Supplement: Reisemagazin

Südafrika: Das schwarze Herz

Dtsch Arztebl 2009; 106(49): [13]

Heubeck, Rainer

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Mit dem Fahrrad durch Soweto: gestern Symbol im Kampf gegen die Apartheid, heute Ziel von Individualreisenden. Fotos: Rainer Heubeck
Mit dem Fahrrad durch Soweto: gestern Symbol im Kampf gegen die Apartheid, heute Ziel von Individualreisenden. Fotos: Rainer Heubeck
Am 11. Juni 2010 wird in Johannesburg das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft ausgetragen. Wer mehr als Fußball sehen will, sollte die südwestlichen Townships erkunden.

Weiße auf die linke Seite, Farbige und Inder rechts anstellen – am Eingang des Apartheidmuseums im Johannesburger Vorort Ormonde wird noch einmal lebendig, was Südafrika über Jahrzehnte zu einem Paria in der internationalen Staatenwelt gemacht hat: Eine Politik der Rassentrennung, die sämtliche Lebensbereiche durchzogen hat. Heute sind nach Hautfarbe getrennte Busse, Taxen, öffentliche Parks, Strände und Wohnsiedlungen gottlob nur noch im Museum anzutreffen – und dem Leben des Mannes, der es geschafft hat, den Wandel in Südafrika weitgehend friedlich zu gestalten, sind im Apartheidmuseum gleich mehrere Ausstellungsräume gewidmet: Nelson Mandela.

Nelson Mandela und Erzbischof Desmond Tutu sind zwei engagierte und charismatische Südafrikaner, die beide mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurden und die im Land als Idole gelten. Auf ihre Spuren begibt man sich, wenn man von Johannesburg aus Richtung Südwesten fährt, in die South Western Townships, kurz Soweto genannt. Dort lebte Desmond Tutu lange Zeit – und die Familie von Nelson Mandela, genauer gesagt seine Exfrau Winnie, wohnt heute noch dort. Soweto, das ist mehr als ein Township-Konglomerat mit bis zum Horizont reichenden Armensiedlungen. In Soweto gab und gibt es auch Stadtteile wie Orlando West, das Beverly Hills einer Stadt, in der nach Schätzungen zwischen 3,5 und fünf Millionen Menschen leben, die aber seit dem Jahr 2002 offiziell nur noch als ein Stadtteil von Johannesburg gilt. Doch Orlando West ist nur eine Facette des Township-Verbunds, in dem in Zeiten der Apartheid Tausende von Minenarbeitern kaserniert und hinter Stacheldraht ihr Leben fristen mussten.

Fußball galt in Südafrika traditionell als Sport der Schwarzen.
Fußball galt in Südafrika traditionell als Sport der Schwarzen.
Für Südafrika-Urlauber, die mehr interessiert als Fußball und Safari, lohnt es sich, Soweto kennenzulernen. Nicht etwa, weil es hier besondere Sehenswürdigkeiten gibt, sondern vor allem, weil hier das Herz des schwarzen Südafrikas schlägt. Eines schwarzen Südafrikas, das den Weißen die Rassendiskriminierung verziehen hat – und das deshalb offen und neugierig reagiert, wenn weiße Besucher auftauchen.

Der heute 33-jährige Lebu ist ein Pionier in Sachen Soweto-Tourismus. Er eröffnete vor sechs Jahren in Orlando eine einfache Pension, das Backpacker Soweto. Und er bietet seinen Gästen sowie Reisegruppen, die nur eine Tagestour hierher unternehmen, geführte Fahrradtouren durch das Township an. „Das Haus, in dem das Soweto Backpacker untergebracht ist, gehörte meinen Urgroßeltern. Auch ich lebte früher hier, mein Job war es, Kunsthandwerk an Touristen zu verkaufen. Dabei bemerkte ich, dass es vielen Besuchern nicht reicht, nur einen halben Tag in Soweto zu bleiben, sondern dass sie das Township richtig kennenlernen wollen.“ Diese Möglichkeit kann Lebu ihnen nun bieten. Damit die Nachbarn sein Projekt unterstützen, hat er sie von Anfang an aktiv mit einbezogen. Er gibt ihnen Jobs, er beherbergt ehrenamtliche Helfer, die einen örtlichen Kindergarten unterstützen, und er organisiert Säuberungsaktionen im Township. „Gegenüber von unserem Haus war früher ein Müllplatz. Aber wir haben aufgeräumt und einen Fußballplatz daraus gemacht.“ Während Lebu das Konzept des sozial verträglichen Township-Tourismus erklärt, hat der 21-jährige Tshepo Matsile ein halbes Dutzend Fahrräder bereitgestellt – denn um in Kontakt mit den Township-Bewohnern zu kommen, bringt es nichts, im klimatisierten Minibus durch die Straßen zu fahren.

Auf Tuchfühlung: Reisenden aller Hautfarben schlägt in Soweto Offenheit und Neugierde entgegen.
Auf Tuchfühlung: Reisenden aller Hautfarben schlägt in Soweto Offenheit und Neugierde entgegen.
Soweto, das macht Tshepos Einführung deutlich, ist nicht zu verstehen ohne Johannesburg. Die heutige Millionenmetropole hat sich vom Jahr 1884 an fast aus dem Nichts heraus entwickelt. Der Grund dafür: Gold. Prospektoren hatten eine große Goldader ausfindig gemacht. Seitdem wuchs die Stadt explosionsartig, und weil die Infrastruktur dabei nicht mithielt, wurden im Jahr 1904 rund 2 000 Schwarze und Inder in das Gebiet südwestlich der Stadt umgesiedelt. „Hier war nur flaches Land, die Besiedlung war nur als Provisorium gedacht, die Menschen sollten so lange hier bleiben, bis die Regierung direkt in Johannesburg genügend Häuser gebaut hat“, erläutert Tshepos. Doch es kam anders – die Siedler blieben, und täglich kamen mehr Menschen hinzu. Viele bauten sich im Garten anderer Leute eine einfache Blechhütte. „Solche einfachen Hütten, wir nennen sie Shacks, gibt es auch heute noch. Dafür bezahlt man meist zwischen 150 und 200 Rand Pacht, dazu kommen noch die Kosten für Strom und Wasser“, berichtet Tshepo.

Als die Goldminen in Johannesburg, von denen heute mehr als 200 gewaltige Abraumhalden geblieben sind, mehr und mehr Arbeitskräfte brauchten, holte man Männer vom Land und brachte sie in Wohnsiedlungen unter. „In und um Soweto hatten wir insgesamt elf solcher ,Hostels’, zehn davon waren für Männer, die in den Minen arbeiteten, das elfte Hostel war für Frauen, die als Dienstmädchen im Raum Johannesburg arbeiteten“, erklärt Tshepo. „Die Regierung wollte die Menschen kontrollieren, deshalb durften nur Einzelpersonen hier wohnen, keine Familien. Das Hostel, das wir während der Fahrradtour besuchen werden, hatte den Namen „Weißer Elefant“, denn während der Apartheid war es den Leuten nicht erlaubt, ihre Häuser bunt zu streichen. Tshepo führt seine Gäste nicht nur in eines der Hostels, die inzwischen zu einer normalen Mietsiedlung umfunktioniert wurden, sondern auch in einen Shebeen – eine halb offizielle einfache Kneipe in einer Wellblechhütte, in der vor allem selbst gebrautes Bier ausgeschenkt wird. Die weißhäutigen Radfahrer werden dort zuerst etwas beäugt, dann stellen einige der Einheimischen bedächtig ein paar Fragen. „Wie viel kostet es eigentlich, sich in Deutschland ein Gebiss machen zu lassen“, will ein etwa 50-jähriger Mann wissen, der nur noch wenige Zahnstummel im Mund hat, „hier in Südafrika kann man sich das nämlich kaum leisten.“

Shebeens, so erfahren wir am Abend von Themby Nyandeni, einer Schauspielerin, Theatermanagerin und Choreografin, die in Soweto aufgewachsen ist, waren in der Zeit der Apartheid ein wichtiger Ort, um schwarze Identität zu pflegen, um politische Pläne zu schmieden, aber auch, um das Leben trotz Apartheid und Diskriminierung zu genießen. „Wir durften als Schwarze das Haus ohne ID-Karte offiziell nicht verlassen. Wenn die Polizei abends Licht im Haus gesehen hat, dann hat sie uns Schwierigkeiten gemacht. Aber das hat uns nicht davon abgehalten, zu leben. Die Musik hat uns während der Apartheid am Leben gehalten, wir haben uns unsere eigenen Plätze geschaffen, wo wir unsere Freunde treffen konnten“, berichtet Themby Nyandeni. Ihr Erfolgsmusical „Umoja – the spirit of togetherness“ wird im Johannesburger Victory Theatre seit knapp zehn Jahren Abend für Abend von jungen Nachwuchstalenten aufgeführt.

„Bafana, Bafana“: Das südafrikanische Team wird im FNB-Stadion in Johannesburg die Fußballweltmeisterschaft 2010 eröffnen. Foto: mauritius images
„Bafana, Bafana“: Das südafrikanische Team wird im FNB-Stadion in Johannesburg die Fußballweltmeisterschaft 2010 eröffnen. Foto: mauritius images
Gut 15 Jahre ist es nur her, seit die Apartheid überwunden ist. Die Fußballweltmeisterschaft 2010, deren Eröffnungs- und Endspiel im FNB-Stadion in Johannesburg durchgeführt wird, nur wenige Kilometer von Soweto entfernt, ist für die Schwarzen im Land auch ein Zeichen dafür, dass ihre politische Diskriminierung endgültig vorbei ist – denn Fußball, das war in Südafrika traditionell der Sport der Schwarzen, während sich die weiße, zum Teil britisch geprägte Oberschicht für das Rugbyspiel begeisterte. Im kommenden Jahr nun jubeln Schwarze, Indischstämmige und Weiße gemeinsam für „Bafana Bafana“, das in grün-gelben Trikots spielende südafrikanische Team. Der 33-jährige Lebu wird von der WM auch ganz praktisch profitieren: Weil die Betten in seiner Backpacker-Unterkunft in Soweto während der Spiele nie und nimmer ausreichen werden, will er zusätzlich Campingmöglichkeiten anbieten. Rainer Heubeck

Informationen
Auskünfte: Deutschsprachige Informationen zu Südafrika sind erhältlich im Internet unter www.southafrica.net und www.dein-suedafrika.de sowie unter der kostenfreien Service-Nummer 08 00/1 18 91 18. Aktuelle Reiseangebote deutscher Veranstalter: www.tierischsuedafrika.de.
Aktivitäten: Fußball-WM: Das Eröffnungs- und das Endspiel der WM 2010 (11. Juni bis 11. Juli 2010) werden im FNB-Stadion in Johannesburg durchgeführt. Infos zur WM unter http://de.fifa.com/worldcup/index.html. In Deutschland können Tickets und Pauschalreisen, die Spielbesuche beinhalten, unter anderem bei Dertour gebucht werden. Weitere Informationen per E-Mail: WM2010@dertour.de.
Fahrradtouren durch Soweto organisiert Soweto Bicycle Tours, www.sowetobicycletours.com.
Reiseliteratur: Klaus-Peter Hausberg: „Mythos Südafrika“, J. P. Bachem Verlag.
Unterkünfte: Johannesburg: The Peech, www.thepeech.co.za.
Lebo’s Soweto Backpackers, 1 08223 A Pooe Street, Orlando West, www.sowetobackpackers.com.
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