ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2009Priorisierung: Gegen ethische Grundsätze
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Priorisierung ist laut Wikipedia die Einordnung nach Vorrangigkeit von zu erledigenden Aufgaben, Problemen, Aktivitäten usw. nach ihrer Bedeutung oder Wichtigkeit. Sie führt zu einer Rangreihe, an deren oberem Ende steht, was als unverzichtbar gilt beziehungsweise wichtig erscheint, am unteren Ende das, was wirkungslos ist beziehungsweise mehr schadet als nützt.

Das genau ist längst Alltag in der medizinischen Versorgung und Grundlage einer qualitätsorientierten Medizin – beispielsweise auf der Basis von Leitlinien. Wenn etwa beim Rückenschmerz die Anfertigung von Röntgenbildern nicht an den Anfang der Diagnostik gehört, sondern eine gründliche Untersuchung und Anamnese oder bei KHK vor der invasiven eine konservativ medikamentöse und lebensstilorientierte Therapie Vorrang hat. Dabei spielen allein medizinische, am Heilungserfolg orientierte Motive eine Rolle.

Die Befürworter einer Priorisierung – allen voran der Präsident der Bundes­ärzte­kammer – haben nun ökonomische Gründe dafür eingeführt und damit meines Erachtens gleich auf mehrfache Weise ethische Grundsätze verletzt:

Es wird grundsätzlich eine Tendenz zur Unterversorgung aus Geldmangel unterstellt, und es werden dabei Grundregeln medizinischen Handelns missachtet. Denn in der Medizin ist mehr nicht gleichbedeutend mit besser. Im Gegenteil: Ein vorsichtiger Umgang mit diagnostischen und therapeutischen Methoden ist in der Regel die bessere Medizin. Ein Mehr an Medikamenten, an Röntgenuntersuchungen, an Operationen oder anderen invasiven Eingriffen birgt unnötige und zusätzliche Risiken. Der gute Arzt, die erfahrene Ärztin wenden seltener und gezielter diese Methoden an als Anfänger – und zwar nicht, weil so Geld gespart wird, sondern weil sie in der Lage sind, eine bessere Medizin zu machen.

Wenn u. a. behauptet wird, dass ökonomische Zwänge zu einer Verminderung medizinischer Eingriffe geführt hätten, so werden damit die tatsächlichen Verhältnisse umgekehrt. Der ökonomische Hebel führte und führt zu einer gefährlichen Ausweitung dieser Eingriffe. Es wird in Deutschland nicht zu wenig, sondern zu viel geröntgt, operiert und mit fragwürdigen Methoden therapiert. Eine Priorisierung im ursprünglichen Sinne würde zu einer Verminderung von Maßnahmen durch gezielteren Einsatz der Methoden führen.

Besonders unethisch ist die Beschränkung der Priorisierungsforderung auf die gesetzlich Versicherten. Selbstzahler (IGeL) und Privatpatienten werden in allen Stellungnahmen von der Priorisierung ausgenommen. Sie können sich sozusagen freikaufen. Und das ist der entscheidende Unterschied zu dem gepriesenen schwedischen Vorbild. Dort gilt die Priorisierung uneingeschränkt für alle. Die von der Mehrheit der Ärztetagsdelegierten 2009 begrüßte Variante der Priorisierung würde zu einer dramatische Verstärkung der Zweiklassenversorgung hierzulande führen mit der Aufspaltung in gesetzlich Versicherte auf der einen sowie den privat Versicherten und den sogenannten IGeL-Patienten auf der anderen Seite.

Hinter der Kampagne eines Teils der Ärzteschaft unter Führung ihres Präsidenten Hoppe für die Priorisierung steckt meines Erachtens nicht die Sorge um eine drohende Unterversorgung. Sie will vielmehr bei einer reduzierten Patientenversorgung Gelder freisetzen, um die Einkommen der Ärzte durch die dann üppiger fließenden privaten Honorare aufzubessern.
Dr. Winfried Beck, Mitglied im Vorstand des VDÄÄ, Wolframstraße 10, 63067 Offenbach am Main
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