ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2009Gondelbau in Venedig: Die Letzten ihrer Zunft

KULTUR

Gondelbau in Venedig: Die Letzten ihrer Zunft

Traub, Ulrich

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Das Handwerk rund um die venezianische Gondel ist vom Aussterben bedroht.

Venedig ohne Gondeln – unvorstellbar. Auch wenn sich immer mehr Motorboote und Ozeanriesen vor der Stadtkulisse drängen, gibt es sie noch zuhauf, die historischen Boote, die über die Kanäle gerudert werden. Doch wie die Stadt, deren schwimmendes Wahrzeichen sie seit Jahrhunderten sind, kämpfen auch die Gondeln ums Überleben.

Es sind die traditionell gefertigten venezianischen Gondeln, die in ihrer Existenz bedroht sind. „Schon heute sind fast zwei Drittel der auf den Kanälen fahrenden, knapp 450 Gondeln billige Kopien“, sagt Roberto Tramontin, einer der letzten Gondelbauer der Stadt.

Sperrholz heißt das Gebot der Stunde im Gondelbau. Es ist billiger und lässt sich schneller verarbeiten. „Immer weniger Gondolieri sind bereit oder in der Lage, die 20 000 Euro auszugeben, die man für ein neues Boot bezahlen muss“, berichtet Tramontin. Solle die Gondel etwas Besonderes sein, mit aufwendigen Schnitzereien, prunkvollen Beschlägen und edlen Polstern, komme man schnell auf weit höhere Beträge.

„Die Forcola ist das Herzstück der Gondel“: Saverio Pastor arbeitet mit vollem Körpereinsatz an einer Rudergabel. Eine solche markiert auch den Eingang zu seiner Werkstatt. Fotos: Ulrich Traub
„Die Forcola ist das Herzstück der Gondel“: Saverio Pastor arbeitet mit vollem Körpereinsatz an einer Rudergabel. Eine solche markiert auch den Eingang zu seiner Werkstatt. Fotos: Ulrich Traub
Tramontins Werkstatt liegt in einem stillen Winkel des Stadtteils Dorsoduro. Er baut pro Jahr im Durchschnitt nur noch eine neue Gondel. Die restliche Zeit verbringt er mit Reparaturen und Ausbesserungen. Der Gondelbauer streicht mit der Handfläche sanft über den Korpus eines Bootes. „Eine richtige Gondel wird traditionell aus neun verschiedenen Hölzern gefertigt“, erklärt er. Nach deren Eigenschaften richte sich die Verwendung. „Die Außenwände bestehen aus robuster Eiche. Für Dekorarbeiten verwenden wir das weichere und daher leichter zu bearbeitende Kirschholz.“

„Gelernt habe ich das Handwerk von meinem Großvater.“ Domenico Tramontin hat Ende des 19. Jahrhunderts die Gondel in ihrer heutigen Form geschaffen. Seither wird die gesamte linke Hälfte der Boote ein paar Zentimeter länger und etwas höher gebaut als die rechte. Auf diese Weise können sie von nur einem Gondoliere problemlos gesteuert werden.

Um die traditionellen Techniken zu erhalten, haben sich Gondelbauer und andere Handwerker unter dem Namen El Felze zu einer Interessengemeinschaft zusammengeschlossen. Auch Schmiede und Messinghandwerker, die das markante Bugeisen und die Beschläge herstellen, Graveure für das Schnitzwerk und Polsterer für die Sitze sowie Schneider, Schuh- und Hutmacher, die den Gondoliere ausstatten, sind dort organisiert.

Wenige Schritte sind es von Tramontins Werkstatt zu den Zattere, der breiten Uferpromenade in Dorsoduros Süden. Auch auf dem weiten Canale della Giudecca sind Gondeln unterwegs. Die Gondoliere müssen hier mit besonderem Geschick rudern, da neben Frachtkähnen, Wassertaxis und Sportbooten die Autofähren zur Lido-Insel auf dieser Wasserstraße verkehren.

Saverio Pastors Werkstatt liegt an einem schmalen Kanal. Die Türen stehen offen. Der Meister arbeitet mit vollem Körpereinsatz an einem Holzblock. Immer wieder führt er den gekrümmten Hobel ins Holz, um die Vertiefungen abzurunden, in die der Gondoliere später das Ruder legen wird. Pastor fährt mehrmals mit der Handfläche ganz bedächtig die Rundungen nach, um die Glätte zu prüfen. „Die Forcola, die Rudergabel, ist das Herzstück der Gondel“, sagt der eher wortkarge Venezianer. Sie habe mehrere Ausbuchtungen für die verschiedenen Ruderbewegungen, die nötig seien, um die Gondel zu manövrieren. Als Präsident von El Felze sagt Pastor: „Das Wichtigste ist, dass wir unser Nachwuchsproblem lösen, indem wir über die Schönheit und die Bedeutung unserer Tätigkeit informieren – nicht nur in Venedig.“
Ulrich Traub

Informationen: www.elfelze.com
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