ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2009Medizinische Anthropologie: Nachlesen, Nachschlagen, Nachdenken

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Medizinische Anthropologie: Nachlesen, Nachschlagen, Nachdenken

Dtsch Arztebl 2009; 106(49): A-2471 / B-2122 / C-2062

Schott, Heinz

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Hans Stoffels (Hrsg.): Soziale Krankheit und soziale Gesundung. Beiträge zur medizinischen Anthropologie, Band 6. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008, 231 Seiten, kartoniert, 34,80 Euro
Hans Stoffels (Hrsg.): Soziale Krankheit und soziale Gesundung. Beiträge zur medizinischen Anthropologie, Band 6. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008, 231 Seiten, kartoniert, 34,80 Euro
Der Internist und Neurologe Viktor von Weizsäcker (1886–1957), der sich zunächst aktiv an der physiologischen Forschung beteiligte und dann die Psychoanalyse Sigmund Freuds für die Innere Medizin nutzbar machte, propagierte bereits seit den 20er-Jahren die „medizinische Anthropologie“ als einen Ausweg aus der sogenannten Krise der (naturwissenschaftlichen) Medizin. In den Nachkriegsjahren wurde er als Ordinarius für Allgemeine Klinische Medizin an der Ludolf-Krehl-Klinik in Heidelberg zu einem wichtigen Promotor der psychosomatischen Medizin in Deutschland. Seine Ideen prägten zahlreiche Schüler und Mitarbeiter, die sie in unterschiedlicher Weise verarbeiteten. Es sei hier nur an den Psychoanalytiker und Schriftsteller Alexander Mitscherlich sowie an Marianne Fuchs, die Begründerin der Funktionellen Entspannung, erinnert.

Der Inhalt des Bandes basiert hauptsächlich auf den Ergebnissen einer Jahrestagung der 1994 gegründeten Viktor-von-Weizsäcker-Gesellschaft im Jahr 2000 in Berlin. Der Buchtitel ist von einem 1930 publizierten Vortrag Viktor von Weizsäckers übernommen. Er attackierte damals die „Renten-“ beziehungsweise „Rechtsneurose“, die sozial bedingt sei. Demzufolge wollte er dem Kranken kein Entschädigungsrecht, sondern nur ein Behandlungsrecht zubilligen. Angesichts der ökonomischen und sozialen Verwerfungen am Vorabend der nationalsozialistischen Diktatur erscheinen manche Gedankengänge und Redeweisen des Autors aus heutiger Sicht allerdings als problematisch.

Im einleitenden Beitrag untersucht der Philosoph Michael Theunissen von Weizsäckers Begriff der „sozialen Krankheit“ anhand des programmatischen Texts von 1930. Subtil zeigt er die Aporien und Unschärfen im Denken des Autors auf, ohne ihn zu desavouieren, und unterstreicht dessen Einsicht in den – auch heute feststellbaren – unlösbaren Konflikt des Arztes, seinen „Zweifrontenkrieg“, den Antagonismus „zwischen dem Dienst am Staat und dem Dienst am Kranken“. Interessant ist das hier erstmals publizierte „Memorandum an die Notgemeinschaft der deutschen Wissenschaft zur Reform des Sozialversicherungswesens“ von 1932. Dabei ging der Autor von seinen ärztlichen Erfahrungen mit der „Situationstherapie“ aus, die er in einer von ihm eingerichteten „Behandlungsabteilung“ für sogenannte Unfall- beziehungsweise Rentenneurotiker praktizierte. Seine damaligen Reformvorschläge sind auch für gegenwärtige psychosoziale Ansätze in der Medizin, nicht zuletzt im Hinblick auf die Rehabilitation, durchaus anregend, wie verschiedene Beiträge aufzeigen. Es kann hier nicht auf die einzelnen Artikel von Vertretern der Theologie, Medizinsoziologie, Neurologie, Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik eingegangen werden. Bei der Thematik lag es auf der Hand, von Weizsäckers vieldiskutiertes Verhältnis zum Nationalsozialismus in den Blick zu nehmen. Wie kompliziert und schwierig es ist, seine Position sachgerecht im historischen Kontext zu analysieren, demonstriert Peter Achilles am Beispiel des fragwürdigen Begriffs der konservativen Revolution, dessen gelegentliche Verwendung manche Weizsäcker-Kritiker zu einseitigen Schlussfolgerungen verleitet hat.

Es ist der Initiative des Herausgebers zu verdanken, dass im letzten Teil des Bandes neun Zeitzeugen zu Wort kommen, die über ihre Begegnungen mit Viktor von Weizsäcker berichten. Besonders seien hier die „Erinnerungen an den Vater“ von Cora Penselin hervorgehoben, die als einziges von vier Kindern ihren Vater überlebte und im April 2009 kurz vor ihrem 80. Geburtstag in Bonn verstorben ist. Auch in ihrer Familiengeschichte bedeutete die Kriegskatastrophe das größte Trauma. 1945 verlor die Familie fast ihren gesamten Besitz in Breslau, worüber die Eltern nie geklagt hätten: „Alles war eigentlich bedeutungslos gegenüber dem Verlust ihrer beiden Söhne und später auch meiner Schwester. Das war beherrschend in unserem Leben.“

Der sorgfältig edierte und ansprechend aufgemachte Sammelband lädt ein zum Nachlesen, Nachschlagen und Nachdenken.
Heinz Schott

Hans Stoffels (Hrsg.): Soziale Krankheit und soziale Gesundung. Beiträge zur medizinischen Anthropologie, Band 6. Königshausen & Neumann, Würzburg 2008, 231 Seiten, kartoniert, 34,80 Euro
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