrer Kunden „frisieren“. In einer schriftlichen Einweisung der Hairstylisten bat der Fachbereich ausdrücklich um ein „Vorlesen“ der richtigen Antworten, um einem etwaigen Eindruck der Kunden, auf eine medizinische Beratung der Friseure zu treffen, entgegenzuwirken.

Als Motivation für eine rege Teilnahme gab es sowohl Preise für die drei Friseursalons mit den meisten ausgefüllten Quizkarten als auch für drei der teilnehmenden Kunden (Auslosung der Plätze eins bis drei). Die Gewinnchance aufseiten der Kunden war nicht an die Zahl der zunächst gegebenen richtigen Antworten gekoppelt, sondern ergab sich aus der bloßen Teilnahme an dieser Aktion.

Als weiteren Projektbaustein schrieb das Gesundheitsamt im November 2006 alle Unternehmen mit mehr als 50 Beschäftigten im Kreis Wesel mit der Bitte an, die in deutscher und türkischer Sprache beigefügten Faltblätter mit Schlaganfall-informationen an ihre Mitarbeiter auszuhändigen. Die Anschriften der relevanten Firmen stellte die zuständige Wirtschaftsförderungsgesellschaft zur Verfügung. Aus Gründen der Effektivität schlug man den Unternehmen vor, das Faltblatt mit den nächsten Lohnbescheinigungen zu verteilen. Ein durchaus vertretbarer Aufwand aufseiten der Unternehmen, die so – durch einfaches Zusortieren des Faltblattes – im Rahmen ihrer betrieblichen Gesund­heits­förder­ung (BGF) ihren Beschäftigten wichtige Gesundheitsinformationen vermitteln konnten.

„1 + 1 = 2“: ein Gedächtnisspiel für Senioren
In einer nächsten Aktion konzentrierte sich der Fachbereich auf die Zielgruppe der Senioren. Für diese Bevölkerungsgruppe entwickelte er daher eigens ein Gedächtnisspiel, das auf 80 Spielkarten die zehn wesentlichen Kernaussagen zum Thema Schlaganfall in vier unterschiedlichen Farben darstellt. Die dann folgende spielerische Beschäftigung der Senioren mit den Gesundheitsinformationen leistete sowohl einen Beitrag zur Schlaganfallvorbeugung als auch zur Prävention von Demenzerkrankungen im Alter (Stichwort: aktives Gedächtnistraining). Diese Aktion war als Gemeinschaftsprojekt des Fachbereichs und des Runden Tisches Älterer Menschen angelegt. Vorab erfolgte eine Schulung der Seniorenvertreter seitens des Gesundheitsamtes, damit diese daraufhin als Multiplikatoren in ihren Wirkungskreisen die Zielgruppe der Senioren qualifiziert ansprechen konnten.

Insgesamt händigte der Fachbereich Gesundheitswesen im Zuge der diversen Aktionen rund 100 000 Faltblätter zum Themenkomplex Schlaganfall an Bürger des Kreises Wesel aus. Bei rund 490 000 Einwohnern konnte somit jeder fünfte Bürger persönlich angesprochen werden. Geht man davon aus, dass jedes Faltblatt zumindest von einer weiteren Person gelesen wurde, erhielten 200 000 Menschen im Kreisgebiet die wichtigen Informationen zum Thema Schlaganfall. Von den Gedächtnisspielen „1 + 1 = 2“ händigten die Seniorenvertreter rund 3 000 Exemplare zielgruppenorientiert an die Senioren des Kreises aus. Davon ausgehend, dass mindestens zwei Personen spielerisch an diesem Gedächtnisspiel beteiligt sind, konnten rund weitere 6 000 Bürger nachhaltig über Alarmsignale für einen Schlaganfall informiert werden.

Auswertungen des Pharmakonzerns Boehringer-Ingelheim zur Entwicklung der Thrombolyseraten im Kreis Wesel weisen auf einen signifikanten Anstieg der Lyseraten in den Jahren 2006/2007 (von 4,7 Prozent im Jahr 2005 über 7,4 im Jahr 2006 Prozent auf acht Prozent im Jahr 2007) hin. Ergebnisse einer durchgeführten Erhebung zum Themenblock „Schlaganfallwissen in der Bevölkerung des Kreises Wesel“, (Telefonbefragungen im Frühjahr 2002 sowie im Frühjahr 2008 zur Planung und Evaluation der fünfjährigen Public-Health-Intervention „Gesunder Niederrhein . . . gegen den Schlaganfall“), zeigen zudem deutliche Verbesserungen des Schlaganfallwissens der Bevölkerung im Vergleich zur „Base-line“-Erhebung.

Ob die innovativen sowie kostengünstigen und zur Nachahmung empfohlenen Aktionen mit diesem Trend im Kausalzusammenhang stehen, ist nicht abschließend zu klären, aber aufgrund der Parallelität von Aktion und Ergebnis keinesfalls unwahrscheinlich.
Dr. jur. Thomas Leifeld, Dr. med. Rüdiger Rau, Fachbereich Gesundheitswesen, Kreis Wesel
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