ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2009XI. Humanitärer Kongress: Unerwartetes erwarten

POLITIK

XI. Humanitärer Kongress: Unerwartetes erwarten

Dtsch Arztebl 2009; 106(47): A-2348 / B-2019 / C-1963

Schmitt-Sausen, Nora

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Foto: VISUM
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Weltweit sind Helfer in Krisenregionen im Einsatz, um Menschen mit dem Lebensnotwendigen zu versorgen. Doch oft ist es schwierig, die Hilfebedürftigen überhaupt zu erreichen. Wer die Not lindern will, braucht Ausdauer – und muss flexibel sein.

Ellen Girerd-Barclay weiß, dass Theorie und Realität in der humanitären Hilfe oft weit voneinander entfernt liegen. Bereits seit drei Jahrzehnten arbeitet sie als Ernährungsexpertin für Hilfsorganisationen wie UNICEF, UNESCO und Care. Die Britin war schon in vielen Ecken der Welt im Einsatz, im Senegal etwa, in Nepal, Angola oder im Sudan. Egal, ob Kriegsregion oder Naturkatastrophengebiet – die Situation vor Ort ist gleich: Theoretisch sind die Essensrationen, die von den Helfern verteilt werden, als ergänzende Mahlzeit gedacht. Praktisch ist es aber „meist die einzige Nahrung des Tages“, sagte Girerd-Barclay auf dem Humanitären Kongress Ende Oktober in Berlin, auf dem Ärzte, Krankenschwestern und Wissenschaftler über Erfahrungen bei Auslandseinsätzen sprachen.

In der Regel müssen sich die Menschen in den Krisengebieten an zentrale Versorgungsstellen wenden, die für die Einsätze errichtet werden. Manchmal gehen die Helfer auch direkt in bedürftige Gemeinden. Mithilfe von Handwaagen stellen sie die Mangelernährung der Kleinkinder fest, dokumentieren diese und verteilen „Take-home“-Essensrationen. Allerdings sei das eine risikoreiche Angelegenheit, berichtete Girerd-Barclay. Und das nicht nur, weil auf dem Weg in die meist abgelegenen Regionen eine vom Wasser überspülte Straße den Weg blockieren kann, sondern vor allem, weil die verzehrfertigen und lang haltbaren Rationen nicht in allen Fällen helfen können. „Gerade Kinder verlieren irgendwann den Appetit und verweigern die Nahrung.“ Dann müsse man neben ihnen sitzen und sie immer wieder zum Essen motivieren. Es dauere lange, bis diese Kinder wieder Nahrung aufnähmen. Zwangsläufig müssten sie in einer der Stationen versorgt werden.

Dass die unterernährten Kinder aber dorthin kommen können, wo die Helfer mit der Nahrung sind, ist leichter gesagt als getan. Die oft großen Distanzen zu überwinden, ist für sie allein fast unmöglich. Doch ihre Mütter – häufig Vielfachmütter wie im afrikanischen Niger, wo eine Frau durchschnittlich neun Kinder hat – müssen arbeiten und können sie deshalb nicht bringen. Damit bleiben die Kinder unterversorgt zu Hause. Babys trifft die Abwesenheit der Mutter besonders. Eine Mutter, die viel und hart auf dem Feld arbeitet, kann kaum stillen. Krankheit und Entwicklungsrückstände der Säuglinge sind programmiert. Ein Teufelskreis, den es für die Helfer zu durchbrechen gilt.

Doch durch Widrigkeiten dürfen sich Aktive in der humanitären Hilfe nicht von ihrem Weg abbringen lassen. Denn dass es zahlreiche Unannehmlichkeiten gibt, betonte nahezu jeder der Berliner Referenten. Girerd-Barclay musste bei einem ihrer Projekte an einer Essensstation eine Art Gatter bauen, wie beim Viehtrieb oder dem Check-in, um die Essensversorgung der Menschen geordnet abwickeln zu können – und damit zu verhindern, dass die Kontrolle über die Masse der Hungerleidenden verloren geht. „Über eines müssen Sie sich im Klaren sein“, sagte Girerd-Barclay, „wo immer Essen ist, ist einer, der es haben möchte. Und das kann unangenehm werden.“

Nicht jede Essensspende ist wirklich hilfreich
Ein Rückschlag der unerwarteten Art kann es sein, wenn Spendenpakte aus dem Ausland eintreffen. Girerd-Barclay hat schon die „verrücktesten Essensspenden“ gesehen. Nicht alles, was in den Krisenregionen ankommt, ist durchdacht: Eine Großlieferung Spaghetti in ein Land mit Wassermangel und schwierigem Zugang zu Gas zu schicken, ist nicht hilfreich. Ebenso wenig sind es tonnenweise Vollkornkekse, die eine Regierung für einen Einsatz im Sudan zur Verfügung gestellt hatte. Dort litten die Menschen aber vor allem an starken Durchfallerkrankungen. Die ballaststoffreichen Spenden waren fehl am Platz.

Trotz des täglichen Für und Wider in der humanitären Hilfe sieht Girerd-Barclay viele Fortschritte: „Wir arbeiten heute effektiver und haben meistens das, was wir für die Arbeit brauchen.“ An der Sache gibt es für sie keinen Zweifel. „Ich liebe meinen Job. Auch nach 30 Jahren noch.“
Nora Schmitt-Sausen


Humanitärer Kongress
Der Humanitäre Kongress ist eine jährliche Initiative von Ärzte ohne Grenzen, Ärzte der Welt, dem Deutschen Roten Kreuz, Ärztekammer Berlin, Medair und der Berliner Charité. In diesem Jahr diskutierten die Experten vor allem Fragen der Sicherheit, die Schwierigkeit, Menschen in Konfliktgebieten zu erreichen, die Problematik der zivil-militärischen Zusammenarbeit und Aspekte der medizinischen Ethik.
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