ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2009Verfahren gegen Wegberger Klinikärzte: Schwierige Beweislage

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Verfahren gegen Wegberger Klinikärzte: Schwierige Beweislage

Dtsch Arztebl 2009; 106(48): A-2412 / B-2076 / C-2016

Gerst, Thomas

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Das gewaltige Medieninteresse zu Beginn des Prozesses am Landgericht Mönchengladbach ist inzwischen merklich abgeflaut. Foto: ddp
Das gewaltige Medieninteresse zu Beginn des Prozesses am Landgericht Mönchengladbach ist inzwischen merklich abgeflaut. Foto: ddp
Es geht um mehr als nur um Zitronensaft zur Wundbehandlung. Den Angeklagten wird eine Vielzahl von Verfehlungen vorgehalten. Was davon als justiziabel übrig bleibt, scheint derzeit noch völlig offen – ein Zwischenbericht vom Prozess.

Dem Angeklagten sei es nur um das Wohl der Patienten gegangen, er habe „sich nie von wirtschaftlichen Erwägungen leiten lassen“. Er sei ein guter Operateur und Arzt – dies behauptet zumindest die Verteidigung. Die Staatsanwaltschaft Mönchengladbach dagegen beurteilt den Sachverhalt etwas anders. Sie wirft dem 53-jährigen Hauptangeklagten, Dr. med. Arnold P., ehemals in Personalunion Eigentümer, ärztlicher Leiter und Chefarzt der Chirurgie der Sankt-Antonius-Klinik Wegberg, Körperverletzung mit Todesfolge, schwere Körperverletzung, einfache und fahrlässige Körperverletzung, fahrlässige Tötung und unterlassene Hilfeleistung in 64 Fällen (bei insgesamt 16 Personen) vor. Mit anderen Worten: Arnold P. soll vor allem aus Wirtschaftlichkeitserwägungen Operationen ohne medizinische Indikation durchgeführt, den Gebrauch von Blutkonserven und teuren Medikamenten untersagt, fehlerhaft operiert und Fehlentscheidungen getroffen haben. Mitangeklagt sind drei Ärzte und zwei Ärztinnen, die in unterschiedlichem Ausmaß an diesen Taten beteiligt gewesen sein sollen.

Der Angeklagte doziert
Bereits die ersten Verhandlungstage zeigen deutlich, auf welch schwierigem Terrain sich die Anklage mit ihren Vorwürfen bewegt; derzeit scheint die Deutungshoheit über die Ereignisse an der Sankt-Antonius-Klinik noch weitgehend dem ehemaligen Chefarzt überlassen; dessen Approbation ruht derzeit, das Krankenhaus hat er mittlerweile wieder veräußert. Während sich die fünf Mitangeklagten und ihre Anwälte weitgehend in Schweigen hüllen, nutzt Arnold P. ausführlich die ihm gebotenen Gelegenheiten, um bestimmte medizinische Vorgehensweisen zu erläutern. Auf einer Tafel darf er einen Operationshergang grafisch darstellen. Er macht dies alles sehr geschickt, übt sich in fast schon devoter Höflichkeit gegenüber dem Gericht – man ahnt ein bei anderen Gelegenheiten doch eher aufbrausendes, unbeherrschtes Temperament – und bietet für alles eine Erklärung. Gerät er zu sehr ins Dozieren, kommt ein kleiner Verweis von seinen Anwälten.

Die Vorgänge um das Wegberger Krankenhaus hatten bereits im Vorfeld des Prozesses für ein breites Medienecho gesorgt. Ins Rollen gekommen war das ganze Verfahren aufgrund einer anonymen Anzeige im Dezember 2006, woraufhin die Staatsanwaltschaft ihre Ermittlungen aufnahm. Der Hauptangeklagte war in der zweiten Jahreshälfte 2005 auf Veranlassung der Stadtverwaltung als Berater ans Krankenhaus in Wegberg geholt worden, das sich damals noch im kommunalen Besitz befand. Der Betrieb des mit rund 100 Betten recht kleinen Krankenhauses musste jährlich mit einer großen Summe, ein Zeuge spricht von 2,5 Millionen Euro, von der Kommune bezuschusst werden, und so wird man dort wohl erleichtert gewesen sein, als Arnold P. sich bereit erklärte, das Sankt-Antonius-Krankenhaus von Januar 2006 an für einen eher symbolischen Kaufpreis in Eigenregie zu übernehmen. In der Folge gab es in der Klinik Rationalisierungsmaßnahmen, auch eine Reihe arbeitsrechtlicher Aus-einandersetzungen. Die Einführung der Arbeitszeiterfassung mit der Stechuhr war einer Zeugin als markantes Ereignis beim Übergang auf die neue Geschäftsführung in Erinnerung geblieben.

Nicht zuletzt der Gebrauch von frisch gepresstem Zitronensaft zur Wunddesinfektion hatte nach der Anklageerhebung im März 2008 für großes Aufsehen gesorgt, und die öffentliche Vorverurteilung blieb nicht aus. Hierzu trug natürlich auch bei, dass der Hauptangeklagte im April 2008 in Untersuchungshaft genommen worden war. Der Haftbefehl wurde erst im Oktober 2008 durch das Oberlandesgericht Düsseldorf wieder aufgehoben.

Der Andrang zum Prozessbeginn am 17. September 2009 war dementsprechend groß. Blitzlichtgewitter, Fernsehkameras und Publikumspresse – die Angeklagten erwartete ein Schaulaufen der besonderen Art. Allerdings war der erste Prozesstag schnell wieder beendet: Befangenheitsanträge gegen die Richter, später auch gegen die beiden Schöffen, sorgten rasch für eine Unterbrechung des Verfahrens; und erst nach dem dezenten Hinweis des Vorsitzenden Richters, er könne sich gut vorstellen, das Verfahren gegen den Hauptangeklagten von dem gegen seine ehemaligen Angestellten abzutrennen, konnte am 15. Oktober mit den Verhandlungen zur Sache begonnen werden. Die Zermürbungstaktik der renommierten Strafverteidiger, drei an der Zahl, an der Seite des Hauptangeklagten führte zumindest zu einem Ergebnis: Das Medieninteresse war inzwischen weitgehend zum Erliegen gekommen.

Bevor man sich den einzelnen Tatvorwürfen zuwandte, nutzte Arnold P. die Gelegenheit, sich in einer Generaleinlassung grundsätzlich zu den gegen ihn vorgebrachten Vorwürfen zu äußern. Insbesondere setzte er sich mit dem Vorwurf auseinander, Wirtschaftlichkeitserwägungen seinerseits seien es gewesen, die eine dauerhafte Schädigung oder den Tod von Patienten nach sich gezogen hätten. Er habe niemals eine Einschränkung von Leistungen angeordnet und keine nicht indizierten Operationen aus wirtschaftlichen Erwägungen durchgeführt. Es habe in Wegberg ein Wirtschaftlichkeitspostulat wie in vergleichbaren Krankenhäusern gegeben. Allerdings sei dies zuvor vernachlässigt worden, sodass es nach dem Erwerb und der Einführung einer rationalen Betriebsführung zu Konflikten mit Mitarbeitern gekommen sei.

Entgegen den Vorwürfen der Staatsanwaltschaft wollen die Anwälte von P. belegen können, dass es unter der neuen Leitung des Krankenhauses im Jahr 2006 zu keinem Rückgang beim Verbrauch von Antibiotika und Heparin gekommen sei. Und was den Einsatz von frisch gepresstem Zitronensaft zur Desinfektion anbelange, so habe dies die Staatsanwaltschaft effekthascherisch in die Öffentlichkeit gebracht. Dabei sei Arnold P. vom Vorteil des oberflächlichen Einsatzes von Zitronensaft bei schwierigen Wundheilungsstörungen überzeugt. Detailliert schildert dieser, wie in Ausnahmefällen mit Zitronensaft getränkte Gazestreifen neben der üblichen Therapie angewendet worden seien.

Zitronensaft-Details
Von Zitronensaft und dem, was genau damit gemacht wurde, ist auch häufig die Rede, als am 29. Oktober konkret über den Fall der am 30. März 2006 in der Wegberger Klinik verstorbenen Margarete W. verhandelt wird. Arnold P. wehrt sich gegen den Vorwurf, aufgrund einer unzureichenden Diagnose einen übereilten und zu schweren Eingriff (Sigma-Reduktion) durchgeführt zu haben; zudem soll er die Patientin nicht hinreichend aufgeklärt, Komplikationen nicht rechtzeitig erkannt und durch Spülen der offenen Bauchhöhle mit Zitronensaft die bereits bestehende Infektion verschlimmert haben. Er schildert den Vorgang als einen schicksalhaften Verlauf; alles Nötige sei veranlasst worden, gleichwohl sei es zu einer schlimmen Sepsis gekommen, die man nicht mehr habe beherrschen können.

Ursache sei vermutlich eine Minderdurchblutung infolge einer Herzinsuffizienz gewesen, für die keine Hinweise vorgelegen hätten.

Dem Zeugen Helmut R., 2006 in Wegberg als Krankenpfleger auf der Intensivstation, werden im Zeugenstand seine Aussagen bei der Polizei vorgehalten, wonach der Zitronensaft der Patientin direkt aus der Spritze in den Bauchraum gespritzt worden sei. So genau will er sich jetzt nicht mehr daran erinnern können, wie tief in den Körper der Saft zur Desinfektion verabreicht wurde. Auffällig sind weitere Diskrepanzen zwischen seinen früheren Aussagen gegenüber der Polizei und vor Gericht.

Helmut R. hatte seinen Angaben zufolge noch am 30. März auf Anweisung des Chefarztes Arnold P. auf der Stationsküche handelsübliche Zitronen mit einem nicht sterilen Messer aufgeschnitten, in einer nicht sterilen Presse ausgedrückt und auf große Blasenspritzen aufgezogen. Dass der Zitronensaft zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch verwendet wurde, erscheint Arnold P. aber äußerst unwahrscheinlich; der Verbandwechsel habe den irreparablen Zustand der Patientin offenbart. „Da half nichts mehr.“ Der Einsatz von Zitronensaft wäre hier völlig unsinnig gewesen.

Der Zitronensaft sei Gesprächsthema beim Pflegepersonal gewesen, berichtet auch die Zeugin Vera S., Krankenschwester auf der Intensivstation. Einige der Kollegen seien über den Einsatz des Safts verwundert gewesen. „Ich habe mir gedacht, er ist der Chefarzt, er wird wissen, was er tut.“ Wolfgang E., Krankenpfleger im OP-Bereich, will den guten Erfolg von Zitronensaft im Vergleich zu anderen The-rapien bei der Behandlung von Unterschenkelgeschwüren beobachtet haben. Irgendwann einmal sei auch von einer wissenschaftlichen Auswertung dieses Verfahrens die Rede gewesen.

Der Prozess am Landgericht Mönchengladbach wird wohl nicht vor März 2010 beendet sein; die Staatsanwaltschaft hat in der Anklageschrift 106 Zeugen und sechs medizinische Sachverständige benannt, die vermutlich im Prozessverlauf gehört werden.
Thomas Gerst
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