ArchivDÄ-TitelSupplement: ReisemagazinSUPPLEMENT: Reisemagazin 3/2009Istanbul: Zwischen Emanzipation und Pascha-Kult

SUPPLEMENT: Reisemagazin

Istanbul: Zwischen Emanzipation und Pascha-Kult

Heubeck, Rainer

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LNSLNS Die Bosporus-Metropole ist europäische Kulturhauptstadt im Jahr 2010.

Ein Mann mit Schnurrbart, der eine mit einem Tschador bekleidete Frau an einem Seil hält, die circa drei Meter hinter ihm steht. Eine Frau mit Umhang und Kopftuch, die mit einer eisernen Kette an ein Wagenrad gefesselt ist, das zu einem mit türkischen Fahnen geschmückten Gefährt gehört; eine Astronautin in einer Raumkapsel, verhüllt von einer Burka, die nur einen Sehschlitz für die Augen freilässt. Drei Werke der Istanbuler Künstlerin Ýnci Furni, die im November 2009 auf der Biennale in Istanbul ausgestellt waren. Einer Kunstausstellung, die in diesem Jahr bereits zum elften Mal stattfand, und die zeigt, dass Istanbul, was Kunst, Kultur und geistige Auseinandersetzung betrifft, keineswegs eine in orientalischen Träumen versunkene Stadt ist.

Keineswegs in orientalische Träume versunken: Inci Furni setzt sich in ihren Bildern kritisch mit der Rolle der Frau auseinander.
Keineswegs in orientalische Träume versunken: Inci Furni setzt sich in ihren Bildern kritisch mit der Rolle der Frau auseinander.
Die Biennale 2009, deren Motto „Wovon lebt der Mensch?“ Brechts Dreigroschenoper entnommen wurde, präsentierte sich ausgesprochen politisch. In Bildern, Installationen, Videopräsentationen und einer permanenten szenischen Aufführung unter dem Motto „Unemployed Employees“ setzten sich Künstlerinnen und Künstler mit Kapitalismus, Demokratie, Geschlechterrollen, Minderheiten, Armut, Ausbeutung und Widerstand auseinander. Die Rolle der Frauen in der türkischen Gesellschaft war in der Ausstel-lung, an der sich rund 70 Künstler aus 40 Ländern mit insgesamt 120 verschiedenen Projekten beteiligten, ein Dauerthema. Provozierend war der „Turkish Report 09“, konzipiert von der kroatischen Künstlerin Sanja Ivekovic. Sie hatte das Projekt gemeinsam mit der Istanbuler Organisation Mor Cati ausgearbeitet, die ein Frauenhaus für Opfer häuslicher Gewalt betreibt. Den Schicksalen der Mor-Cati-Frauen stellte Sanja Ivekovic Berichte über die Situation der Frauenrechte in der Türkei gegenüber. Um zu zeigen, dass die proklamierten Rechte oft nicht das Papier wert sind, auf dem sie gedruckt sind, schrieb Ivekovic Zitate aus Frauenrechtsberichten auf rote Papiertücher, die sie anschließend zerknüllte und auf dem Fußboden der Ausstellungshalle Antrepo Nr. 3 verteilte.

Zwischen Tradition und Moderne: Vor fünf Jahren öffnete das Museum für Moderne Kunst seine Pforten. Fotos: Rainer Heubeck
Zwischen Tradition und Moderne: Vor fünf Jahren öffnete das Museum für Moderne Kunst seine Pforten. Fotos: Rainer Heubeck
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Antrepo Nr. 3, ein ehemaliges Lagerhaus, befindet sich in unmittelbarer Nachbarschaft von Istanbul Modern, einem für die Türkei einzigartigen Museum für Moderne Kunst, das kürzlich sein fünfjähriges Bestehen feierte und das in seiner Dauerausstellung junge, einheimische Künstler vorstellt. Dabei werden nicht nur – zum Teil überlebensgroße – Gemälde präsentiert, auch Skulpturen, Objekte und Videoinstallationen vermitteln einen Zugang zur türkischen Kunstszene.

„Die inspirierendste Stadt der Welt“ – so wirbt Istanbul in dem Jahr, in dem die Stadt – neben dem Ruhrgebiet und der südungarischen Stadt Pecs – als europäische Kulturhauptstadt im Scheinwerferlicht steht. Mobile Kunst, die den Menschen in den Vororten den Zugang zu künstlerischen Arbeiten ermöglicht, steht für 2010 ebenso auf der Agenda wie ein Austauschprogramm, bei dem international renommierte Künstler mit jungen türkischen Kunstschaffenden zusammenarbeiten. Aber auch ein Barbarossa-Ballett und ein U 2-Konzert findet man in dem Kulturhauptstadtprogramm, für das mehr als 2 000 Projektvorschläge eingegangen waren.

Istanbul will sich als Brücke zwischen Orient und Okzident präsentieren, als Bindeglied zwischen Europa und Asien. Trotz aller Modernität hat die 15-Millionen-Metropole am Bosporus auch ihre historischen Kunstschätze für das Jahr 2010 fein gemacht – etwa die Hagia Irene, die Irenenkirche, die Kaiser Konstantin im 4. Jahrhundert als erste Kirche im damaligen Konstantinopel hat bauen lassen. Die Kirche, die durch Feuer und Erdbeben mehrmals zerstört wurde und deren jetzige Form aus dem 8. Jahrhundert stammt, steht im ersten Hof des Topkapi-Palastes, dem legendären Sultanspalast, in dem die osmanischen Herrscher residierten – mitsamt weißer und schwarzer Eunuchen, rund 600 Köchen und 2 000 Haremsdamen.

Nicht weit vom Topkapi-Palast entfernt, dessen Küchentrakt für das Kulturhauptstadtjahr restauriert wurde, befindet sich eine weitere Sehenswürdigkeit: Die Hagia Sophia, eine der ältesten Monumentalkirchen der Welt. Das 55 Meter hohe Gebäude wurde von 532 bis 537 nach Christus innerhalb von nur fünf Jahren nach mathematisch-logischen Gesichtspunkten errichtet. Es diente als Krönungskirche für die byzantinischen Kaiser. Nach dem Sieg des Islam im Jahr 1453 wurde es jedoch umfunktioniert: Glocken, Ikonen und Kreuze waren passé, stattdessen ließen die neuen Herrscher vier Minarette errichten. Heute ist die Hagia Sophia ein Museum – das jedoch, da fast alle Bilder übertüncht oder durch Schilder verdeckt wurden, eher an die Zeit der muslimischen Nutzung erinnert als an ihre ursprüngliche Funktion als Kirche.

Zehn Minuten Fußweg von der Hagia Sophia entfernt befindet sich die heutige Hauptmoschee Istanbuls, die Sultan-Ahmed-Moschee. In ihrem Inneren findet man kunstvolle blaue Ornamente, weswegen sie auch die „Blaue Moschee“ genannt wird. „Früher kamen zum Freitagsgebet zwischen 2 500 und 3 000 Menschen hierher, da war die Moschee voll. Heute versammeln sich hier freitags vielleicht noch 150 bis 200 Gläubige“, berichtet Oktay Özserbetci, ein leitender Mitarbeiter der türkischen Incoming-Agentur Gemini Tourism. Oktay Özserbetci ist stolz darauf, dass Frauen diese Moschee auch ohne Kopftuch betreten können. Ohnehin, so versichert er, sei Istanbul eine liberale Stadt – das Tragen von Kopftüchern in öffentlichen Gebäuden und Universitäten sei bereits seit Atatürks Zeiten verboten.

Die Blaue Moschee mit ihren legendären sechs Minaretten, die Hagia Sophia, der Topkapi-Palast, aber auch der Große Basar und der Gewürzbasar werden im Jahr 2010 wohl kaum von einem Istanbul-Erstbesucher ausgelassen. Dazu gesellen sich im Lauf des Kulturhauptstadt-Jahres auch neue Attraktionen – beispielsweise ein Museum, das die Inseln im Istanbuler Stadtgebiet vorstellt und ein „Museum der Unschuld“, das aufgrund einer Anregung des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk eingerichtet wird und das Mitte 2010 eröffnet werden soll.

Ein weiteres Event plant der Istanbuler Künstler Ismail Acar. Er will das Äußere des Haydarpaþa-Bahnhofs mit Bildern orientalischer Paschas dekorieren. Der Bahnhof, der von deutschen Architekten geplant und im Jahr 1908 fertiggestellt wurde, war der Startpunkt der legendären Bagdadbahn. Ismail Acar, der im lebhaften Beyoðlu-Viertel am nördlichen Ufer des Goldenen Horns wohnt, malt mit Vorliebe Paschas. Bärtige Männer mit Haaren auf der Brust und mit Narben am Arm – und nicht, wie Ýnci Furni, an der Kette gehaltene, unterdrückte Frauenfiguren. Acar sieht viele der Veränderungen im modernen Istanbul kritisch. „Istanbul ist eine sehr alte Stadt, sie war Hauptstadt mehrerer Imperien. Doch nun wird in Istanbul in kurzer Zeit sehr viel Kapital investiert, es werden moderne Hochhäuser gebaut, die genauso gut in Dubai oder Hongkong stehen könnten. Meiner Meinung nach gefährdet das den Charakter der Stadt“, bedauert er, bevor er auf den Balkon seines Ateliers tritt und dort auf das Goldene Horn blickt und die Rufe der Muezzin hört, die in den Istanbuler Abendstunden vielstimmig erschallen. Rainer Heubeck

Informationen
Auskünfte: Generalkonsulat der Republik Türkei, Basler Straße 37, 60329 Frankfurt, Telefon: 0 69/23 30 81-82, E-Mail: info@reiseland-tuerkei-info.de. Fremdenverkehrsbüro Regionaldirektion Süleyman, Telefon: 0 09 02 12/25 87 76 60. Im Internet: http://english.istanbul.gov.tr, über das Programm des Kulturhauptstadt-Jahres informiert die Website www.istanbul2010.org.
Übernachtungsmöglichkeiten in allen Kategorien befinden sich im Internet unter: www.istan bulhotels.com.
Moderne Kunst in Istanbul: Istanbul Modern, Meclis-i Mebusan Caddesi, Antrepo Nr. 4, 34433 Karaköy, Telefon: 0 09 02 12/3 34 73 00, www.istanbulmodern.org. Geöffnet Dienstag bis Sonntag ab 10 Uhr, Eintritt sieben Türkische Lira, dienstags kostenfrei.

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