ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2009Krankheitsseelsorge: Postsäkulare Krankheitsdeutung

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Krankheitsseelsorge: Postsäkulare Krankheitsdeutung

Nizze, Horst

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Günter Thomas, Isolde Karle (Hrsg.): Krankheitsdeutung in der postsäkularen Gesellschaft. Kohlhammer, Stuttgart 2009, 618 Seiten, kartoniert, 49 Euro
Günter Thomas, Isolde Karle (Hrsg.): Krankheitsdeutung in der postsäkularen Gesellschaft. Kohlhammer, Stuttgart 2009, 618 Seiten, kartoniert, 49 Euro
Das griffige Habermas-Adjektiv „postsäkular“ ist umstritten. Säkularisation war ursprünglich die Umwandlung eines „ewigen“ (geistlichen und/oder kirchlichen) Gutes in ein „zeitliches“ (säkulares, das heißt weltliches und/oder staatliches). Eine aktuelle Abkehr vom Zeitlichen sah Habermas in den apokalyptischen Terrorflügen des 11. September 2001, sodass für ihn (und offenbar auch für die Herausgeber des theologischen Pathosophiebandes) die „postsäkularen Gesellschaften“ (inklusive Krankheit, Kranke und Ärzte) im gerade angebrochenen Jahrhundert neuerlich der Religion bedürfen. Werden jedoch Krankheit und Medizin alternativ zum wissenschaftlichen Kenntnisstand gebietend religiös-gläubig reflektiert, ist das Nietzsche-Wort zu beachten: „Der ‚Glaube’ als Imperativ ist das Veto gegen die Wissenschaft.“

In diesem „postsäkularen“ Dilemma und im Glauben an ewige Güter werden in dem Werk für die wissenschaftliche (säkulare) Krankheitsdeutung, für Behandlung und Pflege, für Sterben und Tod theologische Ergänzungen angeboten. Leider handelt es sich nur bedingt um ein „interdisziplinäres Gespräch“, weil neben 33 Doktoren der Theologie lediglich zwei Ärzte zu Wort kommen und ein wünschenswerter symmetrischer Dialog somit a priori nicht erfolgt. Vermittelnd stellt deshalb der weltliche Leser des geistlich bemühten Bandes die Frage, ob nicht für die dargelegte postsäkulare Krankheitsdeutung ein abgewandeltes Jesus-Wort (Matth. 22, 21) dialektisch gelten sollte: „So gebet dem Arzt, was des Arztes ist, und dem Theologen, was des Theologen ist.“ Horst Nizze
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