ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2009Brandschutz im Krankenhaus: Oft ein Spiel mit dem Feuer
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Brandschutzübung am PC: In simulierten Brandmodellen agieren Avatare stellvertretend für Ärzte, Pflegekräfte, Feuerwehrleute und Patienten.
Brandschutzübung am PC: In simulierten Brandmodellen agieren Avatare stellvertretend für Ärzte, Pflegekräfte, Feuerwehrleute und Patienten.
Aktives Risikomanagement beginnt vor dem Ernstfall. Ein Bericht über erste Erfahrungen mit einem Simulationsprojekt zwischen Ärzten, technischen Informatikern und der Feuerwehr in Kassel

Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen kommt es immer wieder zu Bränden in Krankenhäusern. Selbst der Großeinsatz von Rettungskräften kann nicht immer Leben retten. Richtig ist aber auch, dass die vom Gesetzgeber vorgeschriebenen Brandschutzübungen unter den zunehmenden ökonomischen Zwängen nicht immer mit der Ernsthaftigkeit umgesetzt werden, die notwendig wäre, um das Personal auf den gar nicht so seltenen Fall optimal vorzubereiten.

Die Google-Suchabfrage nach dem Begriff „Brand im Krankenhaus“ ergibt bereits 442 000 Treffer. Dr. Jörg Reintsema und Prof. Dr. Christoph Hartung werteten für ihr Buch „Brandschutz im Krankenhaus – Analyse von Bränden im Krankenhaus und Empfehlungen zur Risikominimierung für Patienten und Personal“ (erschienen im Wikom-Verlag) allein in den vergangenen zehn Jahren 700 Brände in Deutschland aus. Nach Einschätzung der Brandschutz-Management GmbH, Herzberg, soll es sogar alle 18 Tage zu einem nennenswerten Krankenhausbrand und alle acht Tage zu einem Feuer in einem Altenheim kommen.

Ein Feuer ist dabei nicht nur eine menschliche Katastrophe, bei der zum Beispiel im Jahr 2006 in Moskau 45 Menschen starben oder Patienten noch in Narkose aus den Operationssälen evakuiert wurden, wie 2008 in einer der führenden onkologischen Spezialkliniken in Chelsea, London, geschehen. Ein Brand beschädigt den Ruf des Krankenhauses im Wettbewerb und verursacht Kosten in Millionenhöhe.

Hinzu kommen die lange andauernden Leistungseinschränkungen. Dem Bundesverband Technischer Brandschutz in Würzburg zufolge werden als Ursache von Bränden immer wieder Sicherheitsmängel aufgedeckt. Das Institut für Urbanistik sieht einen der Gründe dafür in dem Investitionsstau der Krankenhäuser, denen seit Jahren adäquate Mittel fehlen.

Das E-Learning-Zertifikat dient als Nachweis gegenüber dem Gesetzgeber und der Brandschutz- versicherung.
Das E-Learning-Zertifikat dient als Nachweis gegenüber dem Gesetzgeber und der Brandschutz- versicherung.
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Nachdem an den Diakonie-Kliniken Kassel beispielhaft der erste Katastropheneinsatzplan Hessens erstellt worden war, lag es nahe, die gute Kooperation mit der Feuerwehr dahin gehend zu intensivieren, dass man sich auf den Ernstfall bestmöglich vorbereitet. Dabei bieten die Diakonie-Kliniken – ein nach dem neuesten Stand des Brandschutzes konzipiertes Haus von 2007 – die virtuelle Kulisse für erste Gehversuche in Richtung realitätsnah programmierter Brandsimulation. Unter Federführung des Lehrstuhls für Technische Informatik der Universität Kassel entstand das Projekt „KATIE – Katastrophensimulation, Avatare, Training In Echtzeitsimulation“. Es entwickelt Konzepte und benutzt Technologien von Computerspielen, etwa in Form von Serious Games à la „Second Live“ bis hin zur Virtual Reality. Ein spezieller Workflow soll der kosteneffektiven Erstellung von virtuellen Menschen dienen, denn bisher kostet die Schaffung eines Avataren, also eines grafischen Stellvertreters, immer noch bis zu 30 000 Euro.

Im Kern handelt es sich bei der Computerkulisse um ein detailgetreues, begehbares 3-D-Krankenhausmodell mit Patientenzimmern, Operationssälen und Intensivbereichen. Dabei agieren in simulierten Brandmodellen, zum Beispiel bei einem Zimmerbrand, Avatare stellvertretend für Ärzte, Pflegekräfte, Feuerwehrleute und Patienten. Ein Ergebnis ist ein E-Learning-Kurs, der von einzelnen Teilnehmern oder Gruppen spielerisch, jederzeit und an jedem PC absolviert werden kann und der per Zertifikat die erfolgreiche Teilnahme bestätigt – was nicht nur den Mitarbeiter motiviert, sondern auch als Nachweis gegenüber Gesetzgeber und Brandschutzversicherung dienen kann. Der elektronische „Durchlauf“ sollte aber keinesfalls praktisch überlebensnotwendige Übungen wie zum Beispiel am Feuerlöscher ersetzen.

Wichtig war den Entwicklern, die Bereitschaft beim Klinikträger wie beim Personal zu erhöhen, sich effizient und kostengünstig mit dem Thema auseinanderzusetzen. Endausbaustufe des Projekts ist ein Krankenhaus mit einem künstlich einfach zu erzeugenden Querschnitt der Bevölkerung, visualisierten Brandabschnitten, funktionierenden Feuerlöschern und Brandmeldern, Brandschutztüren und Rauch- und Wärmeabzügen zu erschaffen.

Mitarbeitern wird es somit ermöglicht, aktiven Brandschutz zu üben, und die Feuerwehr kann die unterschiedlichsten Einsatzszenarien durchspielen. Krankenhausarchitekten und -planer könnten auf diese Weise die von ihnen geplante Klinikkonstruktion auf Sollbruchstellen beim Thema Brandschutz kritisch durchleuchten. Was für die Entwicklung von Flugzeugen und das Training von Piloten gilt, sollte auch für Krankenhäuser gelten – besser ein Training im Simulator als ein Totalverlust.
Dr. med. Andreas Fiehn MBA
Susanne Bullien, Diakonie-Kliniken Kassel,
Dirk Ehrlich, Berufsfeuerwehr Kassel,
Prof. Dr. Ing Dieter Wloka, Universität Kassel

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