ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2009Ärztemangel im Krankenhaus: Fluten und flicken

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Ärztemangel im Krankenhaus: Fluten und flicken

Flintrop, Jens

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Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Jens Flintrop, Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
Der Ruf nach mehr Studienplätzen im Fach Humanmedizin gleiche dem hilflosen Versuch, noch mehr Quellen in ein leckes Aquädukt zu leiten, hat der 2. Vorsitzende des Marburger Bundes (MB), Dr. med. Andreas Botzlar, jüngst argumentiert. Ohne ein Abdichten der Löcher – also die Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die Ärztinnen und Ärzte – werde am Ende kaum mehr Wasser zur Verfügung stehen.

Davon unberührt erneuerte der Präsident der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG) zur Eröffnung des 32. Deutschen Krankenhaustages seine Forderung nach einer deutlichen Aufstockung der Studienplatzkapazitäten. „Anders kriegen wir das Problem des Ärztemangels nicht in den Griff“, sagte Dr. Rudolf Kösters am 18. November in Düsseldorf. Circa 5 000 ärztliche Stellen könnten in den Krankenhäusern aktuell nicht besetzt werden. In den neuen Bundesländern hätten bereits Krankenhausabteilungen geschlossen werden müssen, weil Ärztinnen und Ärzte fehlten.

Der DKG-Präsident begründete sein Plädoyer für „mehr Wasser ins System“ sehr nachvollziehbar: Die universitäre Ausbildung im Fach Humanmedizin sei offensichtlich auch für andere, nicht kurativ-ärztliche Berufe, eine gute Basis. Im Krankenhaus böten sich dem Nachwuchs in der Verwaltung oder auch im Controlling attraktive Alternativen. Auch in der Pharmaindustrie und bei Beratungsunternehmen seien die Medizinabsolventen sehr begehrt. Kösters: „Die gesellschaftliche Nachfrage nach Medizinern ist deutlich gestiegen. Dem muss die Politik Rechnung tragen, indem sie die Zahl der Studienplätze erhöht.“

Aber natürlich hat auch der MB-Vize Botzlar recht: Ohne eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen werden sich selbst bei steigenden Studierendenzahlen nicht genügend Absolventen für eine kurative ärztliche Tätigkeit im Krankenhaus entscheiden. Hier sei bei Weitem nicht nur die Politik gefragt, betonte der neue parlamentarische Staatssekretär im Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG), Daniel Bahr (FDP), in Düsseldorf: „Entscheidend ist auch, dass die Krankenhäuser die gesellschaftlichen Veränderungen akzeptieren.“ So manche Klinikleitung habe immer noch erhebliche Probleme damit, „dass heutzutage nicht nur junge Frauen, sondern auch zunehmend junge Männer die Vereinbarkeit von Familie und Beruf als erstrebenswertes Ziel betrachten“. Die Bekämpfung des Ärztemangels habe für die neue Leitung des BMG eine hohe Priorität, sagte Bahr und verwies auf den Koalitionsvertrag. Demzufolge sollen die Ärzte entlastet werden, indem sie mehr Tätigkeiten an andere Berufsgruppen im Krankenhaus delegieren dürfen.

Viele Ärzte entscheiden sich aber auch erst gegen eine kurative ärztliche Tätigkeit, nachdem sie in der Weiterbildung erste Erfahrungen mit dem Arbeitsplatz Krankenhaus gemacht haben. Sie klagen regelmäßig über zu lange Arbeitszeiten und ein mieses Arbeitsklima „auf Station“. Letzteres wird in der Regel vom Chefarzt geprägt. Vor diesem Hintergrund ist es bemerkenswert, dass nun der Verband der Leitenden Krankenhausärzte (VLK) einen Initiativpakt gegen den Ärztemangel schmieden will. „Ziel ist es, noch in diesem Jahr alle wichtigen Verbände und Institutionen an einen Tisch zu bringen, um gemeinsam geeignete Maßnahmen zu beschließen“, kündigte VLK-Präsident Prof. Dr. med. Hans-Fred Weiser beim Krankenhaustag an.

Fluten und flicken sollte die Devise eines solchen Initiativpakts lauten. Nur dann kann irgendwann am Ende des Aquädukts wieder genügend Wasser ankommen (um im Bild zu bleiben) –, und die Ärztinnen und Ärzte in den unterbesetzten Abteilungen können ihr Arbeitspensum endlich wieder auf ein erträgliches Maß reduzieren.
Jens Flintrop
Redakteur für Gesundheits- und Sozialpolitik
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