ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2009Patientenverfügung: Der Arzt als Richter?
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Ich halte die von Borasio et al. vorgeschlagene Praxis an zwei Punkten für inakzeptabel:

Punkt I: Die Autoren schreiben: „Wenn kein vernünftiges Therapieziel vorhanden ist (dies ist zum Beispiel der Fall, wenn alle zur Verfügung stehenden Maßnahmen bestenfalls eine kurzfristige Verlängerung des Sterbeprozesses bewirken würden), so ist die infrage kommende Maßnahme nicht indiziert und darf daher nicht durchgeführt werden.“

Konsequenterweise dürfte man zum Beispiel den Wunsch eines im Sterben liegenden Patienten nicht erfüllen, ihm durch eine „kurzfristige Verlängerung“ seines Lebens vielleicht doch noch einen Abschied von seinem – aus dem Urlaub anreisenden – Sohn zu ermöglichen oder umgekehrt den Wunsch dieses Sohnes zu erfüllen, den Vater bei seiner Ankunft möglichst noch lebend vorzufinden! Der Arzt also als Richter über den Wert einer „kurzfristigen“ (Zwei Stunden? Zwei Tage? Zwei Wochen?) Lebensverlängerung – ohne Dialog mit den Betroffenen? Fordert nicht die in diesem Fall gegebene Situation der „Palliation“ – dieses Stichwort fehlt unter den von den Autoren angegebenen „allgemein akzeptierten Therapiezielen“! – eine ganzheitliche, also auch die sozialen Bezüge inkludierende Betrachtungsweise? An den Tübinger Kliniken jedenfalls praktizieren wir ein humaneres Konzept von „Indikation“.

Punkt II: In dem Artikel heißt es: Existiert eine Patientenverfügung (PV) „und trifft (sie) eindeutig auf die aktuelle klinische Situation zu, so informiert der Arzt die Angehörigen (einschließlich des Betreuers/Bevollmächtigten, falls vorhanden) und behandelt entsprechend dem vorausverfügten, unmittelbar fortwirkenden Patientenwillen – es sei denn, es liegen konkrete Anhaltspunkte für einen zwischenzeitlichen Widerruf der Patientenverfügung vor“.

Demnach dürfte der Arzt im Alleingang entscheiden, ob eine vorliegende PV die aktuelle Patientensituation trifft, und er hätte gegebenenfalls den Betreuer/Bevollmächtigten lediglich über seine Entscheidungen zu informieren (per E-Mail?). Der Arzt also als souveräner Richter über die Triftigkeit einer PV – ohne Dialog mit dem Betreuer/Bevollmächtigten?

Das halte ich nicht nur für ethisch inakzeptabel, sondern auch für contra legem – und zwar aus drei Gründen: Erstens weist das BGB § 1901 a Abs. 1 dem Betreuer(!) das Recht zu und die Pflicht, die Triftigkeit der PV zu prüfen. Zweitens – und das ist vielleicht noch wichtiger – enthält § 1901 b („Gespräch zur Feststellung des Patientenwillens“) die Verpflichtung des Arztes zum Dialog mit dem Betreuer/Bevollmächtigtem: Auf dieser Basis dieses Dialogs hat der Betreuer seine Entscheidung zu treffen. Drittens kann auf dem Weg purer Information – ohne Dialog – gar nicht geklärt werden, was die Autoren zu Recht als stets klärungsbedürftig ansehen: ob „konkrete Anhaltspunkte für einen zwischenzeitlichen Widerruf der Patientenverfügung vorliegen“.
Dr. Clemens Ruhnau, MB, Katholische Klinikseelsorge, Uniklinik Tübingen, Crona Kliniken, Hoppe-Seyler-Straße 3, 72076 Tübingen
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