ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2009„Helen“: Nur ein Schritt zwischen mir und dem Wahnsinn

KULTUR

„Helen“: Nur ein Schritt zwischen mir und dem Wahnsinn

Dtsch Arztebl 2009; 106(48): A-2426 / B-2088 / C-2028

Osterloh, Falk

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Krank, nicht unglücklich: Es braucht viel Zeit, bis Helen die Dia - gnose Depression akzeptiert. Foto: Warner Bros. Ent.
Krank, nicht unglücklich: Es braucht viel Zeit, bis Helen die Dia - gnose Depression akzeptiert. Foto: Warner Bros. Ent.
Die Volkskrankheit Depression reißt die erfolgreiche Musikprofessorin Helen aus ihrem Leben und führt sie auf eine schmerzhafte Reise zu sich selbst.

Lachende Gesichter, viele Geschenke, das Glück ein Rausch an ihrem Geburtstag, die Zuneigung von allen Seiten ist mit den Händen zu greifen. Helen hat alles, was sich viele Menschen für ihr Leben wünschen. Eine liebevolle Familie, einen erfüllenden Beruf als Musikprofessorin an der Universität von Vancouver, Wohlstand. Doch das Glück ist wie ein Gespenst. Man kann es nicht festhalten. Und so beginnen nur kurze Zeit später die Symptome. Niedergeschlagenheit. Antriebslosigkeit. Konzentrationsstörungen. Hilflosigkeit. Die Diagnose lautet Depression. Doch Helen will es nicht wahrhaben. Sie sieht die Depression nicht als Krankheit, sondern als persönliches Versagen, versucht zu verheimlichen, was nicht zu verheimlichen ist. Und auch ihr Mann kann es nicht verstehen. „Sie ist eine glückliche Frau“, insistiert er gegenüber Helens Arzt, der erwidert: „Ihre Frau ist nicht unglücklich. Ihre Frau ist krank.“ Und so zieht sich Helen mehr und mehr zurück, bricht ihre Therapie ab, verlässt ihren überforderten Mann. Halt findet sie allein bei der jungen, psychisch kranken Mathilda, die Helen als Einzige auch mit ihrer Krankheit akzeptiert.
Der Film „Helen“ zeigt realitätsnah und nachdrücklich, weshalb psychische Erkrankungen in der westlichen Welt eine andere Qualität haben als somatische. Ihnen haftet nach wie vor ein Stigma an, das sowohl vielen Erkrankten selbst als auch ihrem Umfeld die Akzeptanz dieser Krankheiten äußerst erschwert. Während ein gebrochenes Bein Mitleid hervorruft, erzeugt eine kranke Seele, sei es aus Unwissenheit, Hilflosigkeit oder Ignoranz, Unbehagen und Ablehnung. „Helen“ wirbt für Toleranz und zeigt auch die Möglichkeiten der Medizin ebenso wie das Engagement der Mediziner. Es ist ein Film über das Menschsein, der seine Protagonistinnen mit ihren Verwundbarkeiten, Ängsten und Abhängigkeiten einfühlsam beobachtet. Zugleich ist er die Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, in der Krankheit in erster Linie nicht als Teil des menschlichen Lebens empfunden wird, sondern als ein Fremdkörper, den es schnellstmöglich zu eliminieren gilt.

Wunde Seele
Regisseurin Sandra Nettelbeck („Bella Martha“) zeigt die Depression einer Frau Mitte vierzig in empfindsamen Bildern, überhell mitunter, um die wunde Seele ihrer Protagonistin zu versinnbildlichen. In einer flüssigen, stimmungsvollen Inszenierung mit feingliedriger Musik begleitet sie Helen auf einer elegischen Reise zu sich selbst. Hauptdarstellerin Ashley Judd („Wo dein Herz schlägt“) gelingt dabei eine eindrucksvolle Darstellung. „Helen“ enthüllt den Menschen als verwundbares Wesen und das Glück als einen fragilen Zustand, auf den es kein Anrecht gibt. Der Film ist ein Plädoyer dafür, offen und offensiv mit einer Depression umzugehen und weder in einer Betroffenheitskultur zu erstarren noch Hilflosigkeit durch ausgesprochene oder unausgesprochene Vorhaltungen zu überdecken. Und er zeigt, dass es möglich ist, diese zum Teil schwere Krankheit mit Erfolg zu behandeln, wenn auch das Filmende ein wenig zu schlicht herbeigeführt wird. Falk Osterloh
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