ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2009Proteste von Medizinstudierenden: Altbekannte Knackpunkte

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Proteste von Medizinstudierenden: Altbekannte Knackpunkte

Dtsch Arztebl 2009; 106(49): A-2433 / B-2093 / C-2033

Hibbeler, Birgit

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Dr. med. Birgit Hibbeler Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Dr. med. Birgit Hibbeler Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
Die Proteste an den deutschen Universitäten reißen nicht ab. Die Bachelor- und Masterabschlüsse, Studiengebühren und die Lernbedingungen an den Hochschulen treiben die Studierenden auf die Straße. Mediziner stehen zwar an den meisten Standorten nicht unbedingt an der Spitze der Bewegung – immerhin sind sie vom Reizthema Bologna-Prozess bislang verschont geblieben. Doch viele angehende Ärztinnen und Ärzte beteiligen sich trotzdem an den Aktionen und Demos. Außerdem nutzen sie den bundesweiten Bildungsstreik, um auf spezielle Probleme an den medizinischen Fakultäten aufmerksam zu machen, die ihnen schon seit Langem auf den Nägeln brennen.

So haben Medizinstudenten in Berlin kurzerhand die Bibliothek im Bettenhaus der Charité besetzt. Ihre Kritik richtet sich gegen die Sparpolitik des Landes Berlin, die aus ihrer Sicht zu einer chronischen Unterfinanzierung der Charité geführt hat. Die Studentinnen und Studenten wollen mit der Besetzung nun eine bessere Ausstattung und längere Öffnungszeiten der Bibliothek erreichen. Auch die Ziele der Kölner „Hochschulgruppe der kritischen Medizinstudierenden“ kann man nur unterstützen. In einem Positionspapier plädieren sie für eine bessere Betreuungsrelation in der studentischen Ausbildung. Eine weitere Forderung: Die Zeit, die Klinikärzte für die Lehre einsetzen, muss in den Dienstplänen berücksichtigt werden.

Rund 1 000 Medizinstudenten machten unterdessen bereits am 19. November in Mainz ihrem Ärger Luft. Der Hintergrund: Die Lehrkrankenhäuser in Rheinland-Pfalz hatten beschlossen, dass es in dem Bundesland grundsätzlich keine Vergütung im praktischen Jahr (PJ) geben soll, sondern lediglich auf 250 Euro im Monat begrenzte Sachleistungen, also beispielsweise Kantinenessen. Unterstützung für die Protestaktion kam vom Marburger Bund (MB) sowie vom Hartmannbund. „PJler dürfen nicht als kostenlose Arbeitskräfte in den Kliniken angesehen und ausgenutzt werden“, forderte der 1. Vorsitzende des MB, Rudolf Henke, in einer Erklärung.

Die Kritik an den Bedingungen im PJ ist nicht neu. Erst vor wenigen Monaten haben die Bundesvertretung der Medizinstudierenden in Deutschland und der MB gemeinsam eine PJ-Kampagne gestartet. Ihre Forderung: Die Studierenden sollen nicht mehr einer Klinik zugewiesen werden, sondern sich aussuchen können, wo sie ihr PJ absolvieren. Bei einer solchen Abstimmung mit den Füßen wären die Krankenhäuser im Vorteil, die für eine strukturierte und gute Ausbildung bekannt sind. So etwas spricht sich herum. Es geht also nicht nur um Geld, sondern um eine gute Lehre. Es geht um Motivation – und vor allem Wertschätzung.

Das ist eigentlich alles ein alter Hut. Und nun bleiben genau zwei Möglichkeiten: Entweder man geht die Probleme endlich an und begegnet dem ärztlichen Nachwuchs – inklusive den Weiterbildungsassistenten – mit Respekt. Oder man lässt es und schreckt den Nachwuchs weiter ab. Dann würde man aber auch weiterhin dabei zusehen, wie immer mehr Medizinabsolventen in andere Berufsfelder abwandern. Und damit nicht genug: Circa 3 000 Ärzte sind im vergangenen Jahr ins Ausland aufgebrochen, um dort ihr Glück zu suchen. Wie lange will es sich die „Bildungsrepublik Deutschland“ noch leisten, so viele hoch qualifizierte Leute zu verlieren?

Dr. med. Birgit Hibbeler
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik
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