SUPPLEMENT: Reisemagazin

London für die gute Musik: 999 Jahre zuhören

Diers, Knut

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Foto: iStockphoto
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Von Rock bis Klassik, von Mandela bis zur Queen: Die Royal Albert Hall hat schon viel gehört und erlebt. Ein Blick hinter die Kulissen des legendären Konzerthauses

Wo gibt es das sonst auf der Welt? Der Konzertfan kauft sich einen Sitz und kann ihn 999 Jahre lang nutzen. „Er kann kommen, wann er möchte, sich anhören, was er will“, sagt Jane, „hier läuft ja von Rock, Pop bis Klassik, Ballett und Tennis alles.“ Sie führt eine kleine Besuchergruppe durch die Royal Albert Hall an den Kensington Gardens in London. Eine ältere Dame wird skeptisch bei dieser Zeitspanne und fragt: „Lässt sich der Sitz denn vererben?“ Jane nickt.

Für 100 britische Pfund war so ein Sitz im Jahr 1871 zu haben. Damals wurde die Konzerthalle in Form einer Rotunde mit 210 Metern Umfang und miserabler Akustik eröffnet. Das Geld war knapp, denn Königin Victoria hatte den dafür vorgesehenen Etat und die paar Spenden zunächst für einen überlebensgroßen Nachbau ihres 1861 gestorbenen Mannes ausgegeben. Prinz Albert von Sachsen-Coburg und Gotha sitzt nun als Denkmal in Gold unter einem 58 Meter hohen Baldachin, blättert im Katalog der Weltausstellung von 1851, die seine Idee war, und blickt hinüber zur Konzerthalle gegenüber, die seinen Namen trägt. „Was kostet denn so ein Sitz heute?“, fragt die alte Dame, der die Sache keine Ruhe lässt und die nach einem Geschenk für ihren Enkel sucht. Jane holt ihr Telefon aus der Gesäßtasche, spricht mit der Geschäftsleitung und antwortet dann: „Es wurden damals nur 1 300 Plätze verkauft, die übrigen knapp 4 000 Sitze werden nicht mehr abgegeben, aber wie ich höre, hat gerade letzte Woche jemand einem Herrn den Sitz abgekauft – für 48 000 Euro.“ Ein Murmeln beginnt, aus dem Wortfetzen wie „gute Geldanlage“ herausdringen. Der Stuhlinhaber kann jederzeit seinen Platz selbst nutzen. Wenn er aber vielleicht nur auf „Romeo und Julia“ steht und gerade die Rockband „Oasis“ die heilige Halle beschallt, gibt er das Sitzrecht für diese Aufführung an einen Freund weiter oder in den freien Verkauf. Die Tickets kosten zwischen 15 und 100 Euro, je nachdem, wer auftritt.

Erlebt haben die Zuhörer in den vergangenen 138 Jahren allerhand: Boxkämpfe, Basketball, Interviews mit J. K. Rowling, der Autorin von Harry Potter, Eric Clapton oder The Who. James Last gilt als König der illustren Starrunde: Er kam mit seiner Band 85-mal ins Oval mit den rot gepolsterten Sitzen. Für Pink Floyd war dagegen nach dem ersten Auftritt 1968 für immer Schluss: Als sie „A saucerful of secrets“ trällerten, zündeten sie zwei Böllerschüsse, was zum Hausverbot führte.

„Hier läuft ja von Rock, Pop bis Klassik, Ballett und Tennis alles“: Die Royal Albert Hall wurde im Jahr 1871 eröffnet, damals mit miserabler Akustik.
„Hier läuft ja von Rock, Pop bis Klassik, Ballett und Tennis alles“: Die Royal Albert Hall wurde im Jahr 1871 eröffnet, damals mit miserabler Akustik.
Mit der Akustik gab es schon seit der ersten Veranstaltung Probleme. Jane erläutert anschaulich, wie die Kuppel damals in Manchester gebaut und mit Pferden in einer fünfwöchigen Reise nach London kutschiert wurde. „Es war dieses verdammte Echo in der Halle“, erläutert sie. Erst 1949 wurde dieses mithilfe von Alublechen unter der Decke gemildert. „Was aber allein bis dahin an schrägen Tönen auf die Zuhörer niederging, ist kolossal“, gibt Jane zu. Wer heute unter die Decke blickt, sieht dort riesige Eier schweben. Von weiter oben erkennt man dann, dass es ovale Teller unterschiedlicher Größe sind. „Die zerstören das Echo“, sagt Jane, „sie wurden aber erst 1969 angebaut.“ 2004 wurde die Royal Albert Hall sogar um fünf Stockwerke erweitert – nach unten. Jane erzählt von moderner Bühnentechnik, Anlieferung per Lastwagen und so weiter. Doch das Schmuckstück ist weiterhin die bei der Eröffnung größte Orgel der Welt. Sie hat 9 999 Pfeifen.

„Sie kommt zwei- oder dreimal im Jahr“: die Queen. Fotos: dpa
„Sie kommt zwei- oder dreimal im Jahr“: die Queen.
Fotos: dpa
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Nicht die im Haus offenbar beliebte Nummer 9, sondern die 27 und 28 sind die Zahlen für die Queen. Sie schmücken ihre Doppelloge, die leicht an einer kleinen Krone darüber zu erkennen ist. „Hat die auch nur diese einfachen Stühle?“, fragt diesmal ein Herr aus der Gruppe. „Sie kommt zwei- oder dreimal im Jahr, dann stellen wir bessere hin“, meint Jane. 20 Stühle passen hinein. 1996 war die Königin mit Nelson Mandela da. Der hat zu mitreißenden Klängen aus seiner Heimat sogar getanzt. „Das ist nicht üblich in der Royal Albert Hall“, sagt Jane. „Aber die Queen soll dann im Takt etwas ihre Hüften bewegt haben – aus Sympathie für den südafrikanischen Friedensnobelpreisträger.“

Jane öffnet der Reisegruppe dann sogar etwas, was als Schatzkästlein gilt. „Den Royal Retiringroom betritt die Queen vor der Aufführung und in der Pause zum Tee“, beschreibt Jane die Funktion des antik tapezierten Zimmers mit den Porträts von Königin Victoria und ihrem Gemahl Prinz Albert. Die Queen nutzt ihr eigenes Treppenhaus, ihre eigene Toilette und ihren eigenen Eingang. „So edel ist das hier nicht und gemütlich schon gar nicht“, flüstert ein Herr aus der Gruppe. Aber Jane ist schon weitergegangen. Sie erwähnt noch die immense Zahl von 120 000 Mahlzeiten, die hier jährlich in den Pausen serviert werden, von den 20 000 Lampen und 1,2 Millionen verkauften Tickets im Jahr. Jane hat die „Bühne für die ganze Welt“ gezeigt und erläutert, als wäre es ihr persönlicher Kleiderschrank. Die Gruppe aber grast schon im Souvenirladen. Die alte Dame kauft einen Taktstock mit dem Aufdruck „Royal Albert Hall“: „Das ist doch besser für meinen Enkel als so ein Sitz.“ Knut Diers

Informationen
Angebot: Der Reiseveranstalter Studiosus bietet in seiner Rubrik Kultimer Reisen mit kulturellem Rahmenprogramm in verschiedene europäische Städte an. Studiosus, Postfach 50 06 09, 80976 München, E-Mail: tours@studiosus.com, Telefon: 0 89/5 00 60-0, www.studiosus.com/kultimer.
Lesen: HB-Bildatlas „London“.
Auskunft: www.visitlondon.com, www.visitbritain.de.

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