ArchivDeutsches Ärzteblatt47/2009Museum und Archiv der Urologie: Vom Steinschneider zum Facharzt

KULTUR

Museum und Archiv der Urologie: Vom Steinschneider zum Facharzt

David, Natalie

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Königlich-bayerisches Steinschnittset aus dem 19. Jahrhundert Foto: DGU
Königlich-bayerisches Steinschnittset aus dem 19. Jahrhundert Foto: DGU
Im Museum der Deutschen Gesellschaft für Urologie findet der interessierte Besucher alles zur Geschichte dieser Fachrichtung.

Die Exponate im Museum der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) in Düsseldorf umfassen rund 1 500 Instrumente und Geräte, ungezählte Fotografien sowie mehr als 8 000 Bücher, Dissertationen und Zeitschriftenbände. Zudem ergänzen Kuriosa und persönliche Gegenstände bekannter Urologen die Sammlung. Die Ausstellungsstücke spiegeln fast die gesamte Geschichte der Urologie wider.

Die frühesten historischen Hinweise reichen weit bis zu den alten Ägyptern und Hebräern zurück. Bestimmte Leiden plagten die Menschheit schon immer. So sind beispielsweise Harnsteinleiden keinesfalls eine reine Zivilisationskrankheit, wie heute oft fälschlich behauptet wird. In Ägypten wurde zwischen den ausgegrabenen Beckenknochen eines jungen Mannes ein etwa 7 000 Jahre alter Blasenstein gefunden. Schon früh versuchte man, die Steine mit Bohrern, Feilen und anderen Geräten zu zerstören und zu entfernen. Dabei war der Eingriff nur denen überlassen, die ihn regelmäßig ausübten, also den Steinschneidern oder Lithotomisten. Ärzten war der Steinschnitt durch den hippokratischen Eid verboten. Erst im 18. Jahrhundert wurde das Postulat ärztlicher Ethik in diesem Punkt soweit gelockert, dass fortan auch Ärzte Steinoperationen durchführen durften.

Die Ausstellung befasst sich außerdem mit dem Verfahren des Aderlasses. Gegen Blasenentzündungen, unter denen besonders Frauen häufig litten, wurde über Jahrhunderte mit dem Aderlass chirurgisch vorgegangen. Das frühe Wissen über die entzündungshemmende Wirkung mancher Pflanzen, wie Bärentraubenblätter oder Goldrute, unterstützte die Therapie medikamentös. Hinzu kamen verordnete Diäten. Dieser Ansatz wurde erst im 20. Jahrhundert durch die Entwicklung der Antibiotika abgelöst.

Rund 2.000 Jahre lang, bis ins 17. Jahrhundert hinein, hatte die Humoralpathologie die medizinische Entwicklung geprägt. Die Ausgewogenheit der Säfte war gleichbedeutend mit der Gesundheit des Menschen. Krankheiten entstanden der Humoralpathologie zufolge durch Störungen dieser Ausgewogenheit. Parallel gewann die Harnschau, auch Uroskopie genannt, eine zentrale Bedeutung. Als wichtigste Ausscheidung der Kardinalsäfte gab der Harn deutliche Hinweise auf mögliche Krankheiten. Das Uringlas entwickelte sich somit zum wichtigsten Symbol des Mediziners.

Das Museum dokumentiert zudem auch die nach langer Zeit stattgefundene Etablierung der Urologie als selbstständige Fachdisziplin. Zu stark war die Urologie in ihrem interdisziplinären Ursprung gefangen und hing zwischen den Fächern Chirurgie, Innere Medizin, Gynäkologie und Dermatologie fest. Die ersten Lehrstühle für Urologie sowie die Anerkennung als Lehr- und Prüfungsfach an den Universitäten ließen noch bis in die 1960er-Jahre auf sich warten. Anhand von thematischen Schwerpunkten wird die Entwicklung der Urologie hin zu einem eigenständigen fachärztlichen Gebiet im Museum dargestellt.

Die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Urologie im Jahr 1906 unterstützte zusätzlich die Etablierung der Urologie als Spezialfach. Sie hatte das primäre Ziel, durch gemeinsame Arbeit ihrer Mitglieder die Urologie zu fördern. Zählte die Gesellschaft bei der Gründung gerade einmal 38 Mitglieder, so waren es ein Jahr später beim ersten DGU-Kongress in Wien bereits 250.

Ein weiterer Teil der Ausstellung beschäftigt sich mit der Zeit der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft von 1933 bis 1945. Diese Zeit stellt ein schwieriges Kapitel dar, da jüdische Ärzte von ihren Kollegen massiv verfolgt wurden. Eine Aufarbeitung dieses düsteren Kapitels fand nach dem Krieg nicht statt – stattdessen wurde es verdrängt. Auch das ist im Museum und Archiv der DGU dokumentiert.

Museumsleiter Dr. Friedrich Moll ist sich sicher: „In der Ausstellung wird die Geschichte der Urologie ganzheitlich als Ergebnis von Lebensweisen, Interessen und Erinnerungen von Menschen unterschiedlicher Herkunft, von Ärzten und Patienten gesehen.“
Natalie David
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema