SUPPLEMENT: Reisemagazin

Davos: Winter am Zauberberg

Diemar, Claudia

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Foto: Ullstein
Foto: Ullstein
Milchweiß glühen die Lampen­glocken in den Kranken­zimmern. Spritzen sind aufge­zogen. Fieber­thermometer liegen bereit. Die Kopf­kissen sind mit grell­roten Flecken vom letzten Blut­sturz gezeichnet. Es ist still. Nicht einmal das charakteristische Husten ist zu hören. Die Klinik ist eine stumme Miniatur: das „Zauber­berg-Puppen­haus“ im Spielzeug­museum von Davos. Bis ins letzte Detail ist das Leben der Sanatoriums­gäste hier zum Modell gefügt.

„Davos ist ein weißer Vogel, schwebend in der Luft, ein Tal begossen mit Menschenblut und Tränen, ein ruhiger Friedhof gewesener Freuden und die Wiege neuer Hoffnungen“, schrieb die russische Autorin Wiktorowa einst. Davos ist kein Bergdorf, sondern auf 1 560 Metern Höhe Europas höchstgelegene Stadt – eine mit fünf Skigebieten allerdings.
Dabei ist die einst von den Walsern gegründete Siedlung noch vor rund 150 Jahren ein Ort bitterster Armut. Viele wandern aus, weil es in ihrer kargen Heimat keine Zukunft zu geben scheint. Ein voreiliger Entschluss, denn die Wende zum Wohlstand folgt bald. Die Tuberkulose hat in Europa die Ausmaße einer Seuche angenommen, doch die Heilungsaussichten sind denkbar schlecht. 1853 kommt der Mannheimer Arzt Alexander Spengler nach Davos und entdeckt die günstige Wirkung des trockenen Gebirgsklimas. Innerhalb eines halben Jahrhunderts wandelt sich das archaische Bergdorf zu einem Weltkurort. „Der Weg zu Kraft und Gesundheit führt über Davos“, lautet die Heil versprechende Parole eines historischen Werbeplakats. Die noch heute vorherrschende Flachdacharchitektur ist eine Reminiszenz an diese Zeit: Kein vorstehender Giebel sollte den Lichteinfall in die Sanatorien mindern.

Es sind vor allem begüterte Kranke, die in Davos Linderung ihrer Beschwerden erfahren. Die Patienten sollen viel essen, an der frischen Luft liegen und sonst gar nichts. Die Kur dauert mitunter Jahre. Thomas Mann macht mit seinem „Zauberberg“ die Atmosphäre in den luxuriösen Sanatorien unsterblich. Lediglich vier Wochen verbringt der Autor im Frühling des Jahres 1912 in Davos, doch sein als Kurzgeschichte gedachtes Werk schwillt auf rund 1 000 Seiten an. Thomas Mann kommt nicht als Patient, sondern besucht seine Frau Katia im „Waldsanatorium“ und erkältet sich, als er der Gattin bei der Liegekur Gesellschaft leistet. Chefarzt Dr. Jessen will den Schriftsteller stationär aufnehmen, doch dieser setzt sich mit seinem Münchner Hausarzt in Verbindung, der lakonisch erklärt, die Kollegen in Davos fänden stets eine Indikation für ihre Anstalten. Thomas Mann reist schleunigst ab. Die Verführung aber, sich in der Schweizer Bergwelt dem Alltag zu entziehen, sich um nichts mehr kümmern zu müssen als um die eigene Temperaturkurve, ist der Antrieb, seinen Helden Hans Castorp sieben Jahre in weltvergessener Entrückung verbringen zu lassen.

1853 entdeckt der Mannheimer Arzt Alexander Spengler, dass das trockene Gebirgsklima in Davos sich günstig auf die Heilungschancen der Tuberkulose auswirkt. 50 Jahre später hat sich aus dem archaischen Bergdorf ein mondäner Kurort entwickelt. Foto: dpa
1853 entdeckt der Mannheimer Arzt Alexander Spengler, dass das trockene Gebirgsklima in Davos sich günstig auf die Heilungschancen der Tuberkulose auswirkt. 50 Jahre später hat sich aus dem archaischen Bergdorf ein mondäner Kurort entwickelt. Foto: dpa
Man kann sich noch heute in Davos auf die Spur des Zauberbergs machen. Das einstige Sanatorium, in dem Katia Mann weilte, heißt inzwischen „Waldhotel Davos“ und glänzt nach der letzten Renovierung mit eleganten Interieurs nach alten Vorlagen. Ein historisches Sanatoriumszimmer ist erhalten. Zudem stehen auf den nach Süden ausgerichteten Balkonen immer noch jene geflochtenen Ruhebetten, auf denen sich Patienten zur Liegekur ausstreckten und deren Bequemlichkeit schon Thomas Mann lobte. Das Haus liegt in privilegierter Lage an der „Hohen Promenade“ mit Blick auf den Ort im Tal. Wer dem winterlich verschneiten Weg Richtung Davos Platz folgt, sieht nach wenigen Minuten die Standseilbahn hinauf zur Schatzalp schnurren. Oben thront das fotogenste Relikt aus der großen Sanatoriumszeit: Das „Berghotel Schatzalp“, Schauplatz der Zauberberg-Verfilmung, eine Hoteldiva in schönster Jugendstilpracht.

Wer am späten Nachmittag in vergnügter Angstlust auf der hier beginnenden Schlittenpiste zu Tal rodelt, sieht gegenüber die Hänge des dick verschneiten Jakobshorns in der Abendsonne so gelb, orange und rosa glühen, wie Ernst Ludwig Kirchner einst die Schneepolster malte. Denn Davos wurde als Kurort auch bei der Künstlerprominenz beliebt. Robert Stevenson kam zweimal zu Erholungsaufenthalten, Arthur Conan Doyle, der Erfinder des „Sherlock Holmes“, entwickelte sich zu einem der Pioniere des örtlichen Skisports. Mit den Davoser Hochschulkursen trieb es auch Ernst Cassirer, Albert Einstein und Martin Heidegger in die Graubündner Berge. Vor Ort gab es Zeitungen in vier Sprachen, dazu Villenviertel mit englischen und russischen „Kolonien“.

1880 legte man hier die größte Eisbahn Europas an, die noch heute der Austragungsort für viele Wettbewerbe ist. 1883 fand in Davos das 1. Internationale Schlittenrennen statt. 1934 wurde in Davos der erste Bügel-Schlepplift der Welt errichtet. Rechtzeitig, bevor die Tuberkulose durch Antibiotika nachhaltig heilbar wurde, hatte sich Davos als Wintersportort einen geradezu emblematischen Namen gemacht. Die Sanatorien wurden zu Sporthotels umgebaut. Heute gilt Davos vor allem als Mekka der Snowboarder, die das Jakobshorn zu ihrem „Fun Mountain“ erkoren haben. Die jungen Wilden wohnen in einfachen Quartieren, die sich selbstbewusst „Bolgen Plaza“ oder „Snowboarders Palace“ nennen. Aber der Wintersport allein macht nicht den Nimbus von Davos aus.

Im Jahr 1971 richtete der Genfer Wirtschaftsprofessor Dr. Klaus Schwab im Davoser Kongresszentrum ein Management-Symposion aus. Die Tagung fand ein so positives Echo, dass sie im Folgejahr wiederholt wurde. Ab 1973 nennt sich die Veranstaltung „World Economic Forum“. Alljährlich Ende Januar, wenn das „WEF“ mit seinen rund 2 000 Teilnehmern tagt, sind sämtliche Hotels ausgebucht. Und das einstige Bergdorf ist fünf Tage lang weltweit im Blickpunkt der Medien. „Man ändert hier seine Begriffe“, hatte schon Thomas Mann über den Zauber von Davos gesagt. Claudia Diemar

Informationen
Übernachten: Berghotel Schatzalp, ab circa 105 Euro pro Person im Doppelzimmer mit Frühstück, günstige Wochenpauschalen zu bestimmten Terminen, Telefon: 00 41/81/4 15 51 51, Internet: www.schatzalp.ch.
Waldhotel Davos, ab circa 110 Euro pro Person im Doppelzimmer mit Frühstück, Telefon: 00 41/81/4 15 15 16, Internet: www.waldhotel-davos.ch.
Hotel Esplanade, schönes 3-Sterne-Hotel, ab circa 80 Euro im Doppelzimmer mit Frühstück, Telefon: 00 41/81/4 15 50 50, Internet: www.hotel-esplanade.ch.
Auskünfte: Davos Tourismus, Talstraße 41, CH-7270 Davos Platz, Telefon: 00 41/81/4 15 21 96, Internet: www.davos.ch oder bei Schweiz Tourismus, kostenfreies Info-Telefon: 0 08 00/10 02 00 30, Internet: www.MySwitzerland.com.
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