ArchivDeutsches Ärzteblatt48/2009Von schräg unten: Entziehungskur

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Entziehungskur

Dtsch Arztebl 2009; 106(48): [100]

Böhmeke, Thomas

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LNSLNS Es ist Samstagmorgen, ein freies Wochenende liegt vor mir. Zeit für wohltuende Entspannung, Gelegenheit zur rehabilitierenden Muße, um mit dem Genuss der Ruhe Kraft für die kommende Woche zu tanken. Aber dafür muss ich mich erst von meinem Zwang zur Hyperaktivität befreien, das Stakkato der Sprechstunde hinter mir lassen und den Druck abschütteln, in Sekundenschnelle Diagnosen zu stellen und Prozeduren zu bewältigen. So einfach ist das gar nicht, schon oft habe ich in meiner freien Zeit meine Umgebung mit Multitasking genervt, hektisierend bin ich den anderen ins Wort gefallen, nur weil ich das Gefühl hatte, die Zeit würde mir davonrennen. Wie in der Sprechstunde. Nun, ich bin mir dieser praxisbedingten Unart bewusst und betreibe eine ganz persönliche Entziehungskur. Ich gehe just zu dem Zeitpunkt zum örtlichen Metzger, wenn die Anzahl der Wurst wünschenden und Fleisch verlangenden Mitmenschen am größten ist.

Heute habe ich Glück. Vor mir steht eine Dame, deren Entscheidungsschnelle rein gar nichts gemein hat mit der Rasanz einer Sprechstunde. „Ach, ich weiß gar nicht so recht, was ich heute nehmen soll . . .“ Unmöglich, so etwas. Wie kann man nur die ganze Schlange der Wartenden mit seiner Unentschlossenheit nerven? „Vielleicht nehme ich heute mal eine Scheibe Cervelatwurst?“ In der Zeit, wo sie ihr Brötchen komplettiert hat, könnten kundige Kardiologen einen Herzkatheter durchführen. „Ach nein, warten Sie, nicht die mit den Pfefferkörnern, geben Sie mir ohne!“ Der besagte Kardiologe hätte derweil eine Typ-A-Stenose dilatiert. „Was ich sonst noch nehmen soll? Ich weiß nicht. Vielleicht eine Scheibe von diesem Bierschinken?“ Nein, er hätte inzwischen eine komplexe LAD-Bifurkationsstenose gestentet. Eigentlich eine Frechheit, man weiß doch schließlich vorher ganz genau, was man will, und verschwendet nicht die Zeit der anderen! „Ob ich noch was bekomme? Na, ich muss doch erst mal gucken, was Sie sonst noch an Auswahl haben!“ In mir keimt der Verdacht, dass die Idee der freien Arztwahl an einem Verkaufsstand geboren wurde. „Nein, das Sonderangebot will ich nicht, da weiß man ja nicht, was drin ist. Für mich nur das Beste, aber kosten darf es nichts!“ Wahrscheinlich wurden hier auch die Grundlagen zur gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung formuliert. „Können Sie mir mal den Schinkenspeck zeigen?“ Ich fasse es nicht! Jetzt stehe ich hier schon eine gefühlte volle Stunde, also genau so lange, wie ein versierter Chirurg für eine laparoskopische Cholezystektomie benötigt, völlig nutzlos herum! „Ach, und 50 Gramm Hack dürfen es auch noch sein!“ Der Chirurg hätte in dieser Zeit en passant den Blinddarm mit entfernt.

Endlich ist die Dame fertig, ich bin an der Reihe. „Was darf’s denn sein?“, fragt mich die freundliche Verkäuferin. „Ich . . . äh . . . ich muss erst einmal schauen . . .“, stottere ich – und bin geheilt.

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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