ArchivDeutsches Ärzteblatt46/2009Zertifizierung von Rehakliniken: Drei Jahre Schonfrist

POLITIK

Zertifizierung von Rehakliniken: Drei Jahre Schonfrist

Hibbeler, Birgit

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNSLNSLNS Mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz wurde eine Zertifizierungspflicht für Rehakliniken beschlossen. Die Details dazu regelt nun eine Vereinbarung der Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation.

Rosemarie Kläsges ist von ihrer Arbeit überzeugt – nicht weil sie muss oder weil ihr Tätigkeitsbereich gesetzlich vorgeschrieben ist. Für sie ist Qualitätsmanagement (QM) schlicht und einfach sinnvoll. Seit vielen Jahren ist sie an der Eifelhöhenklinik in Nettersheim-Marmagen für QM zuständig. „Qualität entsteht nicht erst mit dem Qualitätsmanagement, sondern viele Abläufe funktionieren auch vorher schon gut“, stellt Kläsges klar. Aber es sei eben auch wichtig, dass Qualität kein Zufall sei, sondern systematisch geplant werde. Deshalb hat die diplomierte Volkswirtin alle Prozesse und Strukturen in der Klinik unter die Lupe genommen. Das Ziel: den Istzustand beschreiben, Schwächen aufdecken und Prozessabläufe optimieren. Das klingt zunächst einmal abstrakt. Konkret heißt es beispielsweise, dass Verantwortlichkeiten eindeutig geregelt werden – auch um Probleme an Schnittstellen zu erkennen. Für Kläsges bedeutet QM nicht mehr Bürokratie. Vielmehr sei ein auf allen Ebenen verstandenes und gelebtes QM gleichzusetzen mit einer guten Betriebsorganisation.

Die Eifelhöhenklinik ist in puncto Qualität vorbildlich. Das QM der Einrichtung ist zertifziert – nach DIN-ISO 9001:2000 und dem IQMP-Rehaverfahren. Vorgeschrieben war das bislang nicht. Mit dem GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz (GKV-WSG) wurde zwar im April 2007 eine Zertifizierungspflicht für stationäre Rehabilitationseinrichtungen beschlossen. Doch in der Folge musste zunächst die Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation (BAR) die Anforderungen an ein unabhängiges Zertifizierungsverfahren und ein einrichtungsinternes QM festlegen. Eine entsprechende BAR-Vereinbarung ist nun zum 1. Oktober in Kraft getreten. Darin ist eine Übergangsfrist von drei Jahren vorgesehen, innerhalb der die Einrichtungen ein gültiges Zertifikat vorweisen müssen. „Wir sind eigentlich davon ausgegangen, das die Regelung schneller scharf geschaltet wird“, sagt Kläsges.

Für Dr. Wolfgang Heine von der Deutschen Gesellschaft für Medizinische Rehabilitation (DEGEMED) ist die dreijährige Übergangsfrist ebenfalls nicht nachvollziehbar. Schließlich verpflichte das Sozialgesetzbuch ohnehin alle Rehabilitationseinrichtungen schon seit 2001 zum Qualitätsmanagement. „Für die Kliniken, die hier bereits ideell und materiell investiert haben, bedeutet die lange Übergangsfrist, dass ihre Vorleistung geschmälert wird“, kritisiert er. Grundsätzlich ist Heine aber mit der BAR-Vereinbarung zufrieden. „Das sind ordentliche Grundsätze“, erklärt er. Das der Regelung zugrunde liegende Ge-setz (siehe Kasten) ist für den DEGEMED-Geschäftsführer allerdings eine verunglückte Rechtsnorm. So sei es beispielsweise nicht verständlich, wieso nur stationäre Rehabilitationseinrichtungen ein Qualitätszertifikat vorweisen müssten. „Es gab überhaupt keinen Grund, die ambulanten Einrichtungen von der Pflicht auszunehmen“, moniert er.

Von der neuen Regelung erhofft sich Heine unterdessen eine Stärkung der Wunsch- und Wahlrechte der Versicherten. Denn nach dem GKV-WSG sollen künftig Patienten, die zulasten der Krankenkassen rehabilitiert werden, mehr Einfluss auf die Wahl der Einrichtung haben. So können sie auch in Kliniken behandelt werden, die keinen Versorgungsvertrag mit den Kassen haben – wenn diese nach BAR-Grundsätzen zertifiziert sind. Positiv findet Heine außerdem, dass die Rolle des QM aufgewertet wird. Qualitätsmanagement und externe Qualitätssicherung haben aus seiner Sicht den gleichen Stellenwert, was der Gesetzgeber bestätigt habe. Das hätten die Kostenträger bislang nicht so gesehen. Rehakliniken mit einem vorbildlichen QM hätten derzeit kaum Vorteile bei der Belegung.

QM ist immer mit Überzeugungsarbeit verbunden – die Erfahrung hat auch Kläsges gemacht. In ihrer Einrichtung konnte sie viele Vorurteile abbauen. Den BAR-Vorgaben sieht sie gelassen entgegen. „Wir sind gut organisiert“, sagt sie. Der Einrichtung komme es nun zugute, dass sie beim QM kein Minimalprogramm gefahren habe. Die anerkannten QM-Verfahren wird die BAR demnächst auf ihrer Homepage veröffentlichen.
Dr. med. Birgit Hibbeler

@Weitere Informationen Im Internet unter: www.bar-frankfurt.de/Zertifizierung.bar


Rechtliche Grundlagen
Rehabilitationseinrichtungen sind gesetzlich zum Qualitätsmanagement (QM) verpflichtet. Das GKV-Wettbewerbsstärkungsgesetz aus dem Jahr 2007 verankerte zudem eine Zertifizierungspflicht für stationäre Rehabilitationseinrichtungen im neunten Sozialgesetzbuch (§ 20 Abs. 2 SGB IX). Die Bundesarbeitsgemeinschaft Rehabilitation (BAR) erarbeitete daraufhin, wie im Gesetz vorgeschrieben, Anforderungen an ein einrichtungsinternes QM sowie ein unabhängiges Zertifizierungsverfahren.

Am 1. Oktober ist nun eine entsprechende BAR-Vereinbarung in Kraft getreten. Sie sieht eine Übergangsfrist von drei Jahren vor. Spätestens dann müssen Rehakliniken ein anerkanntes Zertifikat vorweisen. Ansonsten wird ihnen der Versorgungs- beziehungsweise Belegungsvertrag gekündigt.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Deutsches Ärzteblatt plus
zum Thema

Fachgebiet

Zum Artikel

Der klinische Schnappschuss

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote