ArchivDeutsches Ärzteblatt24/1997100. Deutscher Ärztetag: Orientierung in Zeiten des Umbruchs

POLITIK: Leitartikel

100. Deutscher Ärztetag: Orientierung in Zeiten des Umbruchs

Jachertz, Norbert

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Das Jubiläum wurde zwar gebührend begangen, doch der 100. Deutsche Ärztetag, der vom 27. bis 30. Mai in Eisenach stattfand, war keine Jubelfeier. Auf diesem Ärztetag war auffallend viel von "Grenzen" die Rede: Der Bundespräsident fragte nach den Grenzen des medizinisch Machbaren, der Ärztetagspräsident nach den Grenzen des Sozialstaates, und allgemein wurde auf dem Ärztetag über ethische Grenzen, die dem Arzt gezogen sind oder zu ziehen seien, debattiert. In diesen Zeiten des rapiden medizinisch-wissenschaftlichen Fortschritts und zugleich auch des ökonomischen Umbruchs ist der Wunsch nach Orientierung verbreitet. Der Ärztetag hat versucht, dem Rechnung zu tragen. Die Ärzteschaft ist willens, bei der Formulierung ethischer Regeln wie auch bei der Gestaltung des Gesundheitswesens mitzuwirken. Die sprichwörtlichen Patentrezepte hat sie freilich nicht zu bieten. Auch sie sucht nach Orientierung.


Selbst Bundespräsident Roman Herzog, der über dem politischen Getümmel steht, beschäftigte sich bei der Eröffnung des 100. Deutschen Ärztetages dezidiert mit der Gesundheitsreform. Er sprach zwar nicht ausdrücklich von den NOG-Gesetzen (das tat einen Tag später Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Horst Seehofer), doch Herzog erinnerte an einige Prinzipien, die durchaus in die aktuelle gesundheitspolitische Debatte passen.

Prinzipien der Gesundheitsreform
Und das sind Herzogs Prinzipien (wörtlich):
l Eine Kran­ken­ver­siche­rung ist für das medizinisch Notwendige da, nicht für das sozialpolitisch Wünschenswerte.
l Auch ein solidarisch organisiertes Gesundheitssystem darf den einzelnen nicht aus seiner Mitverantwortung entlassen.
l Der sparsame Mitteleinsatz muß sich auch im Gesundheitswesen lohnen, Fehllenkungen müssen vermieden werden.
l Wir brauchen keine Einheitsmedizin, sondern eine Vielfalt von Therapiemöglichkeiten und Trägern medizinischer Leistungen.
l Sparen muß so gestaltet werden, daß auch künftig kostenintensive Therapien möglich bleiben. Einfach gesagt: Lieber soll jeder sein Brillengestell selbst bezahlen, als daß wir die Herzoperation aus dem Leistungskatalog der Krankenkassen streichen!
l Einkommenserwartungen sind legitim, aber sie sind nicht der Maßstab für die Frage, welche Leistungen in welcher Höhe aus einem Solidarsystem zu finanzieren sind.
Zusammenfassend also - Herzog wandelte auf dem schmalen Grat zwischen Leistungsfähigkeit des Gesundheitswesens und Finanzierbarkeit. Auch er nannte das neue Zauberwort Mitverantwortung, andere sagen Eigenverantwortung. Seehofer sprach später direkter von Selbstbeteiligung. Die sei, sofern sozialverträglich, mehrheitsfähig. Denn in allen Lebensbereichen müsse ohnehin "ein Stück mehr Eigenverantwortung" Platz greifen.
Auf der gleichen Linie bewegte sich Thüringens Ministerpräsident Bernhard Vogel: Das gesamte soziale System drohe unbezahlbar zu werden und bedürfe einer zeitgemäßen Neuordnung. "Wenn wir weiterhin ein erstklassiges Sozialsystem erhalten wollen", fuhr Vogel fort, "dann brauchen wir auch weiterhin eine erstklassige Volkswirtschaft." Wenn Steuern und Lohnnebenkosten spürbar sinken sollen, "dann können wir nicht gleichzeitig die Leistungen noch ausweiten." Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer und des Deutschen Ärztetages, Karsten Vilmar, erinnerte gleichfalls an die Grenzen des Sozialstaates und an die auch in der Sozialpolitik spürbaren Folgen der Öffnung der Märkte.


An den Grenzen des Machbaren
Das andere Thema der öffentlichen Ansprachen beim Festakt und bei den Debatten der Arbeitstagung der Delegierten war der wissenschaftlich-medizinische Fortschritt. Die Grenzen des Machbaren wurden vielfach beschworen, der Bundespräsident fragte gar: "Sind wir eigentlich mental noch bereit, Grenzen des medizinisch Machbaren zu akzeptieren?" Oder: "Verleiten uns nicht die immer weiter verbesserten Therapiemöglichkeiten zu dem Irrglauben, alles sei medizinisch machbar?" Herzog gab sich keineswegs als Fortschrittsfeind, aber doch als Mahner, "daß wir uns dieser Grenzen immer bewußt bleiben - als Patienten und als Mediziner". Und wieder war die Rede von dem schmalen Grat: Der Segen, schwere Krankheiten schon vor der Geburt behandeln zu können, wiege schwer, der Fluch, weniger Defekte behandeln als diagnostizieren zu können, nicht minder. "Wie gehen wir mit diesem Wissen um?" fragte Herzog. Ärztliches Ethos kollidiere mit "modernem" Anspruchsdenken. Der Bundespräsident erwartet von der Ärzteschaft jedenfalls aktive Mitsprache in ethischen Fragen.
Ministerpräsident Vogel ist der Ansicht, die Frage, "was wir medizinisch verantworten können, wird sich künftig noch stärker stellen als bisher, weil eben nicht alles, was machbar ist, auch gemacht werden kann". Er erhofft sich von der Ärzteschaft eine zielführende Diskussion um Ethik und Verantwortung in der Medizin. Auch er beschrieb jenen bewußten schmalen Grat: "Wir müssen sowohl den Mut und die Kraft haben, rechtzeitig nein zu sagen und Grenzen zu ziehen. Wir müssen aber auch die Gabe der Unterscheidung haben und den Mut und die Kraft, rechtzeitig ja zu sagen."
Selbst Eisenachs Oberbürgermeister, Hans-Peter Brodhun, wich von der Tradition oberbürgermeisterlicher Grußworte ab und beschränkte sich nicht darauf, seine Stadt zu preisen, sondern faßte die "für den Laien unglaublichen Forschungsergebnisse" ins Auge. Die Hoffnungen der Patienten seien freilich längst nicht mehr nur auf den Arzt gerichtet. Die ethischen, moralischen und sozialen Ansprüche müßten mit dem Fortschritt mithalten, und das sei eine Aufgabe für Ärzte und Politiker gleichermaßen.


Friedensgebete und politische Wende
Die Eröffnung des 100. Deutschen Ärztetages fand in der Georgenkirche zu Eisenach statt. Wohl zum erstenmal wurde ein Ärztetag in einer noch regelmäßig dem Gottesdienst dienenden Kirche eröffnet, vermutete Eggert Beleites, der Präsident der gastgebenden Lan­des­ärz­te­kam­mer Thüringen. Beleites wie auch Superintendent Wolfgang Robscheit erinnerten an das Jahr 1989, als den Kirchen eine wichtige Aufgabe bei der politischen Wende in der damaligen DDR zukam. Auch die Georgenkirche war damals Treffpunkt und Gebetsstätte für Tausende, die sich im Friedensgebet vereinten und in einer friedlichen Revolution einen Neuanfang erreichten.
Kein Neuanfang, aber doch eine Neuorientierung steht dem deutschen Gesundheitswesen bevor, ja es steckt eigentlich schon mittendrin. Der medizinische Fortschritt, die steigenden Behandlungschancen und damit steigenden Kosten, die Altersstruktur der Bevölkerung, die wachsenden Anforderungen an medizinische und pflegerische Betreuung - die Chancen also und die Notwendigkeiten kollidieren mit einem enger werdenden Finanzrahmen, bedingt durch Arbeitslosigkeit und damit Mittelknappheit in einem Gesundheitswesen, das überwiegend aus Lohnanteilen finanziert wird. Die anstehende Gesundheitsreform, so sie denn im Bundestag durchkommt (das war bei Redaktionsschluß noch nicht bekannt), wird der ärztlichen Selbstverwaltung neue Aufgaben zuweisen. Das entspricht der neubelebten Idee der Subsidiarität. Diese Aufgabenzuweisung an die Selbstverwaltung ist nicht nur Chance. Sie könnte sich auch als DanaerGeschenk erweisen, dann nämlich, wenn der Selbstverwaltung mit den Aufgaben nicht zugleich auch die nötige Kompetenz zugewiesen wird - und die Selbstverwaltung nicht sachkundig, mutig und entschlossen die neuen Spielräume nutzt. Die Ärzteschaft scheint, nach den Bekundungen auf dem 100. Deutschen Ärztetag, durchaus die Chance zu sehen und ergreifen zu wollen. Sie fühlt sich, das geht aus der Rede Karsten Vilmars hervor, in der Verantwortung, nicht nur für die Ärzte, sondern auch und vor allem für den Patienten und die Allgemeinheit. Soweit die Gesundheitspolitik. Der Ärztetag hat sich auch dem anderen großen Thema der Medizin, den aus dem Fortschritt resultierenden ethischen Fragen gestellt, nicht zum erstenmal übrigens. Die Bundes­ärzte­kammer, die ja Veranstalterin der Deutschen Ärztetage ist, bemüht sich seit Jahren um Regeln und Richtlinien. Die jüngste betrifft die ärztliche Sterbebegleitung. Auch die wurde auf dem Ärztetag thematisiert, nicht zuletzt durch Thüringens Kammerpräsident Beleites. Der Ärztetag hat hierzu, wie auch zu anderen ethischen Fragen, keine fertigen Antworten liefern können. Die Auseinandersetzung über das, was der Arzt tun oder nicht tun darf, was die Gesellschaft von ihm erwarten oder nicht erwarten darf, ist in vollem Gang. Auch das kam in Eisenach zum Ausdruck. Norbert Jachertz

Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema

Stellenangebote