ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2009Förderprogramm Allgemeinmedizin: Warten auf den Hausarzt

POLITIK

Förderprogramm Allgemeinmedizin: Warten auf den Hausarzt

Korzilius, Heike

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LNSLNS Circa 100 Millionen Euro stehen jährlich zur Verfügung, um den hausärztlichen Nachwuchs zu fördern. Doch der bleibt weiterhin aus. Ärzte, Krankenhäuser und Kassen starten jetzt einen neuen Anlauf, die Weiterbildungsbedingungen zu verbessern.

Foto: Karen Brett/SPL/Agentur Focus
Foto: Karen Brett/SPL/Agentur Focus
Hausarzt verzweifelt gesucht!“ In einigen ländlichen Regionen Deutschlands ist das bereits Wirklichkeit. Hier finden sich die Patientinnen und Patienten in überfüllten Wartezimmern wieder, die Wege zum nächsten Allgemeinarzt werden länger, Nacht- und Notdienste zum Problem. Doch nicht nur auf dem Land fehlen Hausärztinnen und Hausärzte. Selbst in so beliebten Städten wie Hamburg, Köln oder Dresden hätten Allgemeinmediziner inzwischen wieder Möglichkeiten, sich im Rahmen der Bedarfsplanung in eigener Praxis niederzulassen.

Tatsächlich ist die Zahl der Hausärzte in den vergangenen Jahren kontinuierlich gesunken, und zwar von 58 718 im Jahr 2003 auf 58 304 im Jahr 2007. Erschwerend kommt hinzu, dass knapp 20 Prozent von ihnen 60 Jahre und älter sind und deshalb in den nächsten Jahren aus der Versorgung ausscheiden werden. Das weist das Bundesarztregister der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) aus. Angesichts dieser Zahlen und der demografischen Entwicklung mit immer mehr älteren und chronisch kranken Menschen kam eine Arbeitsgemeinschaft der Obersten Landesgesundheitsbehörden im vergangenen Jahr zu dem Schluss, dass in den nächsten zehn bis 15 Jahren in Deutschland bis zu 15 000 Hausärzte fehlen.

Kritik an niedriger Vergütung
Das ist die Situation zehn Jahre, nachdem erstmals das Förderprogramm für Allgemeinmedizin aufgelegt wurde, das damals noch Initiativprogramm zur Förderung der Allgemeinmedizin hieß. Seitdem stehen rein rechnerisch rund 110 Millionen Euro jährlich zur Verfügung, um Weiterbildungsstellen für angehende Hausärzte in den Krankenhäusern und den Praxen finanziell zu fördern. Doch die Förderkontingente wurden in all den Jahren nur jeweils zu gut zwei Dritteln ausgeschöpft.

Einer, der eine Antwort auf die Frage nach dem Warum geben kann, ist Dr. med. Thomas Brückner*. „Ich hatte wirklich vor, Allgemeinmedizin zu machen“, sagt der 43-Jährige, der nach vier Jahren Weiterbildung in Anästhesie und acht Jahren Schreibtischtätigkeit in die Patientenversorgung zurückkehren wollte. Die Mischung aus Medizin und Zuwendung, die Nähe zu den Patienten machen für ihn den Reiz des Fachs aus. Doch er hat sich umentschieden. „Ganz klar auch aus finanziellen Gründen“, erklärt Brückner. Denn während die allgemeinmedizinischen Weiterbildungsassistenten im Krankenhaus nach Tarif bezahlt werden, der bei rund 4 000 Euro brutto monatlich liegt, erhalten sie im ambulanten Bereich meist nur 2 040 Euro monatlich. Das entspricht der Fördersumme, die die Kassenärztlichen Vereinigungen (KVen) und die Krankenkassen zu gleichen Teilen zahlen. „Obwohl meine Frau auch berufstätig ist, kann ich als Familienvater mit zwei Kindern von einem solchen Gehalt nicht leben“, sagt der Wahlberliner. Er hat sich inzwischen entschieden, seine Weiterbildung zum Anästhesisten fortzusetzen und danach in der Schmerztherapie zu arbeiten. „In dem Bereich habe ich vor Jahren gearbeitet, und das habe ich sehr gerne gemacht.“

Dr. med. Barbara Jansen* teilt Brückners Kritik an der niedrigen Vergütung. „Das ist der Punkt, an dem viele sagen, das kann ich mir nicht erlauben“, meint die 41-Jährige, die zurzeit ihre allgemeinmedizinische Weiterbildung in einer Landarztpraxis in Sachsen-Anhalt absolviert. Sie hat sich dennoch entschieden weiterzumachen. „Mir gefällt an der Allgemeinmedizin, dass sie so patientennah ist“, sagt Jansen. Dabei war das Fach nur ihre zweite Wahl. Im Jahr 2001 legte sie bereits ihre Facharztprüfung in Chirurgie ab. Doch das Kreiskrankenhaus, in dem sie jahrelang mit Freude gearbeitet hat, wurde privatisiert. Die Arbeitsatmosphäre änderte sich, Jansen wollte weg. „Der Weg aus der Klinik heraus ist schwierig“, erklärt sie. „Als Chirurgin hat man nicht so bedingungslos die Möglichkeit, sich niederzulassen.“ Sie entschloss sich also umzusatteln, und schnell fiel die Wahl auf die Allgemeinmedizin: „Ich will mit Patienten arbeiten. Außerdem werden Hausärzte gesucht.“ Jansens Stelle wird im Rahmen des Förderprogramms mit besagten 2 040 Euro monatlich finanziert.

Dass die niedrige Vergütung im ambulanten Bereich den Nachwuchs abschreckt, hat zwischenzeitlich auch die Politik aufgegriffen. Seit dem vergangenen Jahr gibt das Gesetz zur Weiterentwicklung der Organisationsstrukturen in der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung vor, die Weiterbildungsassistenten „angemessen“ zu vergüten. Diesen Auftrag setzen die Vertragspartner des Förderprogramms Allgemeinmedizin – die KBV, die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und der Spitzenverband Bund der Krankenkassen – jetzt um. Die neue Vereinbarung, die allerdings noch nicht alle Vertragspartner unterzeichnet haben, sieht vor, die Fördersumme im ambulanten Bereich auf 3 500 Euro monatlich zu erhöhen. Den Betrag finanzieren Kassenärztliche Vereinigungen und Krankenkassen zu gleichen Teilen. Zuschläge gibt es, wenn der Assistent in einem unterversorgten Gebiet tätig wird (siehe Kasten).

Im Krankenhaus beläuft sich die Förderung durch die Krankenkassen für angehende Allgemeinärzte weiterhin auf 1 020 Euro in der Inneren Medizin mit ihren Schwerpunkten. 1 750 Euro fließen, wenn sich der Assistent in einem anderen Gebiet der unmittelbaren Patientenversorgung weiterbildet.

Die Politik will den Lotsen
„Jetzt wird in Klinik und Praxis gleich bezahlt“, lobt die Vizepräsidentin der Bundes­ärzte­kammer, Dr. med. Cornelia Goesmann, die selbst als Hausärztin tätig ist. „Das ist ein großer Erfolg.“ Goesmann befürwortet außerdem die unterschiedlich hohen Fördersummen im Krankenhaus. „Das erhöht die Akzeptanz der Häuser, in den kleineren Fächern auch für kürzere Zeit jemanden weiterzubilden.“ Die neue Vereinbarung soll bereits am 1. Januar 2010 in Kraft treten.

Dabei ist die Weiterbildung im Fach Allgemeinmedizin die einzige, die gefördert wird. Das ist durchaus politisch gewollt. Leitbild ist der Hausarzt als Lotse durch das Gesundheitssystem. Seit Jahren werben Vertreter der Hausärzte, Politiker und Gesundheitsexperten für ein Versorgungsmodell, in dem qualifizierte Allgemeinärzte die Behandlung ihrer Patienten koordinieren. Denn, so die Argumentation, eine sinnvolle Steuerung der Patienten durch das Gesundheitssystem verspreche nicht nur bessere Behandlungsergebnisse, sondern auch eine wirtschaftlichere Versorgung.

Vor diesem Hintergrund sind denn auch die Reformen der Weiter­bildungs­ordnung in den vergangenen 13 Jahren zu sehen. 1996 ebnete der 99. Deutsche Ärztetag den Weg für den Hausarzt der Zukunft, den in fünf Jahren weitergebildeten Facharzt für Allgemeinmedizin, der alleiniger Träger der hausärztlichen Versorgung sein sollte. Man versprach sich von der verlängerten Weiterbildungszeit eine Aufwertung des Fachs – und mit Blick auf die hausärztlich tätigen Internisten ein Ende der leidigen Diskussion um den besseren Hausarzt.

Die Umsetzung der Weiterbildungsnovelle knüpfte der 100. Deutsche Ärztetag jedoch an die Bedingung, dass Politik und Krankenkassen die Finanzierung des zusätzlichen Bedarfs an allgemein-medizinischen Weiterbildungsstellen sichern – die Geburtsstunde des „Initiativprogramms zur Förderung der Allgemeinmedizin“. Das Konzept erarbeitete auf Initiative der Ge­sund­heits­minis­ter­kon­fe­renz der Länder eine Arbeitsgruppe, der Vertreter der Bundes­ärzte­kammer, der KBV, der DKG und der Krankenkassen angehörten. Das Programm startete am 1. Januar 1999, nachdem die dafür notwendigen gesetzlichen Grundlagen geschaffen worden waren.

Aber: „Das Geld ist das eine“, sagt Weiterbildungsassistent Brückner. „Als Allgemeinmediziner werden Sie ja völlig allein gelassen und müssen sich ihre Weiterbildung irgendwie zusammenstoppeln.“ Angesichts häufig notwendiger Stellenwechsel sollen nach der neuen Fördervereinbarung deshalb künftig sogenannte Koordinierungsstellen die Assistenten bei der Organisation ihrer Weiterbildung unterstützen. „Ziel ist es, dass jedes Land eine eigene Koordinierungsstelle schafft, die lokale Weiterbildungsverbünde berät, Mentoren für die Assistenten bestellt und Weiterbildungsstellen vermittelt“, erklärt BÄK-Vizepräsidentin Goesmann. Zumindest Brückner hält viel von einem solchen Konzept. „Nur eine koordinierte Weiterbildung kann die Attraktivität der Allgemeinmedizin wieder erhöhen.“ Es sei schließlich sinnvoll, dass man sich als angehender Hausarzt auch in Fächern wie Kinderheilkunde oder Orthopädie weiterbilde. „Das sind ja Fachgebiete, mit denen man als -Allgemeinmediziner hinterher konfrontiert ist.“

Perspektive Hausarzt
Die DKG zeigt sich hier skeptischer. In Brandenburg werde seit einem Jahr ein solches Verbundmodell erprobt, an dem sich die Landeskrankenhausgesellschaft, die KV und die Ärztekammer beteiligten. Die teilnehmenden Ärzte erhalten einen Rahmenvertrag für die gesamte Dauer ihrer Weiterbildung, wobei die Vertragspartner die Organisation sämtlicher benötigter Weiterbildungsabschnitte im stationären und im ambulanten Bereich garantieren. Bezahlt werden die Assistenten auf Krankenhausniveau. „Allerdings lässt das mäßige Interesse von Weiterbildungsassistenten an dieser Form der Weiterbildung darauf schließen, dass der Bedarf überschätzt wird“, heißt es aus der DKG ernüchtert.

Alles in allem nimmt jedoch die Akzeptanz des Förderprogramms in den Krankenhäusern zu. Die Zahl der beteiligten Krankenhäuser und Rehabilitationseinrichtungen stieg der DKG zufolge zwischen 1999 und 2008 von 543 auf 1 373. Auch die Zahl der geförderten Stellen wuchs deutlich von 935 im Jahr 1999 auf 1 778 im Jahr 2008. Allerdings weist DKG-Sprecher Holger Mages auch darauf hin, dass es für die Krankenhäuser relativ unattraktiv ist, ohne finanzielle Unterstützung Allgemeinmediziner weiterzubilden. „Deren Weiterbildung erfolgt für den fremden Bedarf“, erklärt er. „Die Allgemeinmediziner werden nach ihrer Weiterbildung zu annähernd 100 Prozent im ambulanten Bereich tätig.“ Der häufige Abteilungswechsel im Krankenhaus binde zudem in hohem Maß interne Kapazitäten und stelle hohe organisatorische Anforderungen. Angesichts des Ärztemangels, der inzwischen auch in den Krankenhäusern drohe, müsse man das fortdauernde Engagement der Kliniken für die allgemeinmedizinische Weiterbildung auch einmal positiv herausstellen.

Die DKG rechnet damit, dass sich die steigende Zahl der Ärzte im Förderprogramm über kurz oder lang auch in einem Anstieg der Facharztanerkennungen niederschlägt. Die jüngsten Zahlen der KBV stimmten hier eher bedenklich. 2008 wurden 702 Facharztanerkennungen weniger ausgesprochen als noch im Jahr zuvor (2007: 1 938; 2008: 1 236).

„Hier macht sich der Hausärztemangel schon bemerkbar“, bestätigt die angehende Allgemeinärztin Jansen den Trend. „Der zweite Kollege am Ort hört nächstes Jahr aus Altersgründen auf. Das wird dann eng. Denn die Praxis, in der ich arbeite, ist jetzt schon übervoll.“ Sie selbst kann sich eine Tätigkeit als Landärztin durchaus vorstellen. Zwar schrecken auch sie Nacht- und Notdienste. Aber: „Auf dem Land, das ist wie früher, als der Doktor und der Pfarrer noch etwas galten. Der Umgang mit den Patienten ist fast familiär.“

Um die positiven Seiten des Berufs herauszustellen, ist der Deutsche Hausärzteverband vor Kurzem zur Tat geschritten. Im Rahmen der Kampagne „Perspektive Hausarzt“ stellt er Informationsmaterial für Medizinstudierende bereit. In Sachsen soll ein Tag der offenen Tür in Hausarztpraxen Schüler der Klassen elf und zwölf über den Beruf informieren. Außerdem hat der Verband seine Mitglieder darüber befragt, welche beruflichen Themen sie für besonders wichtig halten. Auf einem der ersten Ränge: „Attraktivitätssteigerung des Hausarztberufs für Medizinstudierende“.
Heike Korzilius

*Namen von der Redaktion geändert


Das ist geplant
Im Rahmen der neuen „Vereinbarung zur Förderung der Weiterbildung in der Allgemeinmedizin“ können jährlich mindestens 5 000 Stellen in Krankenhäusern und Arztpraxen gefördert werden. Sie soll ab 1. Januar 2010 gelten.

Im ambulanten Bereich zahlen Kassenärztliche Vereinigungen (KVen) und Krankenkassen jeweils 1 750 Euro je Stelle. In unterversorgten Gebieten finanzieren KVen und Kassen jeweils hälftig einen Zuschlag von 500 Euro, bei drohender Unterversorgung von 250 Euro.

Im Krankenhaus zahlen die Kassen für Stellen in der Inneren Medizin und ihren Schwerpunkten pro Stelle 1 020 Euro. 1 750 Euro gibt es in anderen Gebieten der unmittelbaren Patientenversorgung.

Auf Landesebene sollen bis zum 1. Juli 2010 Koordinierungsstellen eingerichtet werden. Sie unterstützen Weiterbildungsverbünde, organisieren den Ablauf der Weiterbildung für die Assistenten, evaluieren die Weiterbildung sowie die Weiterbildungsstätten und gewinnen Mentoren, die die Weiterzubildenden begleiten.
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