ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2009Qualitätssicherung: Neue Hinsichten und Absichten

POLITIK

Qualitätssicherung: Neue Hinsichten und Absichten

Dtsch Arztebl 2009; 106(49): A-2448 / B-2104 / C-2044

Gerst, Thomas

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LNSLNS Während es in der sektorenübergreifenden Qualitätssicherung noch bei der Koppelung von Bundes- und Landesebene hakt, basteln andere schon an einer Neuausrichtung des Qualitätsbegriffs.

Qualitätsmanagement, Qualitätsberichte, Ansätze von Pay for Performance, Patientensicherheit – „vieles ist in den vergangenen Jahren in Sachen Qualitätssicherung geleistet worden“, konstatierte Prof. Dr. med. Matthias Schrappe, wissenschaftlicher Leiter des 3. Nationalen Qualitätskongresses Gesundheit, am 26. November in Berlin. Positiv zu vermelden sei, dass die evidenzbasierte Medizin inzwischen allgemein akzeptiert werde, ebenso wie die auf dieser Grundlage erarbeiteten Leitlinien. Zu begrüßen sei auch die Absichtserklärung der neuen Regierungskoalition, die Versorgungsforschung weiter auszubauen. Aber trotzdem liege noch einiges im Argen, beklagte Schrappe.

Vor allem die sektoralen Begrenzungen sorgten für frustrierte Ärzte und für Patienten, die sich im System nicht mehr zurechtfänden. So habe zum Beispiel die DRG-Umsetzung zu kürzeren Verweildauern im Krankenhaus und zum Verschieben von Komplikationen in den ambulanten Bereich geführt. Aktuell lassen Schrappe die Hausarztverträge neue Sektorenegoismen befüchten. Dringend notwendig sei es dagegen, eine transsektorale Perspektive in der Qualitätssicherung einzunehmen. Denn gerade die demografische Entwicklung erfordere eine Abkehr von der jeweils sektoralen Optimierung. „Wir brauchen regionale Versorgungsstrukturen mit Populationsbezug“, fordert Schrappe. Wer behandelt eine bestimmte Bevölkerungsgruppe am besten, müsse die Frage lauten, und dafür bedürfe es des populationsbezogenen Qualitätsbegriffs. Auch die Bundes­ärzte­kammer (BÄK) plädiert für den Erhalt und den Ausbau regionaler Gestaltungsmöglichkeiten. Regionale Strukturdefizite könnten nicht zentralistisch gelöst werden, betonte die stellvertretende BÄK-Hauptgeschäftsführerin, Dr. med. Regina Klakow-Franck. Und auch der freie Markt könne es nicht richten. Man müsse zu einer Definition regionaler Gesundheitsziele kommen.

Die Koppelung von Landes- und Bundesebene erweist sich derzeit auch als eines der großen Probleme bei der Umsetzung der sektorenübergreifenden Qualitätssicherung durch den Gemeinsamen Bundes­aus­schuss (G-BA). Hier hat die gemeinsame Selbstverwaltung nach langer Diskussion noch zu keiner abschließenden Lösung gefunden. Nur einige konsentierte Eckpunkte hätten formuliert werden können, stellte der Vorsitzende des G-BA, Dr. Rainer Hess, fest. Außer bei einigen seltenen Erkrankungen werde die Zuständigkeit der Länderebene erhalten bleiben, „wobei wir eine Ärztekammer mit Stimmrecht aber nicht verkraften können; wir brauchen dort die gleichen Grundstrukturen wie auf Bundesebene“. Denn die zu bildenden Landesarbeitsgemeinschaften seien dem G-BA verantwortlich für die Umsetzung der Richtlinien zur sektorenübergreifenden Qualitätssicherung. Im G-BA ist die Bundes­ärzte­kammer nicht als stimmberechtigtes Mitglied vertreten. Für Hess ist es auch unabdingbar, dass alle selektiven Verträge mit in die sektorenübergreifende Qualitätssicherung (SQS) einbezogen werden. „Denn sonst können Sie das Ganze vergessen.“

Umstritten sei derzeit aber insbesondere die Entscheidung darüber, ob künftig die Datenauswertung zentral oder dezentral auf Landesebene erfolgen solle. Bei diesem Streit geht es nach der Einschätzung von Hess nicht allein um die Sache, sondern auch um die Sorge von Beteiligten über den Verlust von Zuständigkeiten. Gleichwohl rechnet er mit einem Zustandekommen der SQS-Richtlinie noch in diesem Jahr.

Mit deren Umsetzung ist das AQUA-Institut beauftragt worden. Dessen Geschäftsführer, Prof. Dr. med. Joachim Szecsenyi, wies auf die Notwendigkeit einer über Ländergrenzen hinausgehenden SQS hin: „Anders kann die bestehende Patientenmobilität nicht erfasst werden.“ Gleichwohl müssten Daten für regionale Auswertungen zur Verfügung gestellt werden können. In Bezug auf die externe Qualitätssicherung im stationären Bereich sprach sich Szecsenyi für eine Weiterentwicklung des strukturierten Dialogs aus. „Wir denken, dass man jede Einrichtung alle drei Jahre besuchen sollte, auch die guten, damit man von ihnen lernen kann.“

Szecsenyi, wie zuvor auch schon Hess, betonte die Notwendigkeit, mit möglichst geringem bürokratischem Aufwand eine gute Abbildung der Qualität zu ermöglichen. Szecsenyi plädiert für eine Gesetzesänderung, um einen besseren Zugang zu Routinedaten der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung zu erhalten. Dem Anliegen, mithilfe von im Krankenhaus ohnehin anfallenden Routinedaten die Qualitätssicherung voranzutreiben, hat sich auch die Initiative Qualitätsmedizin (IQM) verschrieben – ein Zusammenschluss von aktuell 114 Krankenhäusern unterschiedlichster Trägerschaft. „Man staunt, was damit alles schon möglich ist und was auch gemacht wird“, betonte Prof. Dr. med. Peter Scriba, Präsident des wissenschaftlichen Beirats der Initiative.
Thomas Gerst
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