ArchivDeutsches Ärzteblatt49/2009Schach: Heilmittel Schach

SCHLUSSPUNKT

Schach: Heilmittel Schach

Dtsch Arztebl 2009; 106(49): [104]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Nach dem letzten Ärzteturnier in Bad Neuenahr schrieb mir mein Schulfreund Dr. med. Norbert Knoblach: „Etwa ein Dutzend Kollegen (familiärer Anhang mitgerechnet) reiste wie ich schon am Donnerstag an, um sich auf die ,schönste Zeit des Jahres‘, die drei Tage Ärzteturnier, einzustimmen . . . Am Sonntagnachmittag spazierte ich am Ufer der Ahr entlang und entdeckte dort einen steinernen Schachtisch mit vier Stühlen. Ohne Spieler und ohne Figuren sah er allerdings etwas traurig aus; das passte zu meiner wehmütigen Stimmung am Sonntagnachmittag, als das Turnier zu Ende war und fast alle Kollegen weggefahren waren.“

Wer kennt es nicht, dieses Gefühl „post festum“, wenn alles vorbei ist, oft sogar wenn ein lohnendes Ziel erreicht ist, auf welches wir lange voller Mühsal und mit all unserem Streben hingearbeitet haben. Blaise Pascal (1623–1662): „Nichts ist so unerträglich für den Menschen, als sich in einer vollkommenen Ruhe zu befinden, ohne Leidenschaft, ohne Zerstreuung, ohne Beschäftigung. Er wird dann sein Nichts fühlen, seine Preisgegebenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere. Unaufhörlich wird aus dem Grund seiner Seele der Ennui aufsteigen, die Schwärze, die Traurigkeit, der Kummer, der Verzicht, die Verzweiflung.“

Was jeder auf seine Weise zu bekämpfen beziehungsweise zu lindern versucht, unsereins eben mit dem Schachspiel, dem seit alters her sicher nicht zu Unrecht gerühmten „Königlichen Spiel“. Im frühen Mittelalter schleudert der islamische Gelehrte Ibn Al-Mu’tazz einem klerikalen Kritiker entgegen: „Ach du, der du so zynisch und spöttisch das Schachspiel tadelst, wisse, warum wir es lieben: . . . Es ist da, wann immer wir es brauchen. Es lindert den Schmerz, und droht uns Gefahr, bedrückt uns die Angst, so ist es ein Freund in unserer Einsamkeit.“

Das Taedium vitae, der Ennui, die Langeweile gehört nach Kierkegaard von Anbeginn an zu unserem Menschsein wie die Erbsünde: „Erst langweilten sich die Götter. Sie schufen den Menschen. Dann langweilte sich Adam. Eva wurde ihm beigegeben. Dann langweilten sich Adam und Eva en famille, schließlich die Menschheit en masse, und als man den Babylonischen Turm baute, war die Langeweile bereits so groß, wie der Turm hoch war.“

Gott sei Dank haben wir in diesem Jammertal noch unsere Dichterfürsten Schiller und Goethe. Für Ersteren war das Schachspiel ein großer Trost auf seinem Krankenbett, für Letzteren ein „Probierstein des Gehirns“ – und weiterhin: „Langeweile ist ein böses Kraut, aber auch eine Würze, die viel verdaut.“

Jetzt jedenfalls gegen unsere Langeweile eine Prise Schach. Beim letzten Ärzteturnier hatte der forschende Essener Arzt Dr. med. Thomas Wessendorf, der sich nicht allzu viel zu langweilen scheint, gegen Dr. med. Volkmar Sieger diese Stellung:

Letzterer hatte gerade auf f3 einen Springer geschlagen und erwartete „natürlich“ das Wiederschlagen seines Läufers dortselbst. Doch just im Verzicht auf dieses Wiederschlagen kam Dr. Wessendorf, der ansonsten den Bundesligaverein Essen-Katernberg verstärkt und – leider muss ich’s sagen – mir einmal bei einem Schnellschachturnier ein Remis abgeknöpft hatte, als Weißer in Sieg verheißenden materiellen Vorteil. Wie kam’s?

Lösung:
Nach dem (Schein-)Damenopfer 1. Dxc6! verlor Schwarz zwangsläufig eine Figur – es hängen gleichzeitig seine Dame und seine beiden Läufer. Es folgte 1. . . . Dxc6 und nun die Springergabel 2. Sxe7+ Kh8 3. Sxc6; nach der so eingeheimsten Figur kam nach dem Zwangsrückzug des Läufers 3. . . . Lh5 durch 4. cxb4 axb4 5. Sxb4 noch ein fetter Bauer hinzu.
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