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Nordperu: Im Zentrum vergangener Macht

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LNSLNS Wer kennt schon Caral? Ein Ritt durch die Wüste führt zur ältesten Zivilisation Amerikas.

„Am Ende musste die Geschichte neu geschrieben werden“: Caral entstand vor rund 4 600 Jahren. Foto: dpa
„Am Ende musste die Geschichte neu geschrieben werden“: Caral entstand vor rund 4 600 Jahren. Foto: dpa
Alfredo Anduaga wartet schon ungeduldig auf seiner Hazienda Fundo El Olivar. Ein Ritt durch die Wüste steht auf dem Programm – hin zu den Ruinen der ältesten Zivilisation des amerikanischen Kontinents, nach Caral. Er ist stolz auf seine Caballos a Paso Peruano, jene peruanischen Pferde, die tölten. „Sie laufen mit den Vorderbeinen eher seitlich“, erklärt der 59-jährige Fincabesitzer das Phänomen des Töltens. „Eine Art nach außen schwingende Bewegung.“ Er besitzt 45 dieser stolzen Vierbeiner, deren Gang so einzigartig sanft und weich ist, dass sie sich bestens für entspannte Ausritte eignen. Sie gelten als „Rolls Royce unter den Gangpferden“, meint Alfredo Anduaga über seine Pasos, deren Vorfahren im 16. Jahrhundert von den Spaniern nach Peru gebracht wurden.

Ritt durch die gleißende Sonne: Der camino a caral führt zehn Kilometer durch die Wüste zur Ruinenstadt. Foto: Markus Howest
Ritt durch die gleißende Sonne: Der camino a caral führt zehn Kilometer durch die Wüste zur Ruinenstadt. Foto: Markus Howest
Die temperamentvollen Pferde sind gesattelt und bereit für den Ritt durch die gleißende Sonne, über den „milenario camino a caral“, einen 5 000 Jahre alten Pfad, den „ältesten der Welt“, wie Alfredo ankündigt. Der Weg habe damals Küste und Hochland mit-einander verbunden, auch die Bewohner des Küstenortes Bandurria y Vichama nutzten ihn, um ihre Fische und Meeresfrüchte nach Caral zu bringen. Früher wie heute führt der camino zehn Kilometer lang durch eine wüstenähnliche karge Sand- und Dünenlandschaft. Archäologe Iván Ghezzi vom Instituto de Investigaciones Arqueológicas in Lima reitet voraus. Mal im Gang, mal im Trab führt der Ritt über Hügel, Dünen und Täler. Nichts als Sand, wohin man blickt, für die Pasos Schwerstarbeit, die Reiter trägt die Vorfreude auf das Ziel. Am Wegesrand gedeihen Achupallas. Sie leben ausschließlich vom Morgentau, erklärt Alfredo Anduaga und wiegt das zähe Gewächs in seinen Händen.

Nach gut drei Stunden im Sattel führt ein schmaler Pfad eine Anhöhe hinauf. Auf dem Gipfel angekommen breitet sich das fruchtbare Tal des Rio Supe wie eine Oase aus. Der Blick sucht nach Pyramiden, doch von hier sind es noch einige Kilometer bis zu den archäologischen Stätten einer der frühesten Zivilisationen der Welt. Steil mühen sich die Pasos die Anhöhe hinab, ihre Hufen finden auf dem steinigen Geröll nur schwer festen Halt. „Amerikanische Archäologen fanden hier im Jahr 2001 Knochen, Trompeten aus Muscheln und Flöten aus Pelikanknochen“, erzählt Iván auf dem Ritt entlang des Flusses, 182 Kilometer nördlich der Hauptstadt Lima gelegen. Die Radiokarbon-Methode habe eine exakte Altersbestimmung der organischen Materialien ermöglicht. „Am Ende musste die Geschichte neu geschrieben werden.“ Bis dato habe das 3 000 Jahre alte Chavon de Huántar nahe der Stadt Húaraz in den nördlichen Anden Perus als älteste Zivilisation Amerikas gegolten. Seither sei klar: Vor circa 4 600 Jahren bauten Menschen auf einer Fläche von etwa 66 Hektar, umrahmt von den Ausläufern der südlichen Cordillera Negra, eine Hauptstadt als Zentrum von 20 umliegenden Städten und Siedlungen.

Das Tal des Rio Supe geht in ein weites Plateau über. Überall sind freigelegte Bauwerke erkennbar – Stufenpyramiden, Grundmauern von Tempeln und Palästen sowie ein Amphitheater. Sofort fällt die sogenannte Große Pyramide mit 160 Meter Länge, 150 Meter Breite und 18 Meter Höhe ins Auge. „Sie ist das Zentrum vergangener Macht“, bestätigt Archäologe Iván. „Die Gebäude dienten zeremoniellen Zwecken und repräsentierten die Herrschaftsklasse“, gibt der Fachmann weitere Einblicke. Man staunt, ist überwältigt und kann es kaum glauben. Unaufhörlich arbeitet die Fantasie – still, einsam und entrückt wirkt die Szenerie. Haben hier die Menschen bei religiösen Anlässen vor den riesigen Tempeln gestanden und ehrfürchtig einem Herrscher gehuldigt? Wie waren sie organisiert? Trieben sie Handel? „Das Amphitheater zeugt vom kulturell hohen Entwicklungsstand der Menschen von Caral“, klärt Iván auf. Ihre kulturelle Entwicklungsstufe sei denen anderer Kulturen auf dem amerikanischen Kontinent um 1 500 Jahre voraus gewesen. Sie hätten damit ein ähnliches Niveau wie die damaligen Gesellschaften in Mesopotamien, Ägypten, Indien und China erreicht. Doch im Unterschied zu diesen sei kein Kontakt zu anderen Hochzivilisationen nachgewiesen. Die Bauwerke und ihre präzise Planung sowie das Netz von Bewässerungskanälen, betont Archäologe Iván, zeugten „von einer gut organisierten Gesellschaft, die von zielstrebigen Regenten geleitet wurde“.

Ein Weg verbindet alle bisher freigelegten Monumente und erklärt auf Tafeln deren Bedeutung. Für jeden Touristen eine Führung durch die Geschichte der Menschheit. Die Besucher stammen zu 90 Prozent aus Peru, weiß der leidenschaftliche Archäologe – die internationale Touristenresonanz sei bisher noch zurückhaltend. „Das kann sich bald ändern“, meint Alfredo Anduaga. Anfang Juli des Jahres erst sei die Heilige Stadt von Caral zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt worden. Und es sei das erste Projekt in Peru, bei dem die archäologische Forschung mit der einheimischen Bevölkerung und dem Tourismus zusammenarbeite. „Die Archäologen stellen die Bauern der Region nicht nur als Hilfskräfte ein“, freut sich der Pferdenarr. „Sie schaffen langfristige Arbeitsplätze als Touristenführer, Aufsichtspersonal, Handwerker oder Verkäufer.“ Und davon profitiert auch Alfredo Anduaga mit seinen Ausritten auf Pasos Peruanos zu den Pyramiden. Markus Howest

Informationen:
Internet: www.peru.info.
Ausritte mit Alfredo Anduaga,
Internet: www.acaralacaballo.com.
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