ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2009Weltaidstag am 1. Dezember: Generika für alle

POLITIK

Weltaidstag am 1. Dezember: Generika für alle

Dtsch Arztebl 2009; 106(48): A-2400 / B-2066 / C-2006

Osterloh, Falk

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Arzneimittelpatente versperren Entwicklungsländern häufig den Zugang zu Aidsmedikamenten. Hilfsorganisationen versuchen, das zu ändern.

Von den weltweit circa 33 Millionen HIV-Infizierten leben mehr als 85 Prozent in Entwicklungs- und Schwellenländern. Obwohl seit Langem Arzneimittel zur Behandlung der Immunschwächekrankheit zur Verfügung stehen, erreichen sie die HIV-Infizierten in diesen Ländern häufig nicht. Ein Grund dafür ist das „Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum“, kurz TRIPS. Dieses Abkommen gewährt Pharmafirmen ein 20 Jahre währendes Patent inklusive eines Monopols auf Produktion und Import des patentierten Wirkstoffs. Hilfsorganisationen wie Ärzte ohne Grenzen, Oxfam oder die Buko-Pharmakampagne beklagen seit Jahren, dass Entwicklungsländer durch diese Handelspolitik die dringend benötigten antiretroviralen Medikamente nicht bezahlen könnten. Die Organisationen wünschen sich eine Öffnung der Märkte für Generika. Der Preis für eine Kombination der Wirkstoffe Stavudin, Lamivudin und Nevirapin sank beispielsweise von 10 439 US-Dollar im Jahr 2000 auf 80 US-Dollar im Jahr 2009, nachdem Indien die Produktion von Generika für diese Wirkstoffe begonnen hatte. Pharmafirmen verweisen auf die infrastrukturellen Probleme in den Entwicklungsländern: „Wer Leben retten will, sollte sich die drängendsten Probleme mangelversorgter Länder vornehmen und für genügend Ärzte, Krankenstationen und ein geordnetes Apothekenwesen sorgen“, erklärte die Hauptgeschäftsführerin des Verbandes forschender Arzneimittelhersteller, Cornelia Yzer, dem Deutschen Ärzteblatt. Ärzte ohne Grenzen reicht das aber nicht. Um den Markt flächendeckend für Generika zu öffnen, hat die Organisation die Patentpool-Kampagne ins Leben gerufen. In einen solchen Pool sollen Pharmafirmen ihre Patente auf Aidsmedikamente geben. Während sie Lizenzgebühren erhalten, können andere Firmen diese Patente nutzen, um Generika für arme Länder zu produzieren.

Ein Großteil der Grundlagenforschung findet nicht in den Unternehmen, sondern an Universitäten statt. Weil dort häufig kein Geld für klinische Studien vorhanden ist, verkaufen die Hochschulen ihre Patente an Pharmafirmen. Die „Universities Allied for Essential Medicines“ (UAEM), eine Studentenbewegung aus den USA, setzt sich dafür ein, dass die Universitäten an den Verkauf ihrer Patente bestimmte Bedingungen knüpfen. Die Pharmafirmen sollen ihre Arzneimittel in Entwicklungsländern zu dem geringstmöglichen Preis zur Verfügung stellen. In den USA hat die UAEM bereits eine Menge namhafter Hochschulen mit ins Boot geholt. Anfang November haben sechs große Universitäten, unter ihnen Harvard und Yale, zudem ein Abkommen unterzeichnet, mit dem sie sich dafür einsetzen wollen, dass Patente nicht in Entwicklungsländern gelten und mehr Geld in die Erforschung von Krankheiten investiert wird, von denen insbesondere Entwicklungsländer betroffen sind.

Forderung nach neuen Verwertungsmodellen
Seit Kurzem gibt es auch an deutschen Universitäten sogenannte Chapter der UAEM, der die Initiative Innovation für alle (InfA) vorsteht. Die InfA trifft sich vom 27. bis 29. November an der Berliner Charité. „Wir sprechen mit den Patentverwertungsagenturen der deutschen Universitäten, um gemeinsam alternative Verwertungsmodelle zu finden“, sagt Matthias Hoheisel von der InfA. Das Ziel seien Patent-modelle, die den Zugang zu Medikamenten für Entwicklungsländer in der Breite ermöglichten. „Bei den Forschern rennen wir damit offene Türen ein“, so Hoheisel. „Und auch die Universitäten sind im Allgemeinen aufgeschlossen. Doch für ein Umdenken braucht es noch etwas Zeit und mehr öffentliche Aufmerksamkeit. Dafür wollen wir sorgen.“
Falk Osterloh
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