ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2009Von schräg unten: Flucht

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Flucht

Böhmeke, Thomas

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Am Wochenende bin ich auf einer Party eingeladen, und wie es der Zufall so will, komme ich ins Gespräch mit einem Chefarzt, der erfolgreich im Ausland, sprich in der schönen Schweiz, tätig ist. Ich nutze natürlich die Gelegenheit, lieb gewonnene Vorurteile zu überprüfen. Ja, so meint er, deutsche Ärzte seien im Ausland tatsächlich hochwillkommen, da sie über eine exzellente Ausbildung verfügten und überdurchschnittlich belastbar seien. Nein, so fährt er fort, die Situation sei mit deutschen Kliniken nicht vergleichbar, die Stellenschlüssel würden in der Schweiz dem Arbeitsaufwand entsprechen, sodass auch Zeit bleibe, sich um die Familie zu kümmern. Ja, so weiß er auf die nächste Frage zu berichten, die Honorierung der Arbeit sei im Ausland viel üppiger, was auch die Unterstützung der täglichen Arbeit durch die Geschäftsführung seiner Klinik anbelange. Nein, so entkräftet er meine Bedenken, man habe ihm keinerlei Steine in den Weg ins Ausland gelegt. Er habe sogar die Umzugskosten von der Steuer absetzen können. Natürlich würde er es auch nicht verstehen, warum in Deutschland eine vorzügliche Ausbildung medizinischer Fachkräfte finanziert werde, damit andere Staaten in den investitionsfreien Genuss von qualifizierten Medizinern kämen. Ich stelle keine weiteren Fragen mehr. Es ist deprimierend, wenn alle Vorurteile bestätigt werden, weil damit die Hoffnung auf einen Irrtum mit glücklichem Ausgang erlischt. Ich suche nach einer tröstlichen Erklärung für die Missstände. Welches staatslenkende Organ ist hierfür verantwortlich? Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist zwar zuständig dafür, knappe Ressourcen zu verteilen, aber die Schweiz ist wohl kaum unter den hilfebedürftigen Drittländern einzureihen. Das Innenministerium ist uns Medizinern mit Sicherheit wohl gewogen, da wir die Streiktage der letzten Jahre dergestalt organisiert haben, dass die Versorgung der Patienten gesichert war; sozusagen die Organisation der Streikbrecher durch die Streikleitung. Das Bundesministerium der Finanzen kann ich auch nicht zur Rechenschaft ziehen, da es im geschilderten Fall die Deutschlandflucht steuertechnisch unterstützt. Bleibt also nur das Ministerium für Gesundheit übrig. Ja, die müssen dafür verantwortlich sein. Denn hervorragend ausgebildete Ärzte sind nicht nur teuer in der Ausbildung, sondern führen auch eine aufwendige Diagnostik und Therapie durch. Und das ist genau das Gegenteil von der Schnäppchenmedizin, die von uns gefordert wird. Aber das haben die anderen Staaten uns voraus: Sie haben erkannt, dass Gesundheit kein Schnäppchen ist.
Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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